Autonomie – Ökumene – Weltverantwortung

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  • Orthodoxie - 16.06.2016

Schon in den Wochen vor Beginn des Panorthodoxen Konzils auf Kreta ist eine rege Debatte über die sechs kurzen Texte auf der Tagesordnung in Gang gekommen. Dass die Entwürfe vorab im Internet veröffentlicht wurden, hat nicht zuletzt die russische Orthodoxie nach eigenen Angaben forciert, um Gerüchten über angebliche Beschlüsse vorzubeugen. Die Bulgaren fanden die gesamte vorkonziliare Diskussion völlig unpassend. Die Russen und Bulgaren gehören aber jetzt zu jenen, die gar nicht erst zum Konzil kommen wollen.

Worum geht es?

Vier Papiere befassen sich mit innerorthodoxen Fragestellungen: der Ordnung der weltweiten Diaspora, der Autonomie einer Landeskirche und den Methoden ihrer Erklärung, den Fastenregelungen und dem „Sakrament der Ehe und seinen Hindernissen“. Der Ehe-Entwurf wurