„Ich bekomme hier mehr zurück als ich gebe“

  • Mission - 13.09.2016

Sie warten schon. Frauen mit buntgemusterten Röcken und müden Augen, ihre Babys stoisch wiegend. Manche Kinder schlafen, andere Kinder weinen, beinahe alle haben ein dickes Pflaster auf dem Kopf, das ihre große Fontanelle schützt – jene Stelle am Kopf, an der die Schädelknochen noch nicht zusammengewachsen sind. „Viele Eltern setzen alles daran, diese sensible Stelle am Kopf ihrer Kinder besonders zu beschützen“, erklärt Schwester Yvonne, während sie die „Salle de Soins“ aufschließt, das Behandlungszimmer. „Viele machen das, weil sie fürchten, das Gehirn ihrer Babys könne sich erkälten. Andere haben Angst, dass der Geist ihrer Kinder durch dieses ‚Loch im Kopf‘ flüchten könnte.“

Sprechstunde in der Klinik von Helota: Das Fieberthermometer piepst, Krankenpfleger Luc zeichnet Temperaturkurven und übersetzt den Müttern, welchen Rat Schwester Yvonne ihnen mit auf den Weg gibt. Die kleine Patima hat eine Magen-Darm-Infektion, der kleine Bachio leidet unter Blutarmut, und die vierjährige Kassiwa aus dem Nachbarkindergarten kämpft seit Tagen mit hohem Fieber: Für jeden der jungen Patienten stehen Medikamente bereit, Schwester Yvonne erklärt, tröstet und schwitzt, seit zehn Jahren, jeden Morgen ab sieben.

Ein Wink von oben

Yvonne heißt eigentlich Iwona und kommt aus Przemyśl, einer Stadt im äußersten Südosten Polens. Schon dort hat die heute 42-Jährige als Krankenschwester gearbeitet, bevor ihr eines Tages eine Missionszeitschrift in die Hände fiel, die ihre Mutter abonniert hatte. Sie las einen Artikel über das Engagement der Steyler Missionsschwestern in Angola und interpretierte ihn als Wink von oben. Kurze Zeit später trat sie selbst in den Orden ein – und erhielt nach ihren Ewigen Gelübden die Missionsbestimmung für Togo.

Offene Sprechstunde am Morgen: Für jeden Patienten steht bereits die Medizin bereit.

Hehn/SVD

„Hier musste ich erst mal eine ganze Menge lernen“, erinnert sich Yvonne, die inzwischen im Injektionsraum des „Centre Medico-Social“ sitzt. Ihr gegenüber hat Guianabé Platz genommen, eine 75-jährige Dame mit tiefen Sorgenfalten im Gesicht. Vor einigen Tagen hat sie den 20 Kilometer langen Fußmarsch von ihrem Dorf auf sich genommen, weil sie das Fieber, die Kopf- und die Bauchschmerzen kaum noch aushielt. „Typhus“, kommentiert Schwester Yvonne, während sie Guianabé ein Antibiotikum spritzt. „Sie hätte keinen Tag später kommen dürfen.“

Typhus und Tuberkulose, Cholera und Gelbfieber: Gängige Infektions- und Tropenkrankheiten erkennt und behandelt Schwester Yvonne inzwischen im Schlaf. Auch an die wesentlich höhere Verantwortung, die Krankenschwestern in Togo tragen, hat sie sich längst gewöhnt. „Einen Arzt gibt es bei uns in Helota nicht“, sagt die Steyler Schwester. „Deshalb übernehmen wir hier viele Aufgaben, die in Europa Medizinern vorbehalten sind.“

Wie zum Beweis wird es plötzlich sehr hektisch: Laute Rufe aus der Empfangshalle, herbeieilendes Pflegepersonal. Schwester Yvonne ist sofort mittendrin: Aserike, ein kleines Mädchen, hat beim Spielen einen Stein an die Schläfe bekommen. Die Wunde blutet stark, sie muss sofort gereinigt und genäht werden. Schwester Yvonne weist den Vater an, den Kopf seiner schreienden Tochter festzuhalten, die Mutter sitzt teilnahmslos in der Ecke. „Wie alt ist die Kleine?“, ruft Schwester Yvonne. Mutter und Vater tauschen unsichere Blicke aus. „Etwa drei“, antwortet der Vater schnell. Schwester Yvonne tut alles, um Aserike zu beruhigen und beeilt sich mit der Naht. Minuten später verlässt die Kleine das Behandlungszimmer auf dem Arm ihres Vaters – mit einem großen, weißen Kopfverband.

