Lateinamerikas Kirche wird grün

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  • Umweltenzyklika - 07.07.2016

Umstrittene Wasserkraftwerke in Brasilien oder Panama, der Einsatz von Pestiziden in Argentinien oder industrielle Fischzucht in Chile: Die Umweltsünden in Lateinamerika sind allgegenwärtig und untrennbar mit sozialen Ungerechtigkeiten verbunden. Vor allem die indigene Bevölkerung zahlt in der neuen Welt einen hohen Preis für den sogenannten Fortschritt, Profitgier des Westens und die Expansionsträume Chinas.

Viele Umweltschützer in Lateinamerika nutzen zuletzt die Umweltenzyklika von Papst Franziskus als Argumentationshilfe im Kampf für eine nachhaltigere Umwelt- und Wirtschaftspolitik. Auch an der katholischen Basis verfehlen die Schlussfolgerungen des Papstes ihre Wirkung nicht. Sie sind zu einem Leitfaden der lateinamerikanischen Bischöfe geworden und verändern die Arbeit der katholischen Kirche. Zu beobachten ist das vor allem bei Debatten über große Bauprojekte, Themen der sozialen Gerechtigkeit oder bei Umweltkatastrophen.

Jüngstes Beispiel ist die klare Positionierung des chilenischen Bischofs Luis Infanti in der Umweltkatastrophe rund um das südchilenische Archipel Chiloe. Eine verheerende Algenblüte hatte hier zu massenhaftem Fischsterben geführt. In Chile werde die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen über soziale und ethische Standards gestellt, kritisierte der im Umweltschutz engagierte Bischof von Aysen.

Konkret griff Infanti die Profitinteressen der industriellen Fischzucht an. Diesen werde mehr Bedeutung beigemessen als dem Umweltschutz und dem traditionellen Fischfang. Auch Infanti berief sich auf den Papst und seine Enzyklika. Die Region Aysen ist kampferprobt und bekannt für einen jahrelangen Kampf der Zivilgesellschaft gegen ein Wasserkraftprojekt. Die Kirche stellte sich auf die Seite der Bevölkerung, die sich gegen den Bau aussprach.

Soja wächst auf illegal besetzem Staatsland in Brasilien und bedroht die Existenz des Regenwaldes.
KNA

Argumentation: „Umweltsünden widersprechen Lehre der Enzyklika“

Zehn Flugstunden weiter nördlich ist „Laudato si“ in Honduras ein großes Thema. Zeitungskommentatoren nennen die Umweltaktivistin Berta Caceres gar die erste Märtyrerin der Enzyklika. Caceres, eine indigene Bürgerrechtlerin, die sich gegen ein Wasserkraftprojekt wehrte, wurde von Auftragsmördern mutmaßlich im Dienst eines nationalen Umweltunternehmens ermordet. Caceres argumentierte, das Wasserkraftwerk widerspreche der Lehre von „Laudato si“.

In Nicaragua führt die katholische Kirche das Lehrschreiben sogar als eines der Hauptargumente gegen den Bau des Milliardenprojekts „Nicaragua-Kanal“ an. Die Art und Weise, wie die sandinistische Regierung das Projekt gegen alle Proteste der indigenen Bevölkerung durchpeitsche, aber auch die zu erwartenden Umweltschäden sprächen dagegen. Managuas Weihbischof Silvio Jose Baez Ortega kommt daher zu der Einschätzung: „Der Nicaragua-Kanal steht den Lehren der Enzyklika entgegen.“

Drei Beispiele, die aufzeigen, wie sehr das Umweltschreiben von Franziskus die Arbeit und die Außendarstellung der katholischen Kirche in Lateinamerika verändert. Die Basis hat das Dokument inzwischen begeistert aufgenommen. Brillant nennt etwa der deutsche Pater Uli Kollwitz das Werk. Er arbeitet in der bettelarmen kolumbianischen Provinz Choco, in der verschiedene bewaffnete Gruppen den illegalen Bergbau kontrollieren.

Kollwitz muss täglich mitansehen, wie einer der schönsten und ökologisch wertvollsten Regenwälder durch Profitgier zerstört wird. Und in Mexiko berichtet Alberto Solis Castro, Leiter der Menschenrechtsorganisation „SERAPAZ“, von einer regelrechten Debattenkultur, die „Laudato si“ ausgelöst habe: „In den Gemeinden treffen sich die Leute, um über die Enzyklika zu diskutieren. Das ist ein großes Thema hier.“

Von Tobias Käufer (KNA)

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