„Wie ein Kotau gegenüber Sisi“

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  • Ägypten - 03.03.2017

Mit dem Ägypten-Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel wurden viele Erwartungen verbunden. Besonders die Christen im Land hoffen auf Hilfe. Der deutsche Priester Joachim Schroedel berichtet im Interview mit Katholisch.de von der Lage in Kairo.

Frage: Monsignore Schroedel, vor ihrer Abreise nach Ägypten sagte Bundeskanzlerin Merkel: „Die koptischen Christen haben eine sehr gute Situation für die Ausübung ihrer Religion.“ Stimmt das?

Joachim Schroedel: Da muss ich der Bundeskanzlerin heftig widersprechen! Wir erleben hier immer und immer wieder, dass Christen unter Verfolgung leiden. Gerade in der letzten Zeit gab es Anfeindungen, besonders im Norden des Sinai, die man gewiss nicht unter einer „sehr guten Situation“ versteht. Kurzum: Die Christen in Ägypten brauchen sehr viel mehr Schutz und Beistand; trotz aller positiven Signale von Staatspräsident Sisi.

Frage: Was sagen koptische Christen zu Äußerungen wie der von Frau Merkel?

Schroedel: Aktuell ist die Euphorie natürlich groß: Die deutsche Kanzlerin besucht Ägypten und das freut die Ägypter. Aber die gebildeten Schichten beobachten die Zwischentöne des Besuchs sehr wohl, etwa das Statement der Bundeskanzlerin. Es gibt genügend intellektuelle Ägypter, die Deutsch sprechen und das verstehen. Einige haben mir gesagt: Das ist wie ein Kotau gegenüber Sisi, um ihr Ziel durchzusetzen, die Flüchtlinge gegen Geld möglichst lange in Ägypten zu verwahren.

Frage: Ein ähnlicher Deal besteht zwischen der Europäischen Union und der Türkei. Auch dort gibt es offenkundige Menschenrechtsprobleme, dennoch hält man an der Vereinbarung fest. Wäre es für Ägypten eine gute Entscheidung, sich auf einen solchen Handel einzulassen?

Schroedel: In aller gebotenen Vorsicht und in allem Respekt vor der Selbstständigkeit des ägyptischen Staates: Die Situation der Grundrechte hier ist sehr prekär. Die Bundeskanzlerin wäre gut beraten, diese Dinge im Gespräch mit Sisi beim Namen zu nennen. Sonst werden wir Deutschen selbst unglaubwürdig. Hier gibt es kaum Möglichkeiten zur freien Meinungsäußerung, Journalisten stehen unter sehr genauer Beobachtung. Bislang ist es zwar noch nicht vorgekommen, dass ein deutscher Pressevertreter festgenommen wird, wie jetzt in der Türkei. Aber eigentlich erwarte ich das fast täglich.

Der deutsche Seelsorger Joachim Schroedel mit dem Bamberger Erzbischof Dr. Ludwig Schick und Tawadros II. in Kairo.

DBK

Frage: Und wie gestaltet sich die Lage der Flüchtlinge im Land?

Schroedel: Ägypten nimmt seit Jahren sehr viele Geflüchtete auf, etwa aus dem Sudan. Und das obwohl hier mittlerweile 93 Millionen Menschen auf einem Gebiet leben, das, wenn man die Wüste abzieht, viel kleiner ist als die Bundesrepublik. Die Situation der Flüchtlinge ist aber freilich nicht so, wie wir es aus Deutschland kennen; dass man den Menschen entgegen kommt und ihnen ein gutes Auskommen gewährt. Ihre Lage ist alles andere als erfreulich. Aber dennoch: Die Ägypter lassen die Flüchtlinge erst einmal hinein, anstatt eine Mauer zu bauen.

 

Frage: Also wäre ein Flüchtlingsdeal mit Ägypten für die Geflüchteten trotz allem eine gute Sache?

