„Veränderung muss von unten kommen“

  • Ecuador - 12.07.2016

Alberto Acosta Espinosa ist einer der weltweit bekanntesten intellektuellen Verfechter von „Buen Vivir“, dem indigenen Prinzip des „Guten Lebens“. Der ecuadorianische Sozialökonom und Politiker war entscheidend daran beteiligt, dass das „Buen Vivir“-Konzept in Ecuador Verfassungsstatus erhielt. Im Gespräch mit Marion Wedegärtner, Mitarbeiterin der Genossenschaft „Oikocredit“, erklärt Acosta, worum es bei „Buen Vivir“ geht.

Frage: Herr Acosta, Sie haben als Vorsitzender der verfassungsgebenden Versammlung Ecuadors maßgeblich dazu beigetragen, dass seit 2008 die Natur als Rechtssubjekt und das Recht auf „Buen Vivir“, wie es im Wissen indigener Gruppen beheimatet ist, in der ecuadorianischen Verfassung verankert sind. Worum geht es dabei?

Acosta: In Kürze: Buen Vivir, oder auch Sumak Kawsay in Quechua, ist die fortwährende Suche nach einer radikal anderen Form des Zusammenlebens. In ihr sind Vielfalt und Harmonie mit der Natur, die Würde des Einzelnen und der Kollektive und Frieden und Solidarität mit allen Völkern gewährleistet. Buen Vivir basiert auf den Menschenrechten und den Rechten der Natur als der Grundlage des Lebens.

Frage: Was brauchen wir für „gute Leben“ für alle?

Acosta: Wir brauchen eine Kritik der Verhältnisse, visionäres Denken und eine alternative Praxis – und zwar nicht nacheinander, sondern gleichzeitig.

Frage: Reden wir zuerst über die Kritik ...

Acosta: Kritik ist wichtig, aber sie genügt nicht. Wir müssen den Kapitalismus überwinden, aber wir müssen nicht warten, bis der Kapitalismus überwunden ist, ehe wir handeln. Ich rede von einer politischen Praxis, die davon ausgeht, dass die Welt, so wie sie organisiert ist, die Natur und die Menschen zerstört. Kapitalismus will Wachstum und Kapitalmehrung. Alles wird zur Ware. Auch die Natur. Auch das, was allen zusteht und was die Menschen zum Leben notwendig brauchen, Land, Wasser, Nahrung usw.

Frage: Dann fangen wir also mit den Verhältnissen an.

Acosta: Jährlich sterben laut der Weltgesundheitsorganisation WHO 3,7 Millionen Menschen durch Luftverschmutzung in der Welt. Die Luft in 90 Prozent der Städte ist kontaminiert. Auf der Erde leben rund sieben Milliarden Menschen, fast eine Milliarde Menschen hungern. Dabei ist, wie wir wissen, mehr als genug da. Bis zu 1,3 Milliarden Tonnen brauchbare Lebensmittel landen jährlich im Müll. Ich sag’s mit einem Kalauer: Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, der Mensch ist die Krone der Erschöpfung. Kein vernünftiger Mensch kann wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Was wir erleben, ist nicht eine systemimmanente Krise des Kapitalismus. Wir stehen vor einer umfassenden Krise, einer Zivilisationskrise. Die Antwort darauf ist nicht nachbessern, sondern transformieren. Wir brauchen eine radikale Veränderung des Wirtschaftens und des Zusammenlebens.

„Wir stehen vor einer umfassenden Krise, einer Zivilisationskrise.“

Frage: Das reichste Prozent der Weltbevölkerung, 70 Millionen Menschen, besaßen Ende 2015 mehr als die restlichen 99 Prozent, 7,3 Milliarden Menschen. Und das ist ja nicht ein Fehler im System, sondern dessen Gesetzmäßigkeit. Warum gibt es so wenig Reaktion auf Zahlen, wie Oxfam sie beispielsweise veröffentlicht?

Acosta: Es passiert ja etwas. Wir müssen uns eine andere Welt vorstellen. Damit fängt es an. Und offenbar ist es unglaublich schwer, sich etwas anderes als das Bestehende überhaupt nur vorstellen zu können. Die gute Nachricht ist, dass wir nicht bei null anfangen. Es gibt Erfahrungen und Praktiken überall auf der Welt, an die wir anknüpfen können.  

Frage: An der Peripherie?

Acosta: Ja. Es gibt alternative solidarische Formen des miteinander Lebens, die sich sozusagen im Widerstand gegen die herrschenden kolonialen und kapitalistischen Systeme erhalten haben. Es geht nicht darum, etwas zu verklären oder zu romantisieren. Aber es geht um Erfahrungen, Anregungen, Impulse, wie Menschen in Verbindung mit der Gemeinschaft und mit der Natur leben und ihre Bedürfnisse befriedigen können. Es ist etwas, das wir gemeinsam wollen und ausprobieren müssen. Es hat schon angefangen.

Frage: Können Sie ein paar Praktiken beschreiben?

Acosta: „Randy-Randy“, ein Warentausch, bei dem Werte, Produkte und Arbeitstage in einer endlosen Kette ohne Entgelt übertragen werden. „Minka“, das sind Gemeinschaftsarbeiten für größere Projekte, die dem Kollektiv nutzen. „Makimañachina“, gegenseitige Hilfe ohne Bezahlung zwischen Einzelnen. Die Liste dieser Praktiken aus der Andenregion oder aus dem Amazonasbecken ist lang. Sie beinhaltet solidarische, auf Gegenseitigkeit aufbauende Beziehungen zwischen Einzelnen und Gemeinschaften in Bezug zur Natur.

