Adveniat-Chef Klaschka geht - und zwar mit Sorge

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  • Adveniat - 17.02.2017

Adveniat-Hauptgeschäftsführer Prälat Bernd Klaschka (70) gibt Anfang März nach fast 13 Jahren die Leitung des Lateinamerika-Hilfswerks ab. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) zieht er eine Abschiedsbilanz und blickt auf die aktuellen Herausforderungen des Kontinents.

Frage: Herr Prälat Klaschka, Sie haben über Jahrzehnte die Entwicklungen in Lateinamerika intensiv begleitet. Was hat sich dort seitdem verbessert?

Klaschka: Mit großer Freude habe ich an der Basis erlebt, wie Menschen ihr Leben selbst gestalten und mit ihren Anliegen gehört werden; wie Menschen selbst initiativ werden und sagen: Wir können etwas, und wir trauen uns etwas zu.

Frage: Als eines der großen Probleme für Lateinamerika sehen Sie Rassismus zwischen den Völkern.

Klaschka: Ganz konkret habe ich den Rassismus bei einer jungen Frau erlebt, die ihre Hoffnungen darin setzte, weiß zu werden - um am Besitz und der Wertschätzung der weißen Bevölkerung teilhaben zu können. Mehrere Nächte hindurch hat sie sich mit einer Nagelbürste die Haut geschrubbt, um weiß zu werden - um vermeintlich mehr wert zu sein. Dieser Rassismus muss überwunden werden. Die mehr als 300 Völker in Lateinamerika sind unterschiedlicher Hautfarbe. Sie müssen sich als Menschen erfahren, die gleichwertig und gleichberechtigt sind.

Frage: Wie kann das konkret gehen?

Klaschka: In dem man etwa die Sprache der indigenen Völker bei öffentlichen Verhandlungen oder bei Gericht zulässt. Und auch die Kirche kann zu mehr Wertschätzung unter den Völkern beitragen, indem wir klarmachen: Alle Menschen, egal welcher Hautfarbe, egal welcher Sprache, egal welchen Bildungsgrades, sind von Gott geliebt.

Frage: Der neue US-Präsident Donald Trump hat mexikanische Einwanderer als Vergewaltiger und Verbrecher beschimpft. Und was löst sein angekündigter Mauerbau aus?

Klaschka: Die Mexikaner rechnen damit, dass in diesem Jahr noch 300.000 Menschen abgeschoben werden. Die Bischöfe in den USA und in Mexiko müssen ihre Stimme erheben. Für die Menschen in Mexiko und in anderen mittelamerikanischen Staaten, die jetzt Arbeit haben, befürchten, ihre Jobs zu verlieren, wenn die Migranten aus den USA zurückkommen. Das birgt ein großes Konfliktpotenzial. Außerdem sind natürlich die sogenannten Rücküberweisungen aus den USA in Gefahr: jene Gelder, die die Migranten aus den USA ihren Familien in Mexiko, El Salvador, Honduras oder Guatemala schicken. Die sind für sie lebenswichtig.

Der scheidende Adveniat-Hauptgeschäftsführer Prälat Bernd Klaschka.

KNA

„Wir können in Lateinamerika an vielen Orten Lichter entzünden, die dunkle Situationen erhellen und Menschen Hoffnung geben. Darin sehe ich eine Kernaufgabe von Adveniat.“

— Prälat Bernd Klaschka, Adveniat-Hauptgeschäftsführer

Frage: Sehen sie denn unter den Ländern Lateinamerikas eine gewisse Solidarisierung? Oder färbt die aggressive Stimmung aus den USA auch schon auf das Klima ab?

Klaschka: Eine Solidarisierung etwa der Völker in Mexiko mit den Völkern in Guatemala, El Salvador oder Honduras sehe ich noch nicht am Horizont. Vielmehr sehe ich einen möglichen Domino-Effekt: Der Mauer zwischen den USA und Mexiko könnten Mauern etwa zwischen Mexiko und Guatemala folgen - sei es in wörtlichem oder in übertragenem Sinne. Dann droht die Mentalität um sich zu greifen: Das Hemd ist mir näher als die Jacke.

Frage: Macht Ihnen die Entwicklung in den wichtigen Ländern Argentinien und Brasilien Sorge? Als Sie 2004 begannen, waren beide klar auf dem Weg nach oben. Jetzt ist das Barometer tief im Keller.

Klaschka: Die Tendenz des sozialen Aufstiegs schuf damals Perspektiven für viele Menschen. In Brasilien sind viele aus der Armut in den Mittelstand aufgestiegen; mehr als 30 Millionen Menschen. Sie rutschen jetzt wieder in die Armut ab. Nicht alle, aber viele. Das macht mir Sorgen, ja. In Argentinien gibt es einen ähnlichen Prozess. Die Regierungen haben es versäumt, den Aufschwung den Benachteiligten zugutekommen zu lassen und mehr Gerechtigkeit in den Einkommensverhältnissen zu schaffen. Der innerstaatliche Friede könnte auf Dauer gefährdet werden, insbesondere durch die weit verbreitete Korruption, die immer deutlicher zutage tritt.

Frage: Welche Projekte oder Ideen hätten Sie in Ihrer Amtszeit bei Adveniat gern noch erreicht?

Klaschka: Insbesondere für die Vision, dass sich Kirche mit ihrer sozialen Verantwortung aus dem Glauben mehr in die Welt einbringt, hat Adveniat in den vergangenen Jahren wichtige Schritte getan. Was Lateinamerika selbst betrifft, können wir an vielen Orten Lichter entzünden, die dunkle Situationen erhellen und Menschen Hoffnung geben. Darin sehe ich eine Kernaufgabe von Adveniat.

Frage: Gab es für ihre Arbeit Rückenwind durch den südamerikanischen Papst?

Klaschka: Nach der Wahl von Papst Franziskus 2013 gab es insbesondere auch von den Medien wieder größeres Interesse an Lateinamerika. Da konnten wir unsere Fachkompetenz und unsere Perspektive gut einbringen. Auch bei den Spenden spüren wir einen Rückenwind, der uns stärkt. Die Art, wie sich Papst Franziskus auf die Menschen einlässt, motiviert andere, für die Armen zu spenden. Er sagt ja nicht nur: Helft den Armen. Sondern er sagt uns als Kirche: Seid selbst arm, um dadurch frei zu werden.

Frage: Was war der traurigste Moment Ihrer Amtszeit und was der schönste?

Klaschka: Der traurigste Moment war für mich die Begegnung mit den am Rande der Existenz Lebenden in Haiti. Als ich 2009 zum ersten Mal vor Ort war, habe ich eine Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit gespürt. Dort ist es wichtig, dass wir nicht nur Entwicklungsprojekte initiieren, sondern den Haitianern sagen: Du bist nicht allein, wir sind bei dir, wir verlassen dich nicht. Umgekehrt waren die freudigsten Momente die Begegnungen mit den Armen in den verschiedensten Ländern, die trotz ihrer Armut ihre Hoffnung nicht verlieren und damit auch mir Hoffnung gegeben haben. Sie waren Lehrmeister des Lebens für mich.

Frage: Was macht Prälat Klaschka ab 3. März?

Klaschka: Erst mal eine kleine Pause zur Besinnung, um auch von Adveniat loszulassen. Ab Sommer will ich mich dann der Krankenhausseelsorge widmen. Ich möchte Kranke begleiten, trösten, stärken - mit meinen Erfahrungen von den indigenen Menschen Lateinamerikas, die dort seit Jahrtausenden ganzheitlich mit Krankheit und Gesundheit umgehen.

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