Die Armut ist groß

„Viele Leute hier wissen nicht, wie alt sie oder ihre Kinder sind“, sagt Schwester Yvonne, während sie die Verbandsschere wegräumt. „Ich hatte kürzlich eine ältere Patientin, die mir auf die Frage nach ihrem Alter geantwortet hat, sie fühle sich wie mindestens 150. Man sorgt sich hier um andere Dinge als um sein Geburtsdatum.“ Helota, das kleine 100-Einwohner-Dorf im Norden Togos, liegt mitten im Nirgendwo. In den Siedlungen der Umgebung gibt es weder fließendes Wasser noch Elektrizität, die Straßen sind schlecht, der Boden ist trocken. Die Menschen versuchen, Mais, Bohnen und Baumwolle anzubauen, doch ihr Lebensstandard ist niedrig, die Armut groß.

Schwester Yvonne und ihre Mitschwestern. Vor 27 Jahren haben sie die Krankenstation von Helota ins Leben gerufen.

Hehn/SVD

Vor 27 Jahren haben die Steyler Missionsschwestern hier ihre Klinik eröffnet. „Das nächste Krankenhaus liegt etwa 35 Kilometer entfernt in Kandé“, sagt Schwester Yvonne. „In der Regenzeit ist Helota praktisch von der Außenwelt abgeschnitten. Deshalb wollten wir hier, direkt unter den Menschen, eine Krankenstation aufbauen, als Anlaufstelle für medizinische Notfälle.“ Die Anfänge der Ambulanz waren bescheiden, erst lange nach ihrer Eröffnung wurden die ersten Krankenbetten geliefert. Weil die damaligen Patienten nicht wussten, was Betten sind, legten sie sich zunächst regelmäßig darunter statt darauf.

Inzwischen hat sich das „Centre Medico-Social“ fest in der Region etabliert, der Patientenandrang ist groß. „In der Regenzeit sind in diesem Zimmer zum Beispiel alle 20 Betten belegt“, sagt Schwester Yvonne und deutet in einen großen Saal neben der Eingangshalle der Klinik. „Denn Regenzeit bedeutet Moskitozeit – und für uns Hochsaison in Sachen Malaria.“ Willkommen sind bei den Schwestern ausdrücklich Patienten aller Religionen und Konfessionen. „Wir behandeln alle gleich“, sagt Schwester Yvonne. „Natürlich ist uns unser christlicher Glaube wichtig, aber wir laufen nicht mit der Bibel im Schwesternkittel rum. Wir versuchen, durch unseren Dienst am Nächsten Zeugnis für Christus abzugeben.“

„Wir behandeln alle gleich.“

Vorbei an Plakaten im Wartebereich, die über Meningitis und Medinawurm aufklären, tritt Schwester Yvonne ins Freie – und das Chlor-Aroma der Klinikflure weicht dem Duft von Holzkohle. Einige Patienten bereiten bereits ihr Mittagessen zu, während sich andere unter einem der vielen Mangobäume ausruhen. In den angrenzenden Gebäuden sind ein Kindergarten und ein Mädchenwohnheim untergebracht. Einrichtungen, die von Yvonnes Mitschwestern betreut werden.

„Die größte Motivation ist das Vertrauen der Menschen“

„Die größte Motivation für unsere Arbeit hier in Helota ist das Vertrauen, das die Menschen uns schenken“, sagt Schwester Yvonne, die auf einer schattigen Bank Platz genommen hat. „Wenn ich die Hoffnung in den Blicken von Eltern sehe, die mir ihr krankes Kind bringen, dann ist das oft überwältigend.“ Der tägliche, oft pausenlose Einsatz in der Krankenstation zehrt an ihr: Schwester Yvonnes hagere Erscheinung, ihre hängenden Augenlider künden davon. „Trotzdem bin ich überzeugt davon, dass ich hier mehr zurückbekomme als ich gebe. Zum Beispiel die Erkenntnis, wie glücklich man mit Wenigem sein kann. In Europa wollen wir immer nur dieses, das und jenes. Hier leben die Menschen in sehr bescheidenen Verhältnissen – und sind trotzdem zufrieden. Das finde ich sehr inspirierend.“

Die nächsten Patienten warten schon, aber zuvor schaut Schwester Yvonne noch kurz in der Geburtenstation vorbei. Anukelem, eine junge Frau aus der Ethnie der Lama, hat gestern im siebten Monat Zwillings-Frühchen zur Welt gebracht. „Ihren Papa lernen die beiden erst noch kennen, das gehört zur Tradition“, erklärt die Steyler Schwester, während sie die beiden Säuglinge im Arm hält. „Ihre Namen wird Anukelems Schwiegermutter bestimmen.“ Ein Lächeln huscht über das Gesicht der Steyler Ordensschwester, dann bettet sie die Kinder wieder neben ihre Mutter. Die Arbeit ruft. Mittagsvisite.

Von Markus Frädrich

© Steyler Missionare