Fortschritt auf Kosten der Ureinwohner

  • Panama - 04.07.2016

Während Gäste aus aller Welt die Erweiterung des Panama-Kanals feierten, klickten im Park Urraca die Handschellen. Fast zwei Dutzend Demonstranten, die gegen das umstrittene Wasserkraftwerk Barro Branco protestierten, wurden am vorletzten Wochenende festgenommen. Die Atmosphäre war hitzig, trotzdem blieb es überwiegend friedlich. Es sind vor allem Umweltschützer und Vertreter der indigenen Bevölkerung, die einen Stopp des Projektes fordern.

Laut der Tageszeitung „La Estrella“ geht es bei dem Wasserkraftwerk um eine Investition von umgerechnet 125 Millionen Euro. Beteiligt ist daran auch indirekt der deutsche Steuerzahler über die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG). „Bei den mitfinanzierten Vorhaben nimmt die DEG sorgfältige Umwelt- und Sozialprüfungen anhand international anerkannter Umwelt- und Sozialstandards vor und verfolgt die Umsetzung von vertraglich vereinbarten Umwelt- und Sozialaktionsplänen eng.

„Dies gilt auch für Barro Blanco“, versicherte eine DEG-Sprecherin auf Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Die DEG argumentiert, das Wasserkraftwerk werde bis zu 70.000 Menschen mit Strom aus erneuerbarer Energie versorgen. „La Estrella“ beziffert den Anteil an der Energieversorgung der Bevölkerung Panamas auf zwei Prozent. Nicht viel angesichts des Konflikts, den das Vorhaben vor Ort verursacht.

Umweltschützer beklagen Vertreibung von indigenen Gemeinden

Die Umweltschutzorganisation „Urgewald“ geht mit dem Vorhaben hart ins Gericht. Wegen des Staudamms sollen nach ihren Angaben knapp sieben Hektar des offiziell anerkannten Territoriums der indigenen Gemeinde der Ngäbe-Bugle sowie weitere von ihnen genutzte Gebiete überflutet werden. „Abgesehen von Schäden für die Biodiversität würde der Stausee Häuser sowie landwirtschaftliche Flächen von vier Gemeinden überschwemmen, die traditionell in Subsistenzwirtschaft leben“, kritisiert Urgewald-Sprecherin Kathrin Petz im Gespräch mit der KNA. Sie stützt damit die Sichtweise der betroffenen indigenen Gemeinden, die seit Jahren Sturm gegen das Projekt laufen und einen kompletten Rückbau des nahezu fertigen Wasserkraftwerkes fordern.

Panamas Regierung hatte Vertreter der indigenen Bevölkerung vor einem Jahr zum Dialog eingeladen. Zu spät, wie viele Umweltschützer meinen. Die Ngäbe-Bugle wurden vor vollendete Tatsachen gestellt. Nun ist die Wut groß und ein Ausweg nicht in Sicht. „Die seit August 2015 laufenden Gespräche zwischen der Regierung und der indigenen Bevölkerung zu Barro Blanco begrüßen wir“, kommentiert die DEG den Dialog. Sie selbst nimmt nicht daran teil.

Sprecherin Petz kritisiert, dass mit der vor wenigen Tagen begonnenen Test-Flutung erneut Fakten geschaffen wurden. „Erst muss die Flutung rückgängig gemacht werden und der Dialog mit den Betroffenen wieder aufgenommen werden. Dann kann gemeinsam nach einer Lösung gesucht werden.“ Die Gespräche hätten viel zu spät begonnen.

Yuri Pitti, eine der Demonstrantinnen, die am Samstag bei den jüngsten Protesten dabei war, sagte „La Estrella“: „Das Projekt bringt nicht nur Ethnien wie die Ngäbe-Bugle in Gefahr. Es bedroht auch die Versorgungssicherheit aller Panamaer mit Nahrungsmitteln und Wasser.“ Am Mittwochabend nahm der Fall dann eine neue Wendung. Das Nachrichtenportal „Panamerianca“ berichtet, dass die Flutung erst einmal gestoppt werde. Darauf hätten sich nach einem Treffen Vizepräsidentin Isabel de Saint Malo de Alvarado und eine Kommission der Ngäbe-Bugle verständigt. Die Entscheidung eröffne einen Weg zur Fortsetzung des Dialogs, heißt es weiter. Wie eine nachhaltige Lösung aussehen soll, weiß allerdings bislang in Panama noch niemand.

Von Tobias Käufer (KNA)

© KNA