In Argentiniens schwersten Tagen

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  • Geschichte - 04.08.2016

Nein, die argentinischen Bischöfe waren sich damals keineswegs einig, wie mit den Menschenrechten der Bürger umzugehen sei. Während der dortigen Militärdiktatur (1976–1983) verschwanden rund 30.000 Menschen: verschleppt in landesweit rund 500 Folterzentren, die meisten getötet, mit dem Flugzeug über dem Meer abgeworfen. Auch viele Kirchenvertreter gerieten ins Visier von staatlich beauftragten Mördern: jene „Linken“, die sich für die Belange der Unterdrückten einsetzten. Einer von ihnen war der Bischof von La Rioja, Enrique Angelelli. Er wurde am 4. August 1976, vor 40 Jahren, beseitigt. Unter Papst Franziskus kommt derzeit sein Seligsprechungsprozess in Gang.

Im Umfeld des Militärs und Teilen des Episkopats machte man Mitte der 70er Jahre die peronistische Regierung für das grassierende Chaos und die Gewalt im Land verantwortlich. Als der Katholik General Jorge Rafael Videla (1925–2013) im März 1976 unter dem Zeichen der „Ordnung“ putschte, sagten viele im Land: „Die schwarze Scheiße geht!“ Dabei wurde der Bock gerade zum Gärtner.

Unmittelbar nach dem Putsch setzte Staatsterror von rechts ein: nächtliche Abholaktionen, Folter, Verschwindenlassen. „Reinigungsprozess“ wurde das genannt – und mit der Zustimmung einiger Bischöfe und teils aktiver Unterstützung von Priestern durchgeführt.

Die Argentinische Bischofskonferenz erklärte am 15. Mai 1976: „Man muss bedenken, dass es einfach wäre, sich mit bestem Willen gegen das Gemeinwohl zu irren, wenn man wollte, dass Sicherheitskräfte mit der gleichen chemischen Reinheit agierten wie in Friedenszeiten.“ Da das Land aber eine tiefe Krise durchlebe, könnten nicht dieselben Maßstäbe gelten – eine Art Persilschein für obrigkeitliche Menschenrechtsvergehen.

„Mit einem Ohr am Evangelium und einem Ohr beim Volk“

Bischof Angelelli gehörte jener Gruppe von Bischöfen an, die die Verbrechen der Junta furchtlos anprangerten. Sein Leitspruch: „Mit einem Ohr am Evangelium und einem Ohr beim Volk.“ Zu den Opfern der ersten Monate gehörten auch zwei Priester seiner Diözese La Rioja, Carlos Murias und Gabriel Longueville. Die Umstände ihrer Ermordung sind bis heute im Dunkeln. Angelelli reiste persönlich in das Dorf Chamical, um die Vorgänge aufzuklären und die beiden zu beerdigen.

Am 4. August, auf der Rückfahrt, wurde Angelellis Wagen von einem weißen Peugeot abgedrängt. Nach einer Vollbremsung überschlug sich das Auto. Als Angelellis Beifahrer später das Bewusstsein wiederlangte, fand er den Bischof einige Meter entfernt mit eingedrücktem Schädel, die Arme wie am Kreuz ausgestreckt. Belastende Dokumente waren sowohl aus dem Auto wie aus der gründlich durchstöberten Bischofswohnung verschwunden.

Die offizielle Version eines schlechten Autofahrers, der durch eigenes Verschulden ums Leben gekommen sei, wurde von der Bischofskonferenz nicht angefochten. Erst nach dem Ende der Diktatur kam eine gerichtliche Untersuchung zu dem Schluss: Es war ein Auftragsmord. Im Juli 2014, fast 38 Jahre nach der Tat, wurden schließlich zwei Ex-Militärs zur Verantwortung gezogen und zu lebenslanger Haft verurteilt: Ex-General Luciano Benjamin Menendez (89) und der frühere Vizeadmiral Luis Fernando Estrella (84). 

Vatikan stimmt Seligsprechungsverfahren für Angelelli zu

Mit Papst Franziskus (79) – zu Diktaturzeiten Provinzial der argentinischen Jesuiten und mit Angelelli gut bekannt – hat der Ermordete derzeit auch einen starken Fürsprecher im Vatikan. Im Mai 2015 berichtete Friedensnobelpreisträger Adolfo Perez Esquivel (84), selbst Folteropfer von damals, der Papst und die heutige Bischofskonferenz wollten auf Anforderung hin vatikanische und argentinische Akten zur juristischen Aufarbeitung der Diktatur zur Verfügung stellen. Gleichzeitig wurde bekannt, dass der Vatikan einem Seligsprechungsverfahren für Angelelli zugestimmt habe.

Damals Erzbischof von Buenos Aires, sagte Jorge Mario Bergoglio zum 30. Jahrestag des Mordes 2006 in der Kathedrale von La Rioja: „Bischof Angelelli war ein Mann, der sein Volk liebte und es auf seinem Weg begleitete, bis in die Randbezirke (...). Erinnern wir uns, mit welcher Zärtlichkeit er die alten Menschen liebkoste, mit welcher Liebe er sich für die Armen und Kranken einsetzte und nach Gerechtigkeit rief. Er war überzeugt, dass im Innern jedes Menschen (...) ein Plan Gottes verborgen sei.“

Von Alexander Brüggemann (KNA)

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Information

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