„Keine flächendeckende Hilfe in Libyen möglich“

Es ist laut Unicef der „tödlichste Winter“ in der Geschichte der Flüchtlingskrise. Mindestens 1.354 Flüchtlinge sind zwischen November 2016 und Ende Januar auf ihrem Weg nach Europa im Mittelmeer umgekommen, die meisten starben auf der Überfahrt von Libyen nach Italien. Auf dem EU-Gipfel in Malta geht es unter anderem auch um einen Flüchtlingsdeal zwischen der EU und Libyen. Weltkirche.katholisch.de fragte den Referatsleiter Naher Osten/Nordafrika bei Caritas international, Christoph Klitsch-Ott, nach seiner Einschätzung des Vorhabens.

Frage: Herr Klitsch-Ott, die EU bemüht sich im Rahmen des Malta-Gipfels an diesem Freitag um Lösungen zur Eindämmung der Mittelmeerroute, dabei soll auch ein Flüchtlingsdeal mit Libyen helfen: Im Zentrum stehen die Sicherung der Außengrenzen des Landes und die Stärkung seiner Küstenwache. Für wie aussichtsreich halten Sie ein solches Abkommen mit dem Bürgerkriegsland?

Klitsch-Ott: Das Abkommen wirft viele Fragen auf, denn Libyen ist ja ein Land, in dem vollkommen chaotische Verhältnisse herrschen. Der offiziell anerkannte Ministerpräsident und die Regierung des Landes kontrollieren nur einen kleinen Teil des Landes und auch nicht die Küstenabschnitte. Diese Teile des Landes werden von verschiedenen Milizen kontrolliert. Dieses Chaos ist ja auch der Grund, warum so viele Menschen von Libyen aus Richtung Europa starten. Und das wird sich durch dieses Abkommen kurzfristig nicht ändern, weil die offizielle libysche Regierung mit Unterstützung der Polizeiausrüstung und anderen Hilfen, die von der EU womöglich gestellt werden, nicht zwangsläufig die Kontrolle der gesamten libyschen Küste erhalten wird. Da, wo die offizielle libysche Regierung arbeiten und mit Unterstützung der EU Flüchtlinge aufhalten kann, wird es Verdrängungseffekte geben, sodass die Migranten in die Regionen gehen werden, die die Milizen halten. Man muss wissen: Die Milizen finanzieren sich auch über die Migranten, indem sie ihnen bei der Flucht nach Europa helfen und sich dafür bezahlen lassen.

Christoph Klitsch-Ott ist Referatsleiter Naher Osten/Nordafrika bei Caritas international.

Caritas International

Frage: Das UN-Kinderhilfswerk Unicef bezeichnete die Zeit zwischen November 2016 und Ende Januar als „tödlichsten Winter“ in der Geschichte der Flüchtlingskrise. Wie erklären Sie sich das?

Klitsch-Ott: Das liegt daran, dass die Überfahrt deutlich gefährlicher geworden ist. Der Zustrom an Migranten aus Afrika Richtung Europa hält weiter an. Aber etwas besser organisierte Staaten wie Marokko, Algerien oder Tunesien haben die Weiterfahrt der Flüchtlinge jetzt schon weitgehend gestoppt. Es ist deshalb viel schwieriger, von dort aus die Überfahrt nach Spanien zu starten, obwohl es nur 15 Kilometer entfernt liegt. Deshalb versuchen viele der Migranten nach Libyen zu gelangen, weil es dort noch Möglichkeiten gibt, unkontrolliert oder mithilfe von entsprechenden Schlepperorganisationen nach Europa zu kommen. Die Zahl der Migranten, die sich in Libyen aufhalten, hat Berichten zufolge auch noch nicht abgenommen. Es ist im Moment nach wie vor ein Land, von dem aus man einfach starten kann. Das andere Land, wo es ja auch einige tödliche Zwischenfälle gegeben hat, ist Ägypten, das sozusagen als Alternativroute zu Libyen genutzt wird. Aber von dort aus ist es wesentlich weiter nach Europa als von Libyen aus, so dass auch darum die Anzahl der gekenterten Schiffe und Boote gestiegen ist und nicht alle gerettet werden können.

„Da, wo die offizielle libysche Regierung mit Unterstützung der EU Flüchtlinge aufhalten kann, wird es Verdrängungseffekte geben, sodass die Migranten in die Regionen gehen, die von den Milizen gehalten werden.“

— Christoph Klitsch-Ott ist Referatsleiter Naher Osten/Nordafrika bei Caritas international.

Hausbesuch bei migrantischer Familie in Marokko mit prekären Wohn- und Lebensverhältnissen.

Hermann Kenfack / Caritas international

Frage: Mit Blick auf den EU-Flüchtlingsgipfel in Malta hat Unicef die Politiker dazu aufgerufen, die Situation von minderjährigen Flüchtlingen besonders in den Blick zu nehmen. Wie können sie besser geschützt werden?

