Erst Terror, dann Hunger

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  • Nigeria - 27.07.2016

Die Regierung muss ganz zügig etwas tun“, fordert Stephen Dami Mamza, katholischer Bischof von Yola im nigerianischen Bundesstaat Adamawa. In Folge der Angriffe der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram hatten ab Mitte 2014 Zehntausende Menschen vor allem im Norden Adamawas ihre Dörfer verlassen und waren nach Yola geflüchtet. Trotz Beteuerungen der Regierung, die Miliz sei auf dem Rückzug und quasi besiegt, trauen sich viele Menschen weiterhin nicht zurück in ihre Heimat. Stattdessen sind sie auf staatliche Hilfe angewiesen. Die damit verbundenen Herausforderungen seien immens, sagt der Bischof.

In den internationalen Fokus waren in den vergangenen Wochen vor allem Flüchtlingslager im benachbarten Bundesstaat Borno gerückt. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef schätzt, dass täglich bis zu 134 Kinder an Unterernährung sterben könnten, wenn nicht schnell etwas geschehe. Rund 49.000 Kinder in einst von der Terrorgruppe Boko Haram kontrollierten Gebieten seien vom Hungertod bedroht, hieß es.

Gesundheitsexperten warnen vor einer Hungersnot

Zuvor hatte bereits die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ Alarm geschlagen. Ihrer Einschätzung nach brauchen mindestens 500.000 Menschen dringend Wasser, Nahrungsmittel und Gesundheitsversorgung. Besonders katastrophal sei der Zustand im Camp von Bama, das südöstlich von Maiduguri, der Hauptstadt von Borno, liegt. Innerhalb eines Monats seien dort 188 Menschen an Durchfall und Mangelernährung gestorben.

Stephen Dami Mamza, Bischof der nigerianischen Diözese Yola, warnt: Die Lage der Binnenflüchtlinge wird immer dramatischer.

Tiburzy/Missio

Katastrophale Zustände, so die Organisation am Mittwoch, seien nun auch in der Stadt Banki, ebenfalls im Bundesstaat Borno, entdeckt worden. Dort seien mindestens 15.000 Menschen dringend auf Hilfe angewiesen. Rund 15 Prozent der Kinder unter fünf Jahren sind den Angaben zufolge schwer unterernährt und schweben in Lebensgefahr. „Wenn die Menschen nicht sofort Nahrungsmittel und medizinische Nothilfe bekommen, werden Mangelernährung und Krankheiten weiterhin verheerende Auswirkungen haben“, sagt Hugues Robert, Koordinator des Nothilfeeinsatzes von „Ärzte ohne Grenzen“.

Was laut Bischof Mamza, der sich gemeinsam mit den Mitarbeitern des Komitees für Gerechtigkeit, Entwicklung und Frieden (JDPC) in Adamawa um Binnenflüchtlinge kümmert, aber meist vergessen wird, sind die katastrophalen Bedingungen außerhalb der Flüchtlingsunterkünfte. „Viele leben in Dörfern und in sogenannten Gastgemeinschaften. Dort gibt es oft gar keine Nahrungsmittel.“ Hilfsorganisationen könnten weiterhin nicht dorthin vordringen.

Zwei Millionen Binnenflüchtlinge

Sorge bereitet ihm auch die beginnende Regenzeit. „Einige Gegenden können dadurch gar nicht mehr erreicht werden.“ In anderen, eigentlich gut zugänglichen Regionen, etwa rund um die Hauptstadt Abuja, würden viele Geflohene zudem nicht als Binnenflüchtlinge anerkannt – und erhielten somit keinerlei Unterstützung.

Ähnlich bewertet Timothy Cosmas Danjuma, JDPC-Koordinator im Bundesstaat Borno, die Lage. Trotz des internationalen Aufschreis habe es in den vergangenen Wochen kaum Verbesserungen gegeben. Es seien zwar einige internationale Hilfsorganisationen vor Ort. Der katholische Priester wünscht sich jedoch bessere Absprachen untereinander. „Manchmal leisten sie genau dieselbe Arbeit“, bemängelt er. Um tatsächlich helfen zu können, müssten zudem einige Straßen wieder geöffnet werden. „Im Zentrum von Maiduguri ist die Arbeit möglich. Aber zu vielen Dörfern haben wir noch immer keinen Zugang.“ Doch genau dort, so schätzt Danjuma, dürfte die Not am größten sein.

Wie die Lage abseits der Städte ist, davon haben sich laut der Zeitung „This Day“ (Mittwoch) auch Mitglieder des nigerianischen Repräsentantenhauses ein Bild gemacht. Sie seien zwar nicht in entlegenen Dörfern unterwegs gewesen, hätten aber das Camp von Bama besucht, so das Blatt. Dort hätten sich die Bewohner über die unzureichende Versorgung mit Nahrungsmitteln beklagt. Den Ernährungsnotstand hatte die Zentralregierung bereits Anfang Juli ausgerufen.

Experten gehen davon aus, dass in Nigeria weiterhin rund zwei Millionen Binnenvertriebene leben, die meisten davon im Bundesstaat Borno. Dort hatte sich die Terrorgruppe Boko Haram im Jahr 2002 gegründet.

Von Katrin Gänsler (KNA)

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