Brief aus Aleppo

  • Syrien - 08.03.2017

Der Syrienkrieg geht im März in das siebte Jahr. Aus diesem Anlass hat das Hilfswerk Misereor den Brief des Jesuiten Sami Hallak aus Aleppo veröffentlicht. Darin berichtet er über den Alltag und die Friedensbemühungen der Menschen in Syrien. Er selbst hat ein Hilfsprogramm gestartet, bei dem von Beginn an Christen und Muslime Seite an Seite arbeiten.

Mein Name ist Sami Hallak. Ich bin syrischer Jesuit und komme aus Aleppo. Das Schicksal hat es gewollt, dass ich Mitglied der Gemeinschaft in Aleppo wurde, als die Syrienkrise begann.

Zu Beginn haben viele Syrer guten Willens daran geglaubt, dass die Demonstrationen in den Städten zu einer Veränderung führen. Einer Veränderung, die sich in einem Wort zusammenfassen lässt: „Mehr“. Mehr Freiheit, mehr Würde, mehr Gerechtigkeit, mehr Toleranz, mehr Menschlichkeit. Doch der Aufstand hat nicht lange angehalten. Schon nach einigen Monaten wich die friedliche, pazifistische Opposition einer bewaffneten Opposition und der Konflikt wurde zu einem konfessionellen Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten.

Der christlichen Gemeinde wurde klar, dass es nicht um sie ging, sie musste aber die Konsequenzen, die sich aus diesem Konflikt ergaben, ertragen. Sie konnte sich nur zwischen der einen oder der anderen Seite entscheiden. Mein Glaube hat mich jedoch dazu gebracht, nach einer dritten Alternative zu suchen: nicht nur für die Christen, sondern für all unsere Mitbürger.

„Mein Glaube hat mich dazu gebracht, nicht nur für die Christen, sondern für all unsere Mitbürger einzustehen.“

— Sami Hallak, Jesuit aus Aleppo

Ich stehe weder auf der einen noch der anderen Seite, ich bin mit beiden. Ich habe viel gelitten auf diesem dritten Weg. Ich wurde falsch verstanden. Wenn ich mich weigere, schlecht über den einen oder den anderen zu reden, beschuldigt man mich, ein Befürworter der einen oder der anderen Seite zu sein. Ich wurde ausgegrenzt, verschiedenste Gemeinden wollten nicht mehr von mir betreut werden. Das war der Moment, in dem ich verstanden habe, dass der dritte Weg mich zum Kreuz führt. Ich habe das akzeptiert.

Mein Weg ist ein Weg, der „Nein“ sagt zu Gewalt, „Ja“ zum Dialog, „Nein“ zur Einförmigkeit, „Ja“ zur Vielfalt, „Nein“ zur Rache, „Ja“ zur Vergebung. Der Flüchtlingsdienst der Jesuiten (JRS) war für mich der Ort, an dem ich die Samen für diesen Weg säen konnte, die nur mit dem Schweiß der humanitären Arbeit gedeihen konnten. Fünf Jahre Arbeit und die kleinen Pflänzchen einer neuen Gesellschaft sind gewachsen.

Annäherung von Christen und Muslimen – ein positiver Effekt des Krieges

Beim JRS arbeiten Muslime und Christen Seite an Seite, in Respekt für den Glauben des jeweils anderen. Unter unseren Freiwilligen gibt es eine große Vielfalt an religiösen, sozialen und politischen Überzeugungen. Wir sind auf vielen Ebenen sehr unterschiedlich. Aber die eine Sache verbindet uns: der dritte Weg. Die Würde des Menschen und seine Rechte. Egal wer er ist.

Auf diesem Weg hat der christliche Freiwillige gelächelt, wenn der muslimische Hilfsempfänger ihn wie einen Gottlosen behandelt hat und der muslimische Freiwillige, wenn ein Christ ihn beschuldigte, schuld an diesem Krieg zu sein. Auf diesem Weg haben die muslimischen Hilfesuchenden erklärt, dass ein positiver Aspekt des Krieges sei, dass man die Bekanntschaft mit den Christen gemacht habe. Man habe herausgefunden, dass sie „nicht schlecht sind“, wie man es ihnen zuvor nachgesagt hatte. Die Christen wiederum haben bei den Muslimen spirituelle Werte entdeckt, die es verdient haben, gewürdigt und übernommen zu werden.