Frage: Wieso rücken indigene Erfahrungen ausgerechnet jetzt ins Blickfeld?

Acosta: Indigene Gruppen sind erprobt im Widerstand. Ihr Selbstbewusstsein ist stärker geworden. Vielleicht spielt das Datum 1992 eine Rolle. Da haben wir noch einmal 500 Jahre Kolonialismus reflektiert. Neu ist, dass marginalisierte Gruppen ihre Vorstellungen in die Politik einbringen, nicht nur Rechte einfordern, sondern ihr Wissen und ihre eigenen Weltanschauungen in den politischen Diskurs einbringen.

Frage: Wie steht es um das „Buen Vivir“ in Ecuador aktuell?

Acosta: Schlecht. Wir haben geglaubt, der Staat könnte das Konzept des Buen Vivir durchsetzen. Man könne sozusagen die Welt von oben verändern. Aber so läuft das nicht. Ein Beispiel dafür ist, dass unser Vorschlag, Rohöl im Amazonasgebiet –Yasuni-ITT– nicht zu fördern und für den gewonnenen Klimaschutz eine Entschädigung vom globalen Norden zu bekommen, zwar aufgenommen, aber nicht entschieden durchgefochten wurde. In Wirklichkeit war es der Präsident selbst, der diesen von der ecuadorianischen Gesellschaft für die gesamte Welt erbrachten Vorschlag nicht verstanden hatte und ihm nicht gewachsen war. Es stimmt auch nicht ganz, dass „die Welt uns im Stich gelassen hat“, denn es war die ecuadorianische Regierung, der es nicht gelang, eine solide, kohärente Strategie zur Umsetzung dieser Utopie zu entwickeln.

„Wir brauchen daher eine partizipative Demokratie, um am Ende mehr soziale und ökologische Gerechtigkeit zu erreichen.“

Der Staat, so, wie er ist, ist ein Herrschaftsinstrument. Wir brauchen einen anderen, einen plurinationalen Staat, der die Interessen der gesamten Bevölkerung berücksichtigt. Die Veränderung muss von unten kommen. Wir brauchen auch politische Macht, aber es wird eine andere sein. Auch dafür gibt es in indigenen Gemeinschaften Anregungen. Entscheidungen werden im gesellschaftlichen Konsens getroffen. Es ist eine Debattenkultur. Wir brauchen daher eine partizipative Demokratie, um am Ende mehr soziale und ökologische Gerechtigkeit zu erreichen.

Frage: Wie sehen Sie Ihren Part darin?

Acosta: Wir kapitulieren nicht, wir suchen Verbündete. Ich veröffentliche, reise mit meinen Ideen um die Welt, sammle Beispiele, Kontakte. Gemeinwohlökonomie, Postwachstumsbewegung, Degrowth-Bewegung, die einen Rückgang des Wachstums fordert, Genossenschaften, Krankenversicherungen auf Gegenseitigkeit, usw.: Das sind Ansätze in westlichen Ländern, mit denen wir uns vernetzen können. Man kann ja das Konzept des Buen Vivir nicht einfach übertragen. Die Ideen kommen aus dem ländlichen Raum. Es ist notwendig, andere solidarische und umweltfreundliche Strukturen für das Leben in den Städten zu entwickeln.

Frage: „Buen Vivir“ versteht sich als Gegenentwurf zum Entwicklungskonzept.

Acosta: Wir sind noch immer Betroffene des Entwicklungskonzepts, es bleibt in der kolonialen Tradition. Darum lehnen wir es ab. Die Urheber dieser Vorstellung betrachten sich als entwickelt, die anderen als entwicklungsbedürftig. Das Konzept ist doch sichtbar gescheitert. Es hat keins der grundlegenden Probleme gelöst: Hunger, Armut, soziale Ungerechtigkeit, Umweltzerstörung. Kapitalbesitz und Macht sind nach wie vor in den Händen einiger weniger Menschen. Wenn man bedenkt, dass allein in den Steuerparadiesen vielleicht hundert bis dreihundert Milliarden an Steuereinnahmen jährlich verschwinden, mehr als die weltweite Entwicklungshilfe ausmacht. Wir müssen die Steuerparadiese abschaffen. Buen Vivir als Bewegung von unten ist eine Alternative zu Entwicklung.

Das Interview führte Marion Wedegärtner (Oikocredit Westdeutscher Förderkreis).

Hinweis: Dieses Interview wurde uns von der Genossenschaft Oikocredit zur Verfügung gestellt. Vielen Dank für die Genehmigung.

© Oikocredit

Oikocredit

Die internationale Genossenschaft Oikocredit entstand 1975 auf Initiative des Ökumenischen Rates der Kirchen. Oikocredit vergibt Darlehen und Kapitalbeteiligungen an Partnerorganisationen in Entwicklungs- und Schwellenländern. Das Kapital stellen die Mitglieder der Genossenschaft: in Förderkreisen organisierte Privatpersonen, Institutionen wie Kirchen, Partnerorganisationen und andere.

www.oikocredit.de

Alberto Acosta, 1948 in Quito, Ecuador, geboren, studierte Ökonomie in Köln. 2007 war er Energieminister im Kabinett des amtierenden ecuadorianischen Präsidenten Rafael Correas, dessen Politik er heute scharf kritisiert. 2013 trat Acosta bei der Präsidentschaftswahl als Kandidat der Pachakutik und anderer linker Kräfte gegen Correa an. Seit 2008 hält er eine Forschungsprofessur an der FLASCO-Universität in Ecuador.