Von den Socken

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  • Menschenrechte - 06.07.2016

Schrei vor Glück!“ – das war vor einiger Zeit der Slogan von Zalando. Groß wurde der Internethändler durch den Verkauf von Schuhen. Die Deutschen griffen gerne zu – möglicherweise ein Grund dafür, warum hierzulande inzwischen 5,3 Paar Schuhe pro Kunde und pro Jahr verkauft werden. Großkunden wie Fußballspieler Jerome Boateng, der 650 Sneaker sein Eigen nennt, dürften den Schnitt zusätzlich anheben. Läuft also soweit. Doch die Bedingungen, unter denen viele Treter produziert werden, scheinen weniger dazu angetan, vor Glück zu schreien. Menschenrechtlern ist da eher zum Heulen zumute.

Wie aus zwei am Montag vorgestellten Studien hervorgeht, schuften viele Angestellte in den Zulieferbetrieben unter menschenunwürdigen Bedingungen – und das keineswegs nur in Asien, wo ein Großteil der 24 Milliarden Paar Schuhe herkommt, die jedes Jahr auf den Weltmarkt wandern. Auch die Bezeichnung „Made in Europe“ steht nach Darstellungen der Organisation Südwind und der Netzwerke Inkota und „Change Your Shoes“ nur selten für faire Arbeitsbedingungen. Die Autoren haben die Situation in Albanien, Bosnien-Herzegowina, Polen, Rumänien, Mazedonien und der Slowakei unter die Lupe genommen.

Billiglöhne und schlechte Arbeitsbedingungen auch in Europa

Dort sind mehr als 200.000 Menschen in der Schuhbranche tätig – zu meist extrem niedrigen Löhnen. In Albanien, Mazedonien und Rumänien liegt das Niveau den Angaben zufolge mitunter sogar unter dem von China. Dort gelten die Arbeitsbedingungen als besonders schlecht. Aber auch in den untersuchten Fabriken der Zulieferer in Südost- und Mitteleuropa sei der Akkorddruck teilweise so hoch, dass die Arbeiter keine Atemmasken oder Schutzkleidung gegen den Gestank von Leim und das Gift der Chemikalien trügen, weil dies das Arbeitstempo verlangsame.

Zugleich werfen die Menschenrechtler den großen Markenanbietern vor, sich kaum um die Zustände in ihren Zulieferfabriken zu kümmern. Von den 23 im Rahmen der Studie befragten Unternehmen lieferten nur drei aus Sicht der Autoren halbwegs zufriedenstellende Antworten: Adidas, Eurosko und El Naturalista. „Gewisse Bemühungen“ attestieren die Autoren der Studien unter anderem den Anbietern Deichmann und Clarks, „nachlässig“ zeigten sich Gabor, Geox und Prada. Von elf Firmen, darunter Birkenstock, Camper, ecco und Tod's, gab es keine Rückmeldungen.

Schuh-Bundesverband weist Vorwürfe zurück

Für die deutschen Unternehmen springt der Bundesverband der Schuh- und Lederwarenindustrie in die Bresche. Er könne die „pauschalisierenden Behauptungen“ aus den Studien nicht nachvollziehen, sagt Hauptgeschäftsführer Manfred Junkert. Seit Jahrzehnten engagierten sich die Hersteller für eine „nachhaltige Produktion im In- und Ausland“. Die sozialen und ökologischen Standards zählten zu den höchsten weltweit. „Das außergewöhnlich hohe Niveau der Arbeitsbedingungen sowie der umweltbewusste Umgang unserer Branche mit Ressourcen werden international als vorbildlich beurteilt.“

Was die Löhne anbelangt, sieht Junkert wenig Spiel. Die in den europäischen Produktionsstätten tätigen Fachkräfte seien „keineswegs unterbezahlt“, betont er. Die Löhne entsprächen dem „landesüblichen Niveau“. In den betreffenden Ländern gebe es davon abgesehen eine starke Konkurrenz durch andere Industrien.

Die Autoren der beiden Studien wollen dazu beitragen, dass sich niemand auf leisen Sohlen aus der Verantwortung stiehlt. Immerhin: Jene zwölf Markenunternehmen, die auf die Umfrage von Südwind, Inkota und „Change Your Shoes“ reagierten, zeigten sich „gesprächsbereit und gegenüber Verbesserungen von Arbeitsbedingungen grundsätzlich aufgeschlossen“.

Von Joachim Heinz (KNA)

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Studien

Die Studien und weitere Informationen über die Arbeitsbedingungen in der Schuhindustrie können Sie auf den Websites des Südwind-Instituts und des Inkota-Netwzerks herunterladen: