Theologische Spuren im Film „Silence“ von Martin Scorsese

  • Film - 14.02.2017

Im Jahr 1640 werden zwei portugiesische Jesuiten nach Japan geschickt, um einen Missionar zu suchen, der dem christlichen Glauben abgeschworen haben soll. Da Missionare und Gläubige im isolationistischen Japan streng verfolgt werden, müssen sie sich bei einheimischen Christen verstecken, bis einer von ihnen vom Inquisitor gefangen und einer grausamen Prüfung unterzogen wird. Ein Essay zum neuen Film „Silence“ des Magazins Filmdienst.

„Silence“ beginnt mit einer beklemmenden Stille, und er endet mit einer Bestattung, in der nur noch das Geräusch von Flammen zu hören ist. Diese Reduktion der Mittel ist ungewöhnlich, man würde diese Filmsprache von Martin Scorsese nicht erwarten. Einfache und klare Einstellungen, eine äuβerst ruhige und kontinuierliche Montage, der vollständige Verzicht auf Filmmusik, keine 360-Grad-Schwenks von Michael Ballhaus: Scorsese hat alles fallen gelassen, was seine früheren Filme so virtuos und sehenswert machte.

Vieles an diesem Film enttäuscht die Erwartungen – in positivem Sinne. Die Erfahrung dieses Filmerlebnisses ist nachhaltig, weil es keine opulente Inszenierung von Szenen gibt. „Casino“, „The Gangs of New York“ und „The Wolf of Wallstreet“ sind ein ganzes Erzähluniversum entfernt vom Arthouse-Drama „Silence“.

Martin Scorsese bei den Dreharbeiten zu „Silence“ mit Schauspieler Andrew Garfield.

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Scorseses religiösester Film

Scorsese konzentriert sich ganz und gar auf sein Sujet und die religiösen Fragestellungen, die sich daraus ergeben. Diese Konzentration auf das Wesentliche des Dramas fordert eine theologische Interpretation heraus.

„Silence“ war offensichtlich eine Herzensangelegenheit von Scorsese, der bereits seit rund drei Jahrzehnten versucht hat, diesen Film über die Jesuiten in Japan und die Christenverfolgung in Asien zu realisieren. Im Mittelpunkt stehen zwei junge Jesuiten, die im Japan des 17. Jahrhunderts auf der Suche nach ihrem Mentor Cristóvão Ferreira (Liam Neeson) sind. Dabei sind sie brutaler Gewalt und Verfolgung durch den Inquisitor Inoue Sama (Issei Ogata) ausgesetzt, der im Auftrag des Shogunats handelt. Dennoch versuchen die jungen Priester, dem japanischen Volk, einfachen Fischern an der Westküste, den christlichen Glauben näher zu bringen.

Nach Scorseses „Die letzte Versuchung Christi“ (1988) ist dies der religiöseste Film des italo-amerikanischen Katholiken. „Silence“ beruht auf der literarischen Vorlage des Japaners Shusaku Endo. Die Novelle schildert die Verfolgung der Katholiken aus der Perspektive des portugiesischen Missionars Sebastian Rodrigues (Andrew Garfield). Der Jesuit schreibt Briefe an seinen Provinzial und berichtet, wie katholische Konvertiten gekreuzigt, lebendig verbrannt und ertränkt werden.

Adam Driver als Pater Francisco Garupe im Film „Silence“.

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Fünffache Erzählperspektive zwischen den Kulturen

Aus der literarischen Vorlage übernimmt Scorsese die Erzählung durch Briefe, die aus der Christenverfolgung in der Region Nagasaki berichten. Es ist die Perspektive des jungen Jesuiten-Priesters Rodrigues, dem man in der Narration folgt. Damit wird eine erste Erzählebene konstruiert. Voraus geht ihr der Blick des früheren Missionars Ferreira, der am Anfang des Films die Kreuzigung und Folter von Mitbrüdern mitansehen muss. Dieser angsterfüllte und leidende Blick gibt den Grundakkord und weckt eine Vorahnung auf die Ereignisse, die sich in den folgenden Szenen weiter entfalten und in ein regelrechtes Fegefeuer münden. Als weitere Ebene kommt zum Schluss die Außenperspektive eines holländischen Handelsmanns hinzu, der das Schicksal der Priester aus der dritten Person – sozusagen aus neutraler Perspektive – berichtet. Diese dreifache Ausfaltung wird als Novelle im Jahr 1966 durch den Japaner Shusaku Endo erzählt und nun im Film inszeniert durch Martin Scorsese.

Szene aus dem Film „Silence“ von Martin Scorsese.

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Christentum – Lost in Translation?

Es handelt sich bei „Silence“ um das Aufeinandertreffen von Religionen und Kulturen, das zu heftigen Verwerfungen führt. Theologisch gesprochen, geht es um die Frage, wie die Inkulturation des Christentums in Japan möglich ist. In einer Schlüsselszene kommt es zum Disput zwischen Rodrigues und dem Inquisitor. Inoue Sama ist überzeugt, dass das Christentum im japanischen Sumpf nicht Wurzeln schlagen kann. Rodrigues hält dagegen, dass bereits Hundertausende den Glauben angenommen haben und grausam zu Tode gekommen sind. Sein Argument gegen die Religionspolitik des Shogunats wird jedoch pervertiert. Inoue Sama will Rodrigues zum Abfall vom Glauben zwingen und findet grausame Mittel, diese Herrschaftspolitik durchzusetzen.

