„Als Christen können wir eine Brücke sein“

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  • Flüchtlinge - 19.07.2016

Knapp vier Tage hat der Flüchtlingsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Stefan Heße, den Libanon bereist. Im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) zieht er eine Bilanz seiner Begegnungen mit syrischen Flüchtlingen und mit Verantwortlichen aus Politik und Religionsgemeinschaften.

Frage: Herr Erzbischof, Sie haben knapp vier Tage lang den Libanon bereist, um sich ein Bild von der Lage der syrischen Flüchtlinge dort zu machen. Wie würden Sie diese Lage beschreiben?

Heße: Ich habe gesehen, wie sie in sehr bescheidenen Verhältnissen und unter engen räumlichen Bedingungen leben. Aber sie sind dankbar für die Sicherheit, die sie dort haben, und für die Aufnahmebereitschaft der Libanesen. Viele stehen noch immer unter dem Eindruck dessen, was sie im Bürgerkrieg erlitten haben, vor allem diejenigen, die den Terror des sogenannten Islamischen Staates am eigenen Leib erfahren mussten.

Frage: Was unterscheidet die Situation der Flüchtlinge im Libanon von der in Deutschland?

Heße: Das sind zunächst einmal die Zahlenverhältnisse. Beide Länder haben mehr als eine Million Flüchtlinge aufgenommen, aber die Relationen sind doch ganz andere. Dort ist etwa jeder vierte mittlerweile ein Flüchtling, bei uns sind es weniger als zwei Prozent der Bevölkerung. Und weil es für so ein kleines Land wie den Libanon so viele Menschen sind, will dort niemand einen längeren Verbleib der Menschen.

Erzbischof Stefan Heße (r.) besuchte zusammen mit einer Delegation und Mitarbeitern der Caritas vor Ort eine christliche Flüchtlingsfamilie aus Syrien in ihrer Flüchtlingsunterkunft in der libanesischen Stadt Zahle.

KNA

Frage: Integration der Flüchtlinge ist also im Libanon kein Thema ...

Heße: Es gibt dort einen Konsens, dass die meisten Flüchtlinge nach dem Ende des Kriegs nach Syrien zurückkehren werden. Das hängt mit der räumlichen Nähe zusammen. Aber auch damit, dass es, wie ich bei dieser Reise gelernt habe, im Libanon einen fein austarierten Proporz zwischen den konfessionellen Gruppen gibt, und der würde durch eine so große Gruppe von außen gefährdet. Das ist bei uns anders, und deshalb rechnen wir in Deutschland mit einem längeren Verbleib. Anders als im Libanon ist bei uns die Möglichkeit von Integration gegeben.

Frage: Manche Ihrer Gesprächspartner meinten, die Europäer seien gegenüber der muslimischen Zuwanderung ein wenig naiv. Was meinten sie damit?

Heße: Die sehen, dass einige Leute bei uns glauben, man könnte die Unterschiede zwischen Christentum und Islam ignorieren, um eine gemeinsame Basis zu finden. Das sieht man im Nahen Osten ganz anders. Man kennt sich gegenseitig besser und kennt damit auch die Unterschiede. Aber es gibt gleichzeitig einen tiefen wechselseitigen Respekt, und so begegnet man einander wirklich auf Augenhöhe.

Frage: Die meisten Syrer im Libanon leben dort schon seit Jahren, bei uns sind sie jetzt seit knapp einem Jahr. Nach der Willkommenskultur kommen bei uns erst jetzt die nächsten Schritte. Welchen Beitrag können die Kirchen leisten?

Heße: Ohne Teilhabe – und dazu gehören normales Wohnen, die Schule und der Arbeitsplatz ganz wesentlich dazu – wird es keine Integration geben. Aber dann müssen wir uns auch den langfristigeren Fragen stellen: Wie kommen sie in unserer Gesellschaft an? Wie können wir Spannungen überwinden? Und dazu gehört insbesondere, dass wir in Deutschland die Spannung aushalten zwischen zwei Polen: Die Flüchtlinge müssen die gesellschaftliche Ordnung und die Gesetze respektieren, sie sollen unsere Kultur kennen, aber wir können sie auch nicht einfach so trimmen, wie wir sie gerne hätten. Wir müssen gleichzeitig ihre kulturell geprägte Identität respektieren.

Frage: Und was heißt das für die Kirchen?

Heße: Im Libanon habe ich oft den Satz gehört, die Christen sollten eine Brücke sein zwischen unterschiedlichen Gruppen und Identitäten. Vielleicht ist das auch angesichts der Lage der Flüchtlinge in Deutschland unsere Aufgabe, dass wir eine Brücke bilden, etwa durch die Förderung des interreligiösen Dialogs. Viele Flüchtlinge bringen ja einen starken Glauben mit, das ist zunächst einmal positiv. Vielleicht können wir Christen die Brücke sein zwischen ihnen und einer weitgehend religionsfernen, säkularisierten Gesellschaft. Unser Glaube ist zwar ein anderer, und es ist auch nicht leicht herauszufinden, wer genau unsere Gesprächspartner auf muslimischer Seite sein können. Aber wir bringen ihnen eine andere Form des Respekts entgegen, so wie auch im Libanon viele Muslime den Christen oder anderen Gläubigen mit Respekt begegnen.

Frage: Gibt es noch etwas, was Sie im Libanon gelernt haben?

Heße: Sowohl die politischen wie auch die kirchlichen Vertreter haben klargemacht, dass sie trotz Krieg und Terror an der Vision eines friedlichen Miteinanders von Menschen unterschiedlicher Religionen festhalten. Nur der Dialog im wechselseitigen Respekt kann die Ausbreitung von Krieg und Terror verhindern, und dazu haben wir als Christen eine Menge beizutragen.

Das Interview führte Ludwig Ring-Eifel (KNA).

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Link-Tipp

Mehr Informationen zur Libanonreise von Erzbischof Stefan Heße erhalten Sie auf der Website der Deutschen Bischofskonferenz.

www.dbk.de/fluechtlingshilfe