Geisterhochzeiten fürs Jenseits

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  • China - 25.04.2017

Sein toter Sohn sollte nicht allein beerdigt werden. Denn allein war er schon zu Lebzeiten, ein Junggeselle, nie verheiratet, keine Kinder. Wenigstens im Jenseits sollte er in Begleitung einer Gefährtin sein. Also kaufte der Vater den Körper einer toten jungen Frau für umgerechnet 24.000 Euro und beerdigte ihn zusammen mit seinem verstorbenen Sohn in einem Grab.

Von dem Fall berichtete jüngst die staatliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua. Solche „Geisterhochzeiten“ sind in China seit 1949 verboten. Sie werden aber nach wie vor geschlossen, vor allem in entlegenen Dörfern im Norden des Landes.

Für kriminelle Banden stellt diese umstrittene Tradition ein einträgliches Geschäft dar. Sie töten Frauen und verkaufen die Leichname an verzweifelte Eltern, die ihre Söhne post mortem verheiraten wollen. Vor zwei Jahren etwa wurde in der Provinz Shaanxi im Nordwesten Chinas ein Mann beschuldigt, zwei geistig behinderte Frauen ermordet zu haben, um diese auf dem Schwarzmarkt für Geisterhochzeiten zu verkaufen. Er hatte den Frauen versprochen, ihnen einen Mann zu suchen, dann aber tötete er sie. Bei einer Verkehrskontrolle machten Polizisten im Kofferraum des Autos den grausigen Fund.

In Hongtong in Shanxi, einer ebenfalls armen Region in China, wurden seit 2013 in mehreren Dörfern Gräber geschändet und 27 weibliche Leichname gestohlen – offenbar sollten sie als Geister-Bräute verkauft werden, schreibt die „South China Morning Post“. Manche Dorfbewohner halten auf den Friedhöfen nachts Wache, um Diebe abzuwehren, andere zementieren die Särge ein. Laut offizieller Kriminalstatistik wurden in den vergangenen fünf Jahren 40 Fälle von Geisterhochzeiten vor Gericht gebracht.

Wie alt das Ritual der Geisterhochzeiten ist und woher es stammt, ist unklar. In China wird es seit Hunderten von Jahren praktiziert, wobei die Gründe vielfältig sind. Stirbt etwa der älteste Sohn, noch bevor er heiraten konnte, wird ihm mittels Geisterhochzeit eine Frau an die Seite gestellt. Laut chinesischer Tradition, die gerade auf den Dörfern oftmals noch lebendig ist, muss der älteste Sohn zuerst heiraten, ehe sich die jüngeren Kinder einen Partner suchen können. Außerdem kann nur ein verheirateter Sohn die Familienlinie fortsetzen. Eine Geisterhochzeit eröffnet den Eltern des Verstorbenen die Möglichkeit, anschließend jemand anderen aus der Familie, etwa einen ihrer Enkel, zum neuen Familienstatthalter zu bestimmen.

Geisterhochzeiten werden auch für unverheiratete junge Frauen zelebriert. Sterben sie, ohne dass sie einen Mann gefunden haben, gibt es keine Familie, die ihrer gedenken kann. Töchter gehören nach einer Hochzeit zur Familie des Mannes. Nur ihren Schwiegereltern ist es deshalb gestattet, auf dem hauseigenen Altar ein Foto der Verstorbenen aufzustellen. Ihre eigene Familie darf sie hingegen nicht in das Totengedenken einbeziehen, selbst wenn die Tochter unverheiratet war.

Der Ahnenkult ist in China von großer Bedeutung. Einmal im Jahr, am 4. April – die Zahl Vier steht in China für Unglück oder Tod – feiern die Chinesen das Qingming-Fest. An dem staatlichen Feiertag strömen die Menschen zu Tausenden auf die Friedhöfe, sie fegen die Grabplatte, bringen Blumen und Geschenke.

Im modernen China wollen viele junge Leute jedoch gar nicht mehr heiraten – oder finden keinen Partner. Die jahrelange Ein-Kind-Politik hat zu einem extremen Ungleichgewicht der Geschlechter geführt. Da in China Jungen bevorzugt werden – nur sie können die Abstammungslinie fortsetzen und werden nach traditioneller Vorstellung gemeinsam mit ihren Ehefrauen für die Eltern sorgen – wurden weibliche Föten oft abgetrieben. In der Folge kamen deutlich mehr Jungen als Mädchen auf die Welt. Im Jahr 2020 werden 30 Millionen mehr Männer auf dem Heiratsmarkt sein als Frauen. Hunderttausende von ihnen werden nie eine Hochzeit feiern – es sei denn, die Familie nimmt sich nach ihrem Tod der Sache an.

Von Stefanie Ball (KNA)

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