In der Erzählung wird sichtbar, dass die Portugiesen als Imperialisten in Japan eingedrungen sind und mit Hilfe der Jesuiten, seit der Ankunft von Francis Xavier SJ, den christlichen Glauben verbreiten. Die Gegenreaktion der japanischen Herrscher ist rigoros. Hundertausende fallen der Christenverfolgung zum Opfer. In der Folge stellt sich die Frage, ob das Christentum im Land der aufgehenden Sonne überhaupt Fuß fassen kann, oder ob der naturreligiöse Shintoismus und der Buddhismus für das japanische Volk nicht die besseren Alternativen sind. Die katholische Kirche hat sich über Jahrhunderte intensiv mit der „propaganda fide“, der Mission und im 20. Jahrhundert mit der Inkulturation des christlichen Glaubens auseinandergesetzt. Aus der Sicht der Novelle und des Films handelt es sich um eine ausweglose Situation, sozusagen ein Christentum „lost in translation“.

Das heilige Bild

Der Film fragt nach der Bedeutung von heiligen Bildern für den christlichen Glauben. Wie stark sind Katholiken auf die Verehrung von Christus- und Marienbildern verpflichtet? Ist diese religiöse Verehrung der Kern ihres Glaubens? Darauf hinaus läuft die Methode der japanischen Inquisition: Christen müssen mit dem Fuß auf ein Christusbild stampfen und so ihrem Glauben entsagen. Nur so können sie der Folter und dem sicheren Tod entgehen. Zu diesem Zweck hat das Shogunat das so genannte „fumie“ entwickelt, ein Heiligenbild aus Kupfer, auf das die Konvertiten treten müssen, um den neuen Glauben abzuschwören. Bald zeigt sich, dass dieser äußere Akt nicht vollständig identisch mit der religiösen Gesinnung ist. Es gibt die Wahl, das Heiligenbild zu entehren und trotzdem Christ zu bleiben.

Liam Neeson als Pater Cristóvão Ferreira im Film „Silence“.

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Märtyrer bis zum bitteren Ende

In Syrien, Ägypten, Pakistan und China gibt es eine Vielzahl von Menschen, die wegen ihres christlichen Glaubens unterdrückt oder verfolgt werden. In diesem Umfeld hat das christliche Märtyrertum wieder eine neue Bedeutung bekommen. „Silence“ stellt nun aber die beunruhigende Frage, ob die Idee des christlichen Martyriums durchzuhalten ist, wenn der Weg bis zum schmerzhaften Tod weder heilig noch richtig ist. Das Dilemma in der Erzählung besteht darin, dass Pater Rodrigues feststellt, dass die japanischen Christen nicht für ihren Glauben sterben, sondern für ihn als Priester geopfert werden, um ihn zum Akt des Glaubensabfalls zu zwingen. Solange das Märtyrertum rein religiös verstanden wird, ist es in sich schlüssig. Wird es jedoch instrumentalisiert, sei es von der Glaubensgemeinschaft oder von politischen Mächten, gerät es auf die schiefe Bahn.

Rechtfertigung

Die dahinter liegende, theologische Fragestellung lautet: Dürfen wir einen zutiefst bösen Akt begehen, wenn sich daraus etwas Gutes ergibt? Wenn es dazu dient, sich selbst zu retten, müsste die Antwort „Nein“ sein. Können jedoch damit andere gerettet werden, wie die Novelle und der Film insinuieren, so könnte diese Handlung durchaus gerechtfertigt sein. Diese Frage ist nicht nur auf den historischen Kontext Japans bezogen, sondern ist universal gültig. Scorsese stellt damit das Märtyrertum in den Kontext eines ethischen Dilemmas.

Pater Rodrigues entweiht schlussendlich das Christusbild und tut dies, um seine Gläubigen zu retten. Aus ethischer Sicht ist er damit gerechtfertigt. Aus theologischer Sicht gibt er sich selbst auf – und tritt den Weg in die Hölle an, um andere zu retten. Im Sinne des stellvertretenden Leidens und der Nachfolge Christi handelt der junge Jesuit richtig, auch wenn bis zum Schluss offen bleibt, ober er seinen Glauben bewahren oder vollständig verlieren wird.

Martin Scorsese hat eine starke Verbindung zum Leiden als Prüfstand im Leben: Seine frühen Filme „Taxi Driver“ (1975), „Wie ein wilder Stier“ (1979) und „Good Fellas“ (1989) sind Dramen über das Leiden im Fegefeuer. So auch „Silence“, in dem das Leiden für den Glauben eine große Rolle spielt. Mitten in der Verfolgung stellt der Film wichtige Fragen zum Glaubensakt, zur Verehrung von Bildern, zum Rückzug des Glaubens in die Innerlichkeit und zur Bedeutung von Christenverfolgung, auch in der heutigen Zeit.

Von Charles Martig

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