Das junge Gesicht der Flucht

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  • Kinder - 08.09.2016

Aylan, der ertrank und am türkischen Strand angespült wurde. Omran, der einen Bombenangriff überlebte, blutverschmiert und benommen. Beide Bilder sind in der Flüchtlingskrise zu Ikonen geworden, zu unauslöschlichen Symbolen für das Leid. „Jedes einzelne Bild eines Mädchens oder Jungens steht für Millionen von Kindern in Gefahr“, betonte am Mittwoch der Exekutivdirektor von Unicef, Anthony Lake. Nach einem neuen Bericht des UN-Kinderhilfswerks sind 50 Millionen Kinder weltweit entwurzelt, 28 Millionen von ihnen wurden durch Konflikte vertrieben.

„Uprooted“ heißt der erste globale Unicef-Bericht zu Flucht und Migration von Kindern, „Entwurzelt“. Demnach sind Kinder besonders von Flucht betroffen: Unter 18-Jährige stellen nur rund ein Drittel der Weltbevölkerung, aber fast die Hälfte der Flüchtlinge. Insgesamt sind laut Vereinten Nationen weltweit 65,3 Millionen Menschen auf der Flucht – ein historischer Höchststand. Die Zahl der Flüchtlingskinder unter UN-Mandat hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt. Heute ist eines von 200 Kindern weltweit ein Flüchtlingskind.

Die 22 Millionen entwurzelten Kinder, die nicht unmittelbar vor Konflikten geflüchtet sind, haben ihre Heimat laut Unicef verlassen, um beispielsweise extremer Armut oder gewalttätigen Gangs zu entkommen. Die meisten von ihnen suchen demnach Schutz in ihrer Heimatregion. Die Folge: Die zehn Länder, die die meisten Flüchtlinge aufgenommen haben, liegen alle in Asien oder Afrika. 45 Prozent der Flüchtlingskinder kamen 2015 aus Syrien oder Afghanistan.

Eines von 200 Kindern weltweit ist ein Flüchtlingskind

Zugleich verlassen immer mehr Kinder ihre Heimat alleine, ohne den Schutz von Eltern oder Verwandten. Im vergangenen Jahr haben dem Bericht zufolge über 100.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in 78 Ländern Asyl beantragt – dreimal so viele wie 2014. Sie sind besonders von Missbrauch, Menschenschmuggel und Kinderarbeit bedroht, warnt Unicef. Der beste Schutz für sie sei „die Wahrung der Familieneinheit“.

In mehr als 100 Ländern sind Kinder aufgrund ihres Aufenthaltsstatus inhaftiert, berichtet das Hilfswerk weiter. Nach Worten von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sollen Regierungen sich dazu verpflichten, Kinder niemals mit dem Ziel der Einwanderungskontrolle zu inhaftieren. Zudem müssten Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung in den Ziel- und Transitländern bekämpft werden, fordern die Helfer. Auch bräuchten die geflüchteten Kinder Zugang zu Gesundheitsversorgung, psychosozialer Betreuung und Bildung. Fehlende Bildungschancen sieht Unicef als einen der Hauptgründe, warum Familien ihre Heimat verlassen.

Darauf hat zuletzt auch das katholische Hilfswerk Misereor hingewiesen: Zwei Drittel der Kinder im Irak, Jordanien und dem Libanon – den Nachbarländern Syriens, die besonders viele Flüchtlinge aufgenommen haben – könnten keine Schule besuchen. „Sie gelten damit als Generation ohne Perspektive, ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft“, beklagte Misereor. Mögliche Folgen seien Kinderarbeit, Kriminalität und Radikalisierung.

Unicef fordert sichere Migrationswege

Auch Unicef-Experte Lake wirft die Frage auf, wie junge Menschen in dieser Lage einen positiven Beitrag für die Gesellschaft leisten sollten. Unter Flüchtlingskindern sei die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht zur Schule gehen können, fünfmal so groß wie bei anderen Kindern. Wenn sie zur Schule gehen, litten sie häufig unter Diskriminierung und Mobbing. „Welchen Preis werden wir alle dafür zahlen, wenn es uns nicht gelingt, diesen jungen Menschen die Chance auf Bildung und eine normalere Kindheit zu geben?“, fragt Lake.

Am 19. September findet die erste UN-Sondervollversammlung zu Flucht und Migration statt, am Folgetag hat US-Präsident Barack Obama zu weltweiten Beratungen eingeladen. Ziel dieses Doppelgipfels müssen laut Unicef sichere Wege für Migration und die Bekämpfung von Fluchtursachen sein. Schließlich, so betont der Bericht bei allen erschreckenden Zahlen, lägen im Zuzug auch Chancen für beide Seiten: „Einer Analyse zufolge zahlen Migranten in Ländern mit hohem Einkommen mehr Steuern und Sozialleistungen, als sie erhalten, füllen Lücken im Arbeitsmarkt und tragen zu Wirtschaftswachstum und Innovationen bei.“

Von Paula Konersmann (KNA)

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Auch das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ unterstützt Projekte für Flüchtlingskinder. Lesen Sie mehr dazu auf der Sternsinger-Website.

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