„Hier in Aleppo deutet nichts auf Weihnachten hin“

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  • Syrien - 07.12.2016

Weihnachten in Aleppo? Das klingt wie ein zynischer Widerspruch. Wie könnte man in der vom Bürgerkrieg zerstörten syrischen Stadt, in der das Grauen alltäglich geworden ist, eine besinnliche Zeit haben? Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) sprach darüber telefonisch mit Franziskanerpater Firas Lutfi (41), der mit drei weiteren Ordensbrüdern in Aleppo ausharrt und die Menschen mit Wasser und Nahrungsmitteln versorgt.

Frage: Pater Lutfi, während weltweit der Beginn der Vorweihnachtszeit gefeiert wird, geht es für die Menschen in Aleppo ums nackte Überleben. Was empfinden Sie bei diesem Widerspruch?

Lutfi: Wir haben bislang unter Bomben gelebt – aber wir sind voller Hoffnung, dass sich dieses Weihnachten etwas ändern wird. Wir hoffen, dass an diesem Christfest alle Konflikte um Aleppo endgültig ein Ende haben und sich der Friede auf ganz Syrien ausweitet. Das hieße dann, dass es wirklich Weihnachten wird. Aber im Moment, da ich mit Ihnen spreche, sind wir noch mitten im Krieg. Ich höre gerade Bombeneinschläge. Und jeden Tag gibt es dieses Leiden der Menschen hier. Die Liebe und Menschlichkeit kommt zu kurz, täglich.

Frage: Gibt es in Aleppo irgendwelche äußeren Symbole, die auf Weihnachten hindeuten: Kerzen, Adventskränze, Christbäume, Lichterschmuck?

Lutfi: Nein, wir können hier keine Weihnachtsbäume aufstellen, wir haben einfach keine. Wir haben oft nicht mal Elektrizität, um etwas zu beleuchten. Unser Advent und unser Weihnachten ist ziemlich ähnlich dem ersten Weihnachten in Bethlehem vor 2.000 Jahren: Weihnachten in ärmlichen und spärlichen Verhältnissen. Wir haben nur die Liebe Gottes, seine Gegenwart und seine Gnade.

„Die Liebe und Menschlichkeit kommt zu kurz, täglich.“

— Firas Lutfi, Franziskaner

Frage: Sie befinden sich im Franziskanerkloster St. Anthony of Padua, in das täglich Dutzende Menschen kommen. Wie bereiten sich die Ordensbrüder auf Weihnachten vor?

Lutfi: Wir haben zwei Messen, eine morgens und eine nachmittags. An Sonntagen haben wir eine Messe für Kinder, die wir „Frieden für die Kinder“ nennen. Die Kinder versuchen, für Frieden zu beten – denn wir Erwachsenen haben es nicht geschafft, Frieden zu erreichen. Seit mehr als fünf Jahren versuchen wir, einen Friedensprozess in Gang zu bringen. Die Kinder müssen uns das lehren.

Frage: Unterscheidet sich das diesjährige Weihnachten in Aleppo vom Weihnachten 2015?

Lutfi: Es gibt hier viel weniger Christen als im vergangenen Jahr. Von den 150.000 Christen, die vor dem Krieg in Aleppo lebten, sind jetzt nur noch 30.000 hier. Jedes Jahr, in dem man den Krieg nicht stoppen kann, ist schlimmer als das vorige, denn die Probleme nehmen zu. Jeder Tag Krieg, das bringt mehr soziale und wirtschaftliche Schwierigkeiten für die Menschen.

Frage: Was haben Sie für den Weihnachtstag geplant? 

Lutfi: Vergangenes Jahr gab es eine Weihnachtsfeier abends um 22.00 Uhr in unserer Kirche Sankt Franziskus – und eine Stunde vorher gingen nahe der Kirche Bomben nieder. Ich dachte damals, da wird niemand zur Messe kommen. Aber zehn Minuten später war die Kirche voller Menschen, darunter viele Kinder. Das war wie ein großes Geschenk Jesu. In diesem Jahr wird es nach der Weihnachtsfeier um 22.00 Uhr ein kleines Fest geben, wo wir auch Geschenke verteilen, die von unseren Spendern stammen.

Frage: Was wird das sein?

Lutfi: Sachen, um über den Winter zu kommen. Jacken zum Beispiel. Der Winter ist sehr kalt in Aleppo.

Frage: Und bekommen die Kinder auch Geschenke?

Lutfi: Etwas Süßes, Schokolade zum Beispiel.

Frage: Verändert sich die Bedeutung von Weihnachten, wenn man im Krieg lebt?

Lutfi: Ja. Wir hoffen darauf, dass Gott das Wunder wirken kann, den Krieg in Aleppo zu beenden. Wir wissen nicht, wie das geht, aber wir vertrauen darauf. Wir trauen Gott, weil er schon einmal in den Lauf der Geschichte eingegriffen hat. Als Christus auf unsere Erde kam und das erlitt, was Menschen erleiden, veränderte er das Schicksal der ganzen Menschheit.

Von Norbert Demuth (KNA)

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Kinder aus Aleppo wünschen sich Frieden von EU-Abgeordneten

Sechs Kinder aus Aleppo haben die EU-Abgeordneten aufgerufen, mehr für den Frieden in Syrien zu tun. In einer Skype-Konferenz am Dienstagabend im Europaparlament in Brüssel, die das Hilfswerk „Kirche in Not“ mit dem Parlamentsvizepräsidenten Antonio Tajani organisiert hatte, berichteten die Kinder in einer Kirche von ihrem Alltag. Es mangele an Strom, Lebensmitteln und die Schulen könnten nicht regelmäßig öffnen. Da am Dienstag besonders viele Bomben gefallen seien, konnten anstatt der 25 geplanten nur sechs Kinder an der Skype-Konferenz teilnehmen. Die Schule sei derzeit für eine Woche wegen der starken Bombardierung geschlossen.

Der 14-jährige Salim erzählte in perfektem Englisch über das Leben unter Kriegsbedingungen. „Wenn wir irgendwo hingehen, wissen wir nicht, ob wir lebend zurückkommen können“, so Salim. Viele seiner Freunde seien gestorben. „Wir haben jeden Tag Angst vor den Bomben“, so der Jugendliche. Ein anderes Mädchen brach in Tränen aus, als sie von den Bomben berichtete. „Jeden Tag, wenn ich unsere Wohnung verlasse, weiß ich nicht, ob ich wiederkommen kann“, sagte sie.

Der gemeinsame Friedensappell solle darauf aufmerksam machen, dass in Syrien trotz des Krieges und des IS-Terrors Christen und Muslime einander noch immer verbunden seien, erklärte der Nahost-Experte von „Kirche in Not“, Andrzej Halemba.

Mit der Videokonferenz am Nikolaustag schließt „Kirche in Not“ an eine Aktion an, an der Anfang Oktober eine Million Kinder aus mehr als 2.000 Schulen in ganz Syrien teilgenommen hatten. Sie hatten Botschaften an die politisch Verantwortlichen der Weltgemeinschaft geschrieben und Bilder gemalt, mit denen sie um Frieden in ihrer Heimat baten. Mit der Aktion sollte Solidarität mit den syrischen Kindern gezeigt werden, die bereits ihre sechste Adventszeit im Krieg erleben. (KNA)

www.kirche-in-not.de