Zwischenruf Nr. 2: „Es gibt nur eine europäische Lösung“

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  • Europa - 31.03.2017

Mit sieben Zwischenrufen schaltet sich „Justitia et Pax“ gemeinsam mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) in die Debatte vor der Wahl ein. Im zweiten Beitrag kommt der Erzbischof von Luxemburg zu Wort. Jean-Claude Hollerich ist seit 2014 Präsident der Konferenz der Europäischen Justitia-et-Pax-Kommissionen, die ihre Konzertierte Aktion 2017 unter das Motto „Europa am Scheideweg“ gestellt haben.

Frage: Herr Erzbischof, die Konzertierte Aktion steht 2017 unter dem Motto „Europa am Scheideweg“. Was sind aus Ihrer Sicht die Perspektiven für Europa – im besten und im schlechtesten Fall?

Hollerich: Ich hoffe, dass das Jubiläum der Römischen Verträge, die vor 60 Jahren unterschrieben wurden, dabei hilft, wieder neue Fundamente für ein Zusammenleben in Europa zu legen. Bei den jungen Menschen sieht man, dass dieses Zusammensein, Zusammenleben, Zusammenarbeiten normal geworden ist. Wenn sich die EU nicht weiterentwickelt, dann zerfällt sie wieder, doch das wäre für Europa das allerschlechteste. Eine schlechte Union ist immer noch besser als keine Union.

Frage: In dem Text der Konzertierten Aktion ist von einer europäischen „Zeit des Zweifels und der Ungewissheit“ nach dem Brexit-Referendum die Rede. Nun ist die Wahl Donald Trumps ein halbes Jahr vorbei, die französische Präsidentschafts- und die deutsche Bundestagswahl stehen bevor. Sind das Ereignisse, die noch mehr Zweifel und Ungewissheit hervorrufen?

Hollerich: Die Wahl Trumps müsste eigentlich ein Aufruf an die Europäer sein, mehr zusammenzustehen und die sogenannten europäischen Werte mehr mit Leben zu füllen. Unsere Art, die Demokratie zu leben, ist anders als in den USA. Aber obwohl Herr Wilders bei den niederländischen Parlamentswahlen keine Mehrheit bekommen hat, ist der Populismus auch in Europa stark. Man sieht es an der AfD. Dennoch ist Deutschland ein Anker der politischen Stabilität in Europa, wo die Demokratie sich gerade wehrhaft zeigt. Ich kann mir bei den Spitzenkandidaten der großen Parteien eigentlich kein Abdriften von Europa vorstellen.

Zwischenrufe - 31.03.2017

Mit sieben Zwischenrufen schaltet sich die Deutsche Kommission Justitia et Pax gemeinsam mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken in die Debatten vor der Wahl ein. Populismus löse die Probleme jedenfalls nicht, meinen Bischof Ackermann und ZdK-Präsident Thomas Sternberg.


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„Die Kirche kann helfen, zu zeigen, dass gemeinsam immer besser ist als gegeneinander.“

— Jean-Claude Hollerich, Luxemburger Erzbischof

Frage: In Ihrem Erzbistum liegt der Ort Schengen. Mit der Konzertierten Aktion kritisieren Sie, dass die Schließung der Grenzen im Sommer 2015 ein Rückfall in die Renationalisierung gewesen sei. Wie sehen Sie als „Schengen-Bischof“ diese Grenzschließungen?

Hollerich: Ich habe die Zeit der Grenzschließungen ja noch erlebt – auch wenn wir damals immer wussten, wie wir durch den Wald bei Vianden nach Deutschland kamen … Aber wie schön ist es, dass wir keine Grenzen mehr haben! Der Ruf nach Grenzkontrollen ist etwas, das ich nicht verstehe. Es ist ganz klar, dass das politische Problem der Flüchtlinge nicht national, sondern europäisch gelöst werden muss. Dazu gehört auch eine starke europäische Stimme in der Außenpolitik, die sich vermehrt gegen die Fluchtgründe einsetzt und in Kriegsgebieten wie dem Irak und Syrien für Gerechtigkeit und Frieden einsetzt. Das bedeutet auch, kommende Konflikte gar nicht erst aufkochen zu lassen. Wenn man etwa die Wasserknappheit bedenkt, müssen wir jetzt schon dafür eintreten, dass Wasser ein gemeinsames Gut der Menschheit ist und nicht kommerzialisiert werden darf.

Frage: Sie sagen, wir brauchen eine europäische Lösung für die Flüchtlingsfrage. Da sind die Ergebnisse bislang ja eher ernüchternd.

Hollerich: Die sind mager, es ist erschreckend zu sehen, wie man wieder in nationale Interessen zurückfindet. Ich glaube, dass man Deutschland sehr achten muss für seine Flüchtlingspolitik und die Offenheit, die die deutsche Regierung gezeigt hat. Damit ist sie ein Vorbild für andere Regierungen.

Frage: Wenn man aber zurückblickt in die Zeiten, als vor allem Länder wie Italien und Griechenland von der Flüchtlingsproblematik betroffen waren, da hat Deutschland ja noch sehr zurückhaltend agiert.

Hollerich: Das stimmt. Wir können nicht die Italiener und Griechen allein mit den Flüchtlingen sitzen lassen. Ich bin froh, dass mein Land Luxemburg seinen, wenn auch kleinen, Anteil aufgenommen hat. Europa ist ein Europa der Solidarität – oder Europa existiert nicht. Wenn wir uns nur auf Europa beziehen, wenn wir davon finanzielle Vorteile haben, dann klappt Europa nicht. Viele Flüchtlinge kommen zu uns, weil sie hier ein Traumland der Freiheit sehen. Das ehrt Europa.

Frage: Die Verteilung der Flüchtlinge war die eine, ihre Integration die zweite Herausforderung. Denken Sie, dass die bisherigen Bemühungen der Länder ausreichen?

Hollerich: Ich glaube nicht, dass das ausreicht. Wenn ich die Luxemburger Situation betrachte, dann sehe ich kritisch, dass viele Flüchtlinge doch sehr oft in großen Lagern untergebracht wurden, wo recht wenig Integration geschieht. Das Problem sind hier die hohen Mietkosten. Zwar bekommen die Flüchtlinge recht viel Geld, aber davon eine Wohnung zu finden, ist doch sehr schwer. Was mehr Integration bringt, ist das Engagement unserer Pfarreien.

Frage: Was macht es mit diesen Pfarreien, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren?

Hollerich: Sie werden wieder lebendiger; es gibt dort Kontaktpersonen für Flüchtlinge, Sprachkurse, alles Mögliche. Wir leben Christentum! Das hilft den Pfarreien, sich wieder bewusst zu werden, was es bedeutet, Christ zu sein. Einige Menschen warnen davor, Menschen mit islamischem Hintergrund aufzunehmen. Ich kann mich nicht erinnern, irgendwo in der Heiligen Schrift gelesen zu haben, man solle nur den Menschen helfen, die so sind wie wir. Was wir aber auch brauchen, ist eine geregelte Zuwanderung nach Europa.

Das Interview führte Michael Merten (KNA)

© Justita et Pax/ZdK