Kolumbiens historischer Tag

  • Kolumbien - 23.06.2016

Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos twitterte seine Vorfreude ins ganze Land hinaus: „Morgen ist ein großer Tag. Arbeiten wir für ein Kolumbien in Frieden.“ Für das im eigenen Land nicht unumstrittene Staatsoberhaupt ist die Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens mit der linksgerichteten Guerilla-Organisation FARC am Donnerstag in Havanna die Krönung seiner politischen Laufbahn.

Viele seiner Vorgänger sind an der Mammutaufgabe gescheitert, auf dem Verhandlungsweg eine Verständigung mit der FARC zu erzielen. Entsprechend fällt nun das Echo in den kolumbianischen Medien aus. Die Tageszeitung „El Espectador“ schreibt von einer „historischen Ankündigung“, das Blatt „Vanguardia“ titelt ähnlich: „Regierung und FARC kündigen den letzten Tag des Krieges an“.

Monika Lauer Perez ist Kolumbien-Referentin beim Hilfswerk Adveniat.

Steffen/Adveniat

Auch in Deutschland wird die Nachricht mit Freude aufgenommen. Das katholische Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat begrüßte heute das Waffenstillstandsabkommen als unabdingbaren „Schritt, damit die Menschen in Kolumbien in Frieden und versöhnt leben können“, so die Kolumbien-Referentin des Hilfswerks, Monika Lauer Perez. „Der beidseitige Waffenstillstand wurde möglich, weil Regierung und Rebellen klar geworden ist, dass keine Seite den Krieg gewinnen wird. Beide Seiten haben erkannt: Jetzt ist der Zeitpunkt für eine Politik ohne Waffen“, so die Kolumbien-Expertin.

Knapp vier Jahre Verhandlungen

Vor knapp vier Jahren begannen zunächst in Oslo und fortan in der kubanischen Hauptstadt Havanna die Verhandlungen. Mehr als 200.000 Tote kostete der Krieg das Land, fast sieben Millionen Menschen machte er zu Binnenflüchtlingen. Die Kolumbianer haben sich seit zwei Generationen an diesen Krieg gewöhnt. Auch weil inzwischen nur noch auf dem Land gemordet wird und der bewaffnete Konflikt aus den großen Städten verdrängt wurde, empfinden viele Kolumbianer eine Änderung des Status Quo eher als Bedrohung statt als Fortschritt.

Das erklärt, warum der Friedensprozess im Ausland weitaus euphorischer aufgenommen wird als in Kolumbien selbst. Mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens aber kann Santos nach vier Jahren harter Verhandlungen endlich ein greifbares Ergebnis, eine rechtlich bindende Vereinbarung vorweisen. Ein womöglich entscheidender Vorteil, wenn es darum geht, bei einem Referendum das notwendige grüne Licht vom skeptischen kolumbianischen Volk zu bekommen. Erst wenn sich die Mehrheit der Kolumbianer mit dem Gedanken einer Versöhnung arrangiert hat, geht der Krieg tatsächlich zu Ende.

Kirche: Abkommen darf nicht nur Symbol bleiben

„Die Unterzeichnung darf nicht nur ein Symbol bleiben“, fordert der Vorsitzende der Kolumbianischen Bischofskonferenz, Erzbischof Luis Augusto Castro aus Tunja. Castro ist einer der treibenden Kräfte hinter den Kulissen, kämpft in der Nationalen Versöhnungskommission für ein Kolumbien ohne Krieg. „Um einen tatsächlichen Frieden zu erreichen, müssen wir die Ursachen des Konfliktes bekämpfen. Und die liegen in der Frage der sozialen Gerechtigkeit“, sagte Castro der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Bogota. Auf die katholische Kirche kommen in der Phase nach dem Konflikt zahlreiche Aufgaben zu. Sie muss tief verfeindete gesellschaftliche Gruppen in allen Teilen des Landes – bisweilen auch in weit entlegenen Regionen – miteinander versöhnen.

Innenminister Juan Fernando Cristo entwirft unterdessen schon einmal ein Bild der politischen Zukunft Kolumbiens: „Die FARC wird bald eine politische Partei sein“, sagt Cristo. Damit würde der historische Konflikt dorthin getragen, wo er nach demokratischem Verständnis hingehört: ins Parlament. Dort käme es zu einem Aufeinandertreffen der gegensätzlichen politischen Pole: Ex-Präsident Alvaro Uribe, Vertreter der rechtskonservativen Opposition, und die politische Nachfolgeorganisation der FARC streiten dann nicht mehr mit Waffen und Bomben um die Macht, sondern mit Argumenten und Worten.

Als nächster Schritt stünde die dringend notwendige Klärung der Verantwortung an. An der Gewalt und dem Leid in Kolumbien sind viele gesellschaftliche Gruppen beteiligt. Ohne das Getöse von Bomben und Gewehrsalven werden auch wieder leisere Töne zu hören sein. Deshalb wird der Tag der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens in die Geschichte des Landes eingehen.

Von Tobias Käufer (KNA) (erg. durch lek um die Reaktion von Adveniat)

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