Der Papst in der Krisenregion

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  • Armenien - 23.06.2016

Ein hoher Gast für ein kleines Land: Am Freitag (24. Juni) bricht Papst Franziskus zu einer dreitägigen Reise nach Armenien auf. Offiziell spricht der Vatikan von einem Pastoralbesuch. Doch angesichts der verschwindend kleinen Katholikenschar dort liegt nahe, dass es um anderes geht als darum, in der Ortskirche nach dem Rechten zu sehen. Gespannt sein darf man auf ökumenische, aber auch auf politische Botschaften.

Mehr als 90 Prozent der Bevölkerung gehören der armenisch-apostolischen Kirche an – einer Gemeinschaft, die seit dem Konzil von Chalzedon 451 einer eigenen Tradition folgt, also weder mit den Kirchen des Westens noch mit den orthodoxen Patriarchaten in Istanbul oder Moskau verbunden ist. Entsprechend spielt der armenische Katholikos Karekin II. eine herausragende Rolle als Gastgeber.

Bezeichnend schon der erste Programmpunkt am Freitagnachmittag: die Apostolische Kathedrale in Etschmiadzin. Hier halten sowohl Karekin II. als auch Franziskus Reden. Das Spektrum möglicher Themen ist denkbar breit – es umfasst die getrennte Geschichte der Kirchen und den wachsenden Drang zur Zusammenarbeit, den Beitrag der Religion in der Gesellschaft, Fragen der nationalen und religiösen Identität und die Erfahrung von Vertreibung und Exil.

Auch die soziale Lage des Landes bietet zumal für Franziskus Anknüpfungspunkte: Nach Schätzungen lebt ein Drittel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze; die Arbeitslosigkeit liegt bei 18 Prozent. Weiterhin suchen viele Männer im Ausland Glück und Verdienst. Armut in Armenien trägt daher ein weibliches Gesicht: Es sind die Frauen, die oft als Alleinerziehende und auf dem Land ihre Familien durchbringen müssen. Mangelernährung und Wachstumsstörungen bei Kindern sind verbreitet.

Friedenstreffen der beiden Kirchen

Was nicht in den offiziellen Ansprachen Platz findet, können Franziskus und Karekin II. am Abend bei einer persönlichen Begegnung erörtern. Ökumenische Begegnungen bestimmen auch die zweite Hälfte der Reise: Am Samstagabend findet ein Friedenstreffen beider Kirchen auf dem Platz der Republik in der Hauptstadt Eriwan statt. Zum Gottesdienst am Sonntag wohnt der Papst der Feier des Katholikos in dessen Kathedrale bei.

Anschließend ist ein gemeinsames Mittagessen geplant, an dem die armenisch-apostolischen und armenisch-katholischen Bischöfe teilnehmen, am Nachmittag dann die Unterzeichnung einer gemeinsamen Erklärung im Apostolischen Palast. Vor dem Abflug wird Franziskus ein Gebet in Chor Virap sprechen, dem Kloster vor der symbolträchtigen Kulisse des Ararat – und in Sichtweite der türkischen Grenzbefestigung.

Die armenische Kirche bezeichnet sich stolz als älteste Staatskirche der Welt, und bis in die jüngere Gesetzgebung hinein erfährt sie eine privilegierte Behandlung. Zwar sieht sie sich eher als Anwältin des Volkes denn als Partnerin der Regierung; immer aber ist sie in die nationalen und politischen Probleme des Landes verwoben.

Papst besucht Armenier-Gedenkstätte

Dies könnte auch eine entschärfende Rolle spielen, wenn der Papst am Samstag die Gedenkstätte für die ermordeten und vertriebenen Armenier in Zizernakaberd besucht. Die armenisch-katholische Kirche hatte die mehr als eine Millionen Opfer der nationalen Katastrophe von 1915 vergangenes Jahr kollektiv als Märtyrer heiliggesprochen. Damit ist das Gedenken auch auf religiöse Deutungen hin offen – ob dies türkische Beobachter gelassener stimmt, steht dahin.

Der Samstag gehört großenteils der kleinen katholischen Gemeinde Armeniens, die nach wohlmeinenden Schätzungen 180.000 Seelen zählt und von der übrigen Bevölkerung eher als Kuriosum wahrgenommen wird. Ihr Zentrum ist die Stadt Gjumri, eine Region, die 1988 von einem Erdbeben schwer getroffen wurde und sich noch immer nicht von den Folgen erholt hat.

Im politischen Programmteil sind am Freitagabend ein Gespräch des Papstes mit Staatspräsident Sersch Sargsjan und eine Rede vor Vertretern des öffentlichen Lebens und der Regierung sowie Diplomaten in Eriwan vorgesehen. Hier wäre Gelegenheit, Probleme wie Korruption, Klientelwirtschaft und soziale Gegensätze anzusprechen. Aber auch ein Appell für eine mutige Friedenslösung mit dem Erzfeind Aserbaidschan ist denkbar.

Allein an internationaler Aufmerksamkeit könnte es mangeln. Denn kurz bevor Franziskus in die Krisenregion am südöstlichsten Ende Europas abreist, stimmt auf der anderen Seite des Kontinents Großbritannien heute über den „Brexit“ ab.

Von Burkhard Jürgens (KNA)

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So hilft Renovabis in Armenien

Von Jugendsozialarbeit, über den Bau von Schulen bis hin zur Hauskrankenpflege – das katholische Osteuropa-Hilfswerk Renovabis hilft auf vielfältige Weise den benachteiligten Menschen in Armenien. Lesen Sie auf der Renovabis-Website mehr über die Projekte.

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