Klitsch-Ott: In vielen afrikanischen Ländern hat sich herumgesprochen, dass minderjährige Flüchtlinge zunächst einmal besser behandelt werden – in Europa ohnehin, aber auch in Ländern wie Marokko, das spezielle Schutzmaßnahmen für Minderjährige unterstützt, die dort gestrandet sind. Das hat dazu geführt, dass sich vermehrt Minderjährige auf den Weg machen oder von ihren Familien vorausgeschickt werden, um den Weg nach Europa zu bahnen und damit auch Familiennachzug zu ermöglichen. Viele der Migranten und auch der Minderjährigen stranden zeitweise in den Transitländern in Nordafrika, weil sie kein Geld mehr haben. Dort müssen sie zum Teil monate-, auch jahrelang arbeiten, um die nächste Fluchtetappe zu finanzieren. Und da sind sie allen Formen der Ausbeutung ausgesetzt. Um diese Minderjährigen zu schützen, betreibt die Caritas in Marokko beispielsweise mehrere Anlaufstellen für Migranten und Flüchtlinge. Es gibt Sozialarbeiter, die sie aus den Gefängnissen holen, es gibt Wohngruppen. Solche Hilfen gibt es in Libyen nicht. Ich sehe da für keine Organisation, auch nicht für die UN, die Möglichkeit, für ganz Libyen eine geordnete Unterstützung für Migranten und auch besonders für Minderjährige sicherzustellen – dafür ist die Situation viel zu unsicher.

„Ich sehe da für keine Organisation, auch nicht für die UN, die Möglichkeit, für ganz Libyen eine geordnete Unterstützung für Migranten sicherzustellen.“

— Christoph Klitsch-Ott ist Referatsleiter Naher Osten/Nordafrika bei Caritas international.

Frage: Medienberichten zufolge wird die Mittelmeerroute auch von kriminellen Netzwerken genutzt, die etwa Frauen nach Europa schleusen, um sie dort in die Prostitution zu schicken. Inwiefern haben Hilfsorganisationen wie Caritas International mit diesem Thema schon Erfahrungen gemacht?

Klitsch-Ott: Dieses Phänomen gibt es. Berichten unserer Caritaskollegen in Italien zufolge unterhalten die, die professionell Frauen in Afrika mit falschen Versprechungen anwerben, um sie in Europa in die Prostitution zu zwingen, noch einmal ganz eigene Strukturen. Diese Frauen sitzen nicht unbedingt in den Schlauchbooten, die in Libyen starten, sondern werden professioneller eingeschleust. Das Thema Prostitution stellt sich aber auch noch auf eine andere Weise: Vielen Frauen, besonders wenn sie mit Kindern unterwegs sind, geht auf dem Weg nach Norden das Geld aus und sie sind deshalb gezwungen, in die Prostitution zu gehen, um ihren Lebensunterhalt in Nordafrika zu verdienen und die weitere Fluchtetappe zu finanzieren. Die Gefahr, dass sie in die Prostitution gezwungen werden, ist für diese Frauen ziemlich hoch.

Das Interview führte Claudia Zeisel

© weltkirche.katholisch.de

Hintergrund: EU einigt sich auf Plan gegen illegale Migration aus Nordafrika

Die EU-Staats- und Regierungschefs haben sich auf einen gemeinsamen Plan gegen illegale Zuwanderung über das Mittelmeer geeinigt. Ziel ist es, vor allem den Flüchtlingsstrom aus Libyen einzudämmen. Zentrale Punkte des Plans sind die Unterstützung der libyschen Küstenwache sowie der Kampf gegen Schleusernetzwerke. Zudem sollen die Lebensbedingungen in Libyen verbessert werden.

In Zusammenarbeit mit dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR und der Internationalen Organisation für Migration (IOM) will die EU sichere und angemessene Aufnahmeeinrichtungen in Libyen aufbauen. Migranten, die freiwillig in ihr Heimatland zurückkehren, sollen unterstützt werden. Vorgesehen sind auch Informationskampagnen, die über die Gefahren der illegalen Migration aufklären.

Mit den Nachbarländern Libyens wollen die EU-Staats- und Regierungschefs besser kooperieren, um auch mögliche alternative Routen zu überwachen. Zudem sollen bilaterale Initiativen wie das am Donnerstag unterzeichnete Abkommen zwischen Italien und Libyen unterstützt werden.

© KNA

Dossier - 03.02.2017

Mit ihrem vielfältigen Engagement im Bereich der Flüchtlings- und Migrantenhilfe steht die Kirche an der Seite aller Schutzbedürftigen und Notleidenden: durch Beratung, Seelsorge, materielle Unterstützung und den stetigen Dialog mit Politik und Gesellschaft.

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