Faire Kleidung in Europa

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Weltweit sind 75 Millionen Menschen an der Produktion von Bekleidung beteiligt. Drei Viertel sind Frauen. Die Lieferketten der Textilindustrie zählen zu jenen mit dem höchsten Risiko für Menschenrechtsverstöße. 2012 starben 1.100 Menschen, als eine Textilfabrik in Rana Plaza in Bangladesch einstürzte. Die EU produziert fast keine Kleidung selbst. Die meisten Textilien werden in Schwellenländern hergestellt.

In Deutschland gibt es seit 2014 das Bündnis für nachhaltige Textilien. Produzenten und -händler wollen konkrete Verbesserungen der sozialen und ökologischen Standards in der Textil- und Bekleidungsindustrie erreichen. Eigenen Angaben zufolge hat das Bündnis 150 Mitglieder, darunter Kik, H&M und Primark.

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Der Faire Handel – in Deutschland vor mehr als vier Jahrzehnten begonnen – steht für gerechte und partnerschaftliche Handelsbeziehungen und dafür, dass Produzenten menschenwürdig leben können.

 


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In anderen europäischen Ländern gibt es ähnliche Initiativen, etwa die Fair Wear Stiftung in den Niederlanden. Der EU-Abgeordnete Arne Lietz (SPD) fordert nun verbindliche Standards für Textilproduzenten und -händler auch auf europäischer Ebene. Am kommenden Donnerstag (27. April) stimmt das EU-Parlament über den Initiativbericht „EU-Leitinitiative für die Bekleidungsbranche“ ab. Lietz, der sich im Entwicklungsausschuss des Parlaments engagiert, ist mitverantwortlich für den Bericht.

Die Abgeordneten fordern mehr Transparenz in der Lieferkette. Konsumenten sollen auf einen Blick erkennen können, ob ihre Kleidung nachhaltig und unter guten Bedingungen hergestellt wurde. Lietz will, dass die Kommission eine EU-Leitinitiative für die Bekleidungsbranche vorlegt. Freiwillige Standards hätten sich in den vergangenen Jahren als „unzureichend“ erwiesen.

Orientieren soll sich die Leitinitiative an den im Februar von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vorgestellten Vorgaben. Hersteller, Händler und Unternehmen müssten gemeinsam ethische Praktiken umsetzen, so Lietz.

Der Leiter des Fair Trade Advocacy Büros in Brüssel, Sergi Corbalan, begrüßt die Initiative des Europaparlaments. „Das ist ein Schritt nach vorne“, sagt er. Er hoffe, dass das Plenum ein starkes Signal an die Kommission sende und diese dann handele. Er vermisse jedoch ein System, dass europäische kleine und mittelständische Unternehmen mit Händlern und Produzenten von fairer Baumwolle und Textilien in Kontakt bringe. Wichtig sei auch, dass die neuen Regeln für den Handel mit allen Ländern gelten würden. Ansonsten könnten Produzenten in andere Länder mit niedrigeren Standards weiterziehen, so Corbalan.

Arbeiter werden mittlerweile besser geschützt

Im März besuchte Lietz Kleidungsfabriken in Bangladesch und traf Abgeordnete, die Premierministerin sowie an der Kleidungsproduktion beteiligte Unternehmen und Arbeitnehmer. Es habe sich viel getan bei den Unternehmen, sagte er anschließend. Mittlerweile würden Arbeiter besser geschützt. Es gebe etwa Vorkehrungen gegen einen möglichen Brand in den Gebäuden. Zudem bildeten sich immer mehr gewerkschaftsähnliche Komitees in den Fabriken. Viele Unternehmen hätten verstanden, dass sie daran nicht vorbeikämen, so Lietz. Abgesehen von den erhöhten Sicherheitsstandards sei die Situation der Arbeiter aber weiterhin „verbesserungswürdig“.

Die Begegnung mit den Arbeitern habe ihm gezeigt, „welch große Verantwortung“ Europa trage, sagt der EU-Abgeordnete. „Sorgfaltspflicht ist extrem wichtig und wir stehen da in der Verantwortung, faire Lieferketten und Arbeitsbedingungen zu schaffen.“ Seiner Meinung nach bedarf es einer angemessenen Preisgestaltung für Textilien. „Die aktuellen Dumpingpreise sind mittel- und langfristig nicht mehr hinnehmbar.“ Die Frage sei auch, wo die Gewinne hingingen. „Wir tragen mit dafür Verantwortung, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Textilbranche fair entlohnt werden und unter guten Arbeitsbedingungen produzieren“. Es sei wichtig, ein „bewusstes Einkaufen“ bei den Verbrauchern zu fördern.

Auch bei der öffentlichen Auftragsvergabe müsse auf nachhaltige und faire Lieferketten geachtet werden, fordert Lietz. Die Fair Trade Advocacy geht noch weiter. Sie fordern, dass bei der öffentlichen Auftragsvergabe bis 2030 nur noch faire Textilien zum Einsatz kommen. Das sei notwendig, wenn die EU-Regierungen die nachhaltigen Entwicklungsziele erreichen wollten, so Corbalan.

Bei der Abstimmung über den Bericht im Entwicklungsausschuss enthielt sich die Europäische Volkspartei (EVP). Dabei hat Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) das Textilbündnis in Deutschland entscheidend mitgeprägt. Enthält sich die EVP auch im Plenum, wird es eng mit der Annahme des Berichts.

Von Franziska Broich (KNA)

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