Zwei Männer, eine Spekulation

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  • Politik - 01.07.2016

Zwei Männer, eine Spekulation: Wird einer von ihnen nach der Amtszeit von Joachim Gauck neuer Bundespräsident? Die Rede ist von Navid Kermani und Norbert Lammert. In der Diskussion darüber, wer das nächste deutsche Staatsoberhaupt werden könnte, fallen immer wieder auch ihre Namen. Am Donnerstagabend jedenfalls saßen der Schriftsteller und der Bundestagspräsident, der Muslim und der Katholik, im Bonner Haus der Geschichte auf einem Podium – an einem Ort also, an dem die deutsche Geschichte von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart in einem Museum ausgestellt ist.

Brexit, Europa, Flüchtlingsfrage, Migration: Verhandelt wurden die ganz großen Themen. Veranstaltet wurde der Abend von der Konrad-Adenauer-Stiftung, von „Christ & Welt“ in der „Zeit“ sowie vom Haus der Geschichte. Das Motto: „Nach Europa – Bewegungen und Blockaden“. In Bewegung sind einerseits Menschen, die in Europa Schutz suchen. Andererseits sind mit dem Brexit-Votum und dem Erstarken rechter Kräfte Europa und die Europäische Union in Bewegung.

Kermani: „Nationale Egoismen“ blockieren gemeinsamen Europakurs

Gleich zu Beginn stellte Kermani fest, dass die Gegner Europas sehr viel engagierter aufträten als seine Befürworter – „lauter, leidenschaftlicher“. Der Autor bemängelte, dass es Europa nicht schaffe, „schlüssige, gemeinsame Antworten“ auf wichtige Fragen zu finden. Im Weg stünden – auch eine Blockade, um das Motto des Abends aufzunehmen – „nationale Egoismen“, etwa in der Flüchtlingsfrage.

Lammert forderte: „Die Europäer müssen sich darüber verständigen, was sie wollen.“ Die Uneinigkeit der Mitgliedsstaaten sei die eigentliche Katastrophe, die Wiederentdeckung der Nationalstaaten ein für jeden erkennbarer „Anachronismus“. Die Briten würden nach dem Brexit-Votum eine „traumatische Erfahrung“ machen, warnte Lammert: Mit einem Austritt würden sie nicht souveräner, sondern müssten sich um diverse Dinge künftig alleine kümmern.

Navid Kermani, deutsch-iranischer Schriftsteller, Publizist und Orientalist.

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Stichwort Uneinigkeiten: Manch ein Zuhörer denkt da gleich an den Streit innerhalb Europas über den Umgang mit den Flüchtlingen. Sowohl Lammert als auch Kermani betonten, dass die Schließung von Fluchtwegen wie etwa der Balkanroute keine Lösung sei, sondern das Problem nur verlagere. Dringend sei eine Unterscheidung zwischen Einwanderung und Asyl, zwischen freiwilliger und erzwungener Migration. Für jeden Europäer müsse es „glasklar“ sein, dass Verfolgte Anspruch auf Zuflucht hätten, betonte Lammert.

Lammert: Religion gewinnt an Bedeutung

Und was ist mit der Religion? Sie habe keineswegs eine rückläufige, sondern eine zunehmende Bedeutung, sagte Lammert. Menschen bräuchten Halt und Orientierung. Mit Blick auf Kermanis Buch „Ungläubiges Staunen“, in dem sich der Orientalist mit Aspekten des Christentums und christlicher Kunst auseinandersetzt, sagte Lammert, dass Dinge anders diskutiert würden, wenn manch einer so viel über das christliche Abendland wisse wie der Muslim Kermani.

Dieser warb dafür, sich mit anderen Kulturen zu beschäftigen – was auch dazu führe, die eigene besser kennenzulernen. Wer seine Wurzeln nicht kenne, werde anfällig für Fremdenfeindlichkeit und Parolen. Verbindende Werte seien europäisch und universal, nicht national. „Europa ist keine ethnische, sondern eine Willensgemeinschaft.“ Daher könne es auch passieren, dass zum Beispiel ein Istanbuler sich mehr als Europäer fühle als jemand hierzulande.

„Diese EU bricht auseinander, wenn es so weitergeht“, mahnte Kermani, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Und schickte in Richtung Bundestagspräsident hinterher: „Ist es jetzt nur die Panik eines Schriftstellers?“ Ohnehin kokettierte er ein wenig mit dem Verhältnis eines Autors zu einem Politiker. Sei es gut, wenn ein Schriftsteller mit einem Politiker einig sei?

Immer wieder kam an dem Abend auch die Leidenschaft beider Männer für Fußball zur Sprache – wenngleich wohl für jeweils einen anderen Club. In Sachen Europa scheinen sie auf einer Wellenlänge zu sein und haben dezidierte Meinungen – nicht verkehrt, ob in ihrer jetzigen Position oder vielleicht eines Tages als Bundespräsident.

Von Leticia Witte (KNA)

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