Die Geisteshaltung der Menschen zu ändern benötigt viel Zeit

Unser Weg ist nicht einfach. Wir sind immer noch am Anfang. Die Geisteshaltung zu ändern benötigt viel Zeit. Wir erleben das auch an uns selbst. Manchmal brechen die alten fanatischen, sektiererischen und diskriminierenden Ideen auch in uns wieder auf. Wichtig ist, dass wir diesen Weg gehen.

Wir bei JRS haben viele Projekte in Aleppo umgesetzt. Einige laufen weiter, andere wurden aus verschiedensten Gründen gestoppt. Wir haben im Hagel der Bomben gearbeitet. Wir haben den Mangel an Wasser, Strom und Heizungswärme ertragen. Wir sahen uns Drohungen bewaffneter Männer ausgesetzt, die sich das nehmen wollten, wozu sie keinerlei Recht hatten.

Unter diesen schwierigen Bedingungen habe ich versucht, so lange wie möglich zu bleiben. Ich reise nur wenig. Ich verbringe meinen Tag in den Sozialzentren, um Menschen zu empfangen, ihnen zuzuhören, sie zu beruhigen. Ich empfange die, die mit Waffen kommen und ich mache ihnen deutlich, dass sie das Recht verteidigen sollen statt es zu verletzen. In meinen Ansprachen versuche ich immer die Hoffnung der Menschen aufrecht zu halten.

„Die Krise hat mich außergewöhnlich spirituelle Werte entdecken lassen.“

— Sami Hallak, Jesuit aus Aleppo

Wenn die Wasserversorgung für längere Zeit gekappt war, habe ich die Menschen eingeladen, den Wert des Wassers als Geschenk Gottes zu schätzen. Zu sehen, wie wir es früher oft verschwendet haben und wie wir seine Nutzung ändern sollten, wenn es wieder verfügbar ist. Wenn die Heizungen ausfielen, habe ich die Menschen eingeladen, ihr Durchhaltevermögen zu würdigen. Eine Fähigkeit, die sie zuvor nicht kannten.

Als die Granaten hochgingen, Menschen starben und Häuser zerstört wurden, habe ich von der Eitelkeit des Lebens gesprochen und an die echten Werte appelliert, an denen wir uns festhalten sollten. Die Krise hat mich außergewöhnlich spirituelle Werte entdecken lassen. Ich teile sie mit den Menschen: Werte der Liebe, die Grenzen überschreiten und so Türen öffnen für den Blick auf das Ganze.

Eine Gesellschaft des Friedens ist dabei, das Licht des Tages zu erblicken. Mehr als 60.000 muslimische Familien haben in den letzten fünf Jahren unsere Hilfe angenommen. Alle, wirklich alle, zollen uns ihren Respekt für unsere Art zu handeln. Die Christen, die uns zu Beginn feindlich gegenüber standen, weil wir „den Muslimen helfen, die uns hassen“, entdecken, dass die angstverzerrten Gefühle, die in ihnen wohnen, sie zu solchen Reaktionen führen. Viele beginnen die fanatischen Barrieren einzureißen, um jetzt eine Haltung der allumfassenden Liebe für alle einzunehmen.

Handwerker des Friedens!

Handwerker des Friedens! Ich weiß nicht, ob wir das sind. Es ist an anderen, darüber zu entscheiden. Aber unsere Art zu handeln basiert nicht auf Versammlungen oder Reden. Der Geist des Friedens und der Versöhnung beweist sich bei uns im Alltag. Wir haben Brücken gebaut zu unterschiedlichen Gemeinschaften, die in ihren sozialen Gruppen verschlossen und in ihren Ideen, Überzeugungen und dem Urteil Anderer gefangen waren. Wir machen weiter auf diesem Weg, so lange uns der Herr die Kraft gibt, es zu tun.

Aktuell verteilen wir Lebensmittelpakete für 10.000 Familien, geben 9.000 warme Mahlzeiten am Tag aus und versorgen 3.000 Menschen jeden Monat medizinisch in unseren Kliniken. Seit die Familien den Ostteil der Stadt Aleppo verlassen haben, haben wir vier Verteilaktionen organisiert und mittlerweile Sozialzentren sowohl im Westen als auch im Osten der Stadt.

Sami Hallak, Aleppo, 07. Februar 2017

© Misereor