„Wer fehlt dir?“

Jeden Donnerstag marschieren sie auf dem Mai-Platz im Zentrum von Buenos Aires – seit 40 Jahren. Sie protestieren gegen das Verschwinden ihrer Söhne und Enkel während der brutalen Herrschaft des Militärs.

„Glauben Sie mir – keine von uns wollte eine Mutter der Plaza de Mayo werden!“ Tati Almeida erzählt ihre Geschichte, und man glaubt ihr das sehr schnell. Diese Geschichte ist ungewöhnlich, verstörend, aufrüttelnd. In der Mitte ihres Lebens wurde die heute 86-Jährige von einer konservativen Offiziersgattin zu einer Demonstrantin gegen die Armee; sie ist es bis heute.

Während der Militärdiktatur in Argentinien (1976-1983) verschwanden rund 30.000 Menschen: verschleppt, gefoltert, die meisten getötet, aus dem Flugzeug über dem Meer abgeworfen. Nur wenige Fälle sind bis heute aufgeklärt. Vor genau 40 Jahren, am 30. April 1977, versammelten sich erstmals die Mütter von Verschwundenen auf dem Platz der Mai-Revolution im Zentrum von Buenos Aires. Tati Almeida ist eine von ihnen.

Demonstration der Madres de la Plaza de Mayo auf dem Plaza de Mayo, 2012.

Adveniat

Die Geschichte der „Mütter der Plaza de Mayo“ ist auch eine Geschichte von Verrat. 8. Dezember 1977, vor der Kirche Santa Cruz, einem Zentrum des Widerstands: Nach der Messe geht Alfredo Astiz, ein junger Sympathisant – tatsächlich jedoch ein Geheimdienstoffizier, der sich das Vertrauen der Führungsriege der Madres erschlichen hatte – mit einem großen Geldschein unter den Kirchgängern herum, um einzelne nach Wechselgeld für eine gemeinsame Aktion zu fragen: ein vereinbartes Zeichen, Judaskuss und Todesurteil.

Die tags darauf ermordete damalige Vorsitzende der Madres, Azucena Villaflor de Vicenti, sollte nie erfahren, dass ausgerechnet ihr Vertrauter Astiz für ihren Tod verantwortlich war. Dass der „blonde Todesengel“, heute 65 Jahre alt, im November 2011 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, war für die Madres eine tiefe Genugtuung.

Tati Almeida wurde in eine Familie von Militärs geboren. Sie heiratete einen Militär und war von Militärs umgeben. In diesem Umfeld machte man Mitte der 1970er Jahre – Tati war 45 Jahre alt – die Regierung, die „Peronisten“, für das Chaos und die Gewalt im Land verantwortlich. Nur ihr Sohn Alejandro Almeida, Jungstudent und Sozialaktivist, schlug aus der Art und distanzierte sich von den Militärs, die im Volksmund „Gorillas“ genannt wurden. Seine einzige Vertraute in der Familie war seine Mutter. „Diesen Gorilla hier mag ich“, pflegte er zu sagen.

Nie wäre Tati auf die Idee gekommen, dass es nicht die „Peronisten“, sondern rechtsextreme Armeekreise waren, die für die Entführung ihres Sohnes am 17. Juni 1975 verantwortlich waren. Als die Peronisten 1976 weggeputscht wurden, freute sie sich noch: „Die schwarze Scheiße geht“, hieß es damals. Dabei wurde der Bock gerade zum Gärtner. Das musste Tati allmählich schmerzvoll lernen.

Madres de Plaza de la Mayo an Grabsteinen an der Kirche Santa Cruz.

Adveniat

Was hätte sie wohl vorher mit diesen Frauen verbunden, die seit April 1977 jeden Donnerstag mit ihren weißen Kopftüchern in der Innenstadt demonstrierten? „Die hätten mich doch eigentlich für eine Spionin halten müssen – bei meiner Herkunft.“ Doch die einzige Frage der „Mütter“ lautete: „Wer fehlt dir?“ Die so verschiedenen Frauen wurden geeint durch das gemeinsame Schicksal. „Wir wollten alle wissen: Wer hat das getan?“

„Damals konnten wir uns das Ausmaß der Verbrechen gar nicht vorstellen. Wie riefen: Wir wollen sie lebend wiederhaben – dabei waren sie längst tot.“ Es habe Jahre gebraucht, bis sie sich eingestanden hätten: Mein Kind ist tot. Und es ist tot, weil es ein Linker gewesen ist. Aus Protest nahm Tati – in Argentinien unüblich, denn Frauen behalten ihren Mädchennamen – den Namen ihres Sohnes an: Almeida. „Der Gorilla hat sich rasiert.“

Seitdem verlangen die Madres Gerechtigkeit. Und sie verehren weiter den 2010 gestorbenen Staatspräsidenten Nestor Kirchner (2003-2007) – weil er nach 20 langen Jahren endlich die ungerechten Amnestiegesetze für Diktaturverbrechen kassierte. Gerechtigkeit fordert Tati Almeida auch von der Kirchenleitung Argentiniens. Sie sei katholisch und bleibe es, sagt sie trotzig. Aber es fehle ihr ein klares Bekenntnis, dass sich damals viele Kirchenobere auf die Seite der Folterer und Mörder gestellt hätten.

Bis heute murmeln viele im Land abschätzig, es habe sicher einen Grund gehabt, dass die 30.000 damals verschwanden. „Wir Madres sagen voller Stolz: Ja, genau, das hatte einen Grund! Das waren Menschen mit Visionen, keine Flaschen und Wendehälse.“ Tati Almeida hat drei Söhnen das Leben geschenkt. Inzwischen ist sie auch Uroma. Und doch: Auf die Frage „Wer fehlt dir?“ würde sie auch heute noch ebenso antworten wie vor 40 Jahren.

Von Alexander Brüggemann

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