„Wir wollen den Dialog“

  • Burundi - 02.05.2017

Verfolgung der Gegner, Hunger und Armut. Seit der Präsident von Burundi 2015 eine irreguläre dritte Amtszeit durchgesetzt hat, spitzt sich die Krise in dem ostafrikanischen Land weiter zu. An die 400.000 Burunder sind bereits in die Nachbarländer oder ins Exil geflohen, bis zu 1.000 Oppositionelle und Bürger sollen bei Protesten und Auseinandersetzungen getötet worden sein. Viele Journalisten, aber auch Priester haben das Land verlassen, weil sie Angst vor Verfolgung haben. Derweil sucht die Kirche den Dialog. Ein Gespräch mit dem burundischen Schönstatt-Pater Déogratias Maruhukiro, der in Zusammenarbeit mit dem Institut Caritaswissenschaft und Christliche Soziallehre der Universität Freiburg das „Afrikanische Netzwerk für Frieden, Versöhnung und Schaffung einer nachhaltigen Entwicklung“, kurz „Rapred-Girubuntu“, leitet.

Frage: Pater Déogratias, hunderttausende Menschen sind aus Burundi geflohen. Wie ist die Situation im Land aktuell?

Pater Déogratias: Nachdem Präsident Pierre Nkurunziza 2015 unrechtmäßig eine dritte Amtszeit angetreten hat, sind in Burundi besonders viele junge Menschen auf die Straße gegangen. Die Regierung schlug diese Proteste nieder. Dann gab es von Seiten des Militärs einen Putschversuch, den die Regierung wieder niederschlug. Seither sind an die 400.000 Menschen geflohen, die meisten in die Nachbarländer Ruanda, Kongo, Tansania und Kenia. Auch die privaten Medien wurden zerstört und es gibt kaum noch Gegenstimmen gegen das Vorgehen der Regierung. Der UN-Sicherheitsrat hatte den Vorstoß gemacht, eine Untersuchung der Menschenrechtslage im Land vorzunehmen, aber die Regierung hat das blockiert. Somit gibt es keine offizielle unabhängige Stimme mehr in Burundi.

Frage: Aber die Kirche äußert sich: einer Ihrer Mitbrüder, der noch in Burundi lebt, hat sich neulich in einer Predigt über die aktuelle politische Lage kritisch geäußert. Was hat Pater Herménégilde gesagt?

Pater Déogratias: Pater Herménégilde hat von der Hungersnot gesprochen, die auch hierzulande herrscht, weil viele Menschen geflohen sind und ihre Felder nicht bestellt haben. Er sprach von der Gewalt und den Entführungen – man weiß nicht, ob die Menschen noch am Leben oder im Gefängnis sind. Pater Herménégilde hat auch die Korruption im Land angesprochen. Die Regierung hingegen streitet das alles ab und behauptet, im Land herrsche Frieden. Deshalb hat mein Mitbruder die Christen dazu aufgerufen, den Mut zu haben, diese Probleme trotzdem anzusprechen.

„Der Dialog in Burundi muss stattfinden“

In Burundi droht ein Bürgerkrieg. Einer, der sich trotz Morddrohungen für den Frieden einsetzt, ist Erzbischof Simon Ntamwana. Für ihn gibt es nur einen Weg aus der Krise.

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Frage: Sie haben die Hungersnot erwähnt, wie ist die aktuelle Situation?

Pater Déogratias: Ganz Ostafrika ist ja von einer Hungersnot betroffen, etwa Südsudan und Äthiopien, und auch Burundi gehört dazu. Hinzu kommt die politische Krise. Burundi steht unter Sanktionen; die EU und die USA haben ihre Wirtschaftsförderung ausgesetzt. Das führt im Land zu Armut und Hunger. Einige Menschen sind bereits verhungert! Die Regierung spielt das herunter und lässt sich dabei von Russland und China unterstützen, die jegliche UN-Resolution zu Burundi blockieren.

Frage: Seit seiner kritischen Predigt wird Pater Herménégilde bedroht – von wem und gibt es weitere Priester, die in Gefahr sind?

Pater Déogratias: Viele Priester, die Kritik an der Regierung geübt haben, haben Angst vor Verfolgung und fliehen ins Ausland. Aber auch im Exil sind sie nicht vor der Verfolgung sicher und werden zum Teil regelrecht ausspioniert. In Burundi wiederum ist ein Priester von einer bewaffneten Gruppe entführt worden, kam dann aber wieder frei. Die Identität dieser Gruppe ist noch nicht klar. Es waren entweder Anhänger der Regierung, also Milizen, oder Anhänger der Opposition, die ihre Macht demonstrieren wollen. Das zeigt, dass das Land alles andere als friedlich und sicher ist. Neben dieser Gewalt gibt es auch ein neues Mittel, um den Priestern zu schaden: Die Diffamierung. Sie versuchen, Priester über Medien und soziale Netzwerke schlecht zu machen und sie so unter Druck zu setzen.

Frage: Der Erzbischof von Gitega, Simon Ntamwana, stärkt Kritikern der Regierung den Rücken. Wie ist momentan das Verhältnis der Kirche zur Regierung?

Pater Déogratias: Erzbischof Simon Ntamwana war einer der ersten Kritiker der dritten Amtszeit des Präsidenten; insgesamt hat sich die katholische Kirche mehrfach dagegen gewandt und vor einem neuen Bürgerkrieg gewarnt. Durch diese Äußerungen hat die Kirche viele Drohungen erhalten, vereinzelt gab es auch Attentatsversuche gegen Bischöfe. Erzbischof Simon ermutigt die Priester und die Gläubigen aber weiterhin, für Gerechtigkeit einzutreten. Wörtlich sagte er: „Ein Mann Gottes darf keine Angst haben, für sein Volk zu sprechen. Wir sind bereit, nach dem Vorbild der Märtyrer für die Frohe Botschaft zu sterben.“ Dennoch haben viele Priester nicht den Mut, sich zu äußern. Ich glaube, es ist wichtig für die Kirche, dass sie ein prophetisches Zeichen setzt, dass Christen auch in schwierigen Zeiten Zeugen Christi sein sollten.

Frage: Welchen Beitrag kann die Kirche zur politischen Lösung der Krise leisten?

Pater Déogratias: Die Kirche fordert den Dialog zwischen der Regierung und der Opposition und ist auch bereit, sich daran zu beteiligen. Sie ruft die politischen Lager dazu auf, sich an einen Tisch zu setzen, um eine Lösung für den Frieden im Land zu finden. Aber der Dialog ist so gut wie gescheitert. Wenn die ganze Opposition verfolgt wird und ins Ausland flieht oder sich am Ende sogar einer Rebellengruppe anschließt, ist das gefährlich für das Land, dann gibt es einen Bürgerkrieg. Um das zu verhindern, sollte sich die Kirche des Landes mit anderen weltkirchlichen Partnern – auch der Deutschen Bischofskonferenz – verbinden und sich für den Dialog einsetzen.


Von Claudia Zeisel, Internetportal Weltkirche

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