In vino veritas?

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  • Südafrika - 19.04.2017

Die Herbstsonne scheint auf die vollreifen Trauben hinab. Wann sie zur Ernte bereit sind, das entscheidet auf der Weinfarm Springfontein im südafrikanischen Stanford Tariro Masayiti. In den Weinbaugebieten bei Kapstadt ist der Simbabwer ein gefragter Kellermeister. Seine Partnerin, Hildegard Witbooi, arbeitet als Agrar-Beraterin. Beide sind qualifiziert, angesehen - und schwarz. In ihrer Branche sind sie damit Exoten. Trotz der demokratischen Öffnung 1994 ist Südafrikas Weinindustrie noch immer fest in weißer Hand.

Südafrikas Weinbauern freut es: Die Fastenzeit ist vorbei. Tatsächlich ist die Weinindustrie mehr als nur ein lukrativer Sektor, sie ist ein Spiegel von Südafrikas Gesellschaft. 1652 brachte der Holländer Jan van Riebeeck den ersten Weinstock in die damalige Kapkolonie. Vom ersten Tag an schufteten Schwarze auf den Farmen als Sklaven. Später wurde Wein „made in South Africa“ zum Kultgetränk in der ganzen Welt. Und zu Hause? Weiterhin gab es für die Arbeiter keine Gleichstellung. Bis 1961 war gar der Verkauf von Wein an Schwarze verboten.

Seitdem hat sich das Blatt gewendet. Zumindest für Sheila Hlanjwa. Sie gehört der aufstrebenden schwarzen Weinelite an. Ihren Abschluss in Weinmanagement machte die 50-Jährige an der Uni Stellenbosch in der Gesellschaft vorwiegend weißer, männlicher und Afrikaans sprechender Kollegen. „Als ich den Raum betrat, fragten sie mich, was ich hier will“, erinnert sie sich. Lange habe sie um Anerkennung gekämpft. Mittlerweile vertreibt Hlanjwa ihre eigene Weinmarke und ist Mitglied des im Februar gegründeten „Treasure Chest Collective“ (TCC). Die Organisation vereint 14 schwarze Winzer, deren Weine Namen in den Landessprachen isiXhosa oder Sesotho tragen - eine Premiere auf den grünen Flaschen.

20 Prozent der Weinkonzerne in schwarzen Händen

Auch Witbooi kennt die Herausforderungen: „Ich telefoniere oft mit Klienten und Lieferanten. Wenn ich sie dann zum ersten Mal persönlich treffe, sind sie erstaunt, dass ich eine schwarze Weinbäuerin bin. Keine Worte, aber ihr Ausdruck verrät sie.“

Landesweit befinden sich nur etwa 20 Prozent der 780 Weinkonzerne in schwarzen Händen. Einer davon ist M'hudi. Gemeinsam mit ihrem Mann betreibt Malmsey Rangaka die Farm bei Stellenbosch - beide gaben dafür ihr Dasein als Akademiker auf. „Als Nelson Mandela die Demokratie einläutete, ermutigte er schwarze Leute, das Land zu bewirtschaften und Jobs zu schaffen. Mit dieser kleinen Weinfarm nahmen wir die Herausforderung an, um Teil des großen Wandels in unserem Land zu sein.“

Seit zehn Jahren liefert Rangaka ihren Wein auch nach Soweto. Die Siedlung bei Johannesburg ist nicht nur Südafrikas größtes Township sondern auch Schauplatz des jährlichen „Soweto Wine Festivals“.

Streunende Hunde und Wellblechhütten - ausgerechnet hier soll die Heimat von Weingenießern sein? Vor zwölf Jahren hatten eine weiße Südafrikanerin und ihr schwarzer Nachbar die Idee, Wein an den Ort seiner Kindheit zu bringen. Mit Erfolg. Denn die schwarze Mittelklasse wächst. Glaubt man der Statistik, stammt die Hälfte der Besucher des „Soweto Wine Festivals“ aus der besser verdienenden Townshipbevölkerung.

Allerdings: Für den Großteil der Südafrikaner findet die Realität abseits der Weintheke statt. Bei einer Arbeitslosigkeit von 26 Prozent verzeichnet die Kapnation laut Experten die ungerechteste Einkommensverteilung weltweit. Auch das spiegelt sich im Rebensaft wider: 2012 brachen in den Weinbaugebieten der Provinz Westkap wochenlange Proteste aus. Mehrere Weinfarmen gingen in Flammen auf - erst dann führte die Regierung einen Mindestlohn für Landarbeiter ein.

Die Arbeiter stehen auch im Fokus des „Pebbles Projects“, das es sich zum Ziel gesetzt hat, ihnen und ihren Familien zu helfen. Auf 28 Weingütern im Westen des Landes betreibt die Organisation Kliniken, Schulen und Ausbildungszentren. „Viele Farmbesitzer wollen den Arbeitergemeinden helfen, wissen aber nicht wie“, sagt Charmaine Gola, Sprecherin von „Pebbles“. Derzeit unterstützt die Organisation eigenen Angaben zufolge knapp 1.500 Farmkinder - damit die Zukunft eben nicht nur aus Pflücken und Servieren besteht.

Von Markus Schönherr, Katholische Nachrichten-Agentur (KNA)

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