Schroedel: Das wäre es wohl schon – aber nicht unter der Bedingung, die Situation der Menschenrechte hier im Lande zu verleugnen. Das ist ein großes Problem, das heute noch virulenter ist als unter Hosni Mubarak. Es ist sehr schwierig geworden. Wir können nur hoffen, dass die Regierung alles tut, auch kritische Meinungen zuzulassen und damit den Staat voran zu bringen. Unterdrückung hilft nicht und das sollte die Bundeskanzlerin ins Wort bringen.

Frage: Sie sagen, dass gebildete Christen die Aussage Merkels über ihre Lage kritisch sehen. Auf dem Reiseplan der Kanzlerin steht auch eine Begegnung mit dem koptischen Papst Tawadros. Ist dieses Treffen ein Versöhnungsangebot?

Schroedel: Bezüglich des Verhältnisses von Thron und Altar in Ägypten gäbe es einiges anzumerken. Nur so viel: In den vergangenen Jahren gab es eine Annäherung und verschiedene Solidaritätsbekundungen. Die Christen sehen, dass Kirche und Staat sich nahe sind. Präsident Sisi versucht alles, um den Christen zu zeigen: Ihr seid Ägypter. Das sind aber Worte, denen auch Taten folgen müssen und das vermissen viele.

Frage: Vor wenigen Tagen haben die Terroristen des „Islamischen Staates“ erklärt, die ägyptischen Christen seien ein bevorzugtes Ziel ihrer Anschläge. Wie wirkt sich das auf Ihre Situation aus? Ist das einfach nur Propaganda?

Schroedel: Der Daesh ist natürlich eine Größe, die man ernst nehmen muss. Vor allem im Norden des Sinai. Hier im Zentrum des Landes, in Kairo, aber auch entlang des Nil spielt die Organisation eine eher untergeordnete Rolle. Natürlich beobachten wir immer wieder Auseinandersetzungen zwischen Islam und Christentum gerade in Mittelägypten. Aber die Terroristen haben keinen Rückhalt in der Bevölkerung.

Frage: Sie haben also keine Angst?

Schroedel: Nein, habe ich nicht.

„Die Terroristen haben keinen Rückhalt in der Bevölkerung.“

— Pfarrer Joachim Schroedel, Seelsorger in Kairo

Frage: Vor wenigen Tagen hat Kardinal Tauran angekündigt, dass der Vatikan wieder Gespräche mit der Al-Azhar-Universität aufnehmen will. Die Hochschule gilt als einer der wichtigsten Gesprächspartner im Dialog mit dem Islam. Gibt Ihnen das Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation insgesamt?

Schroedel: Das ist ein wichtiger und guter Schritt. Gespräche sind nie falsch, es ist immer wichtig, dass wir miteinander im Austausch stehen. Auch der Dialog der Muslime mit der kleinen Gruppe der Katholiken – es gibt etwa 200.000 in Ägypten – und damit der Weltkirche ist wichtig und wird sicher zur Kenntnis genommen. Ich hoffe nur, dass es nicht beim Austausch von Nettigkeiten bleibt, sondern dass auch Probleme zur Sprache kommen. Es muss ein Dialog der Wahrheit und Klarheit geführt werden und nicht nur ein Dialog der Freundschaft.

Frage: Welche Themen sollten Vatikan und Al-Azhar-Universität aus Ihrer Sicht als erste ansprechen?

Schroedel: Bei uns sagt man: Man kann über alles reden nur nicht über Theologie (lacht). Es wären wohl vor allem soziale Themen anzusprechen. In diesem Bereich sind viele Probleme virulent geworden: Die Arbeitslosigkeit, die Armut, die Preissteigerungen. Hier sollten Muslime und Christen gegenüber dem Staat deutlich machen, dass man sich um die Menschen kümmern muss. Denn die meisten Menschen leben mittlerweile in Armut und ihre Lage wird seit Jahren zusehends schlechter. Ich bin sicher, dass gerade Papst Franziskus bei diesen Fragen einen besonderen Akzent setzen kann.

Von Kilian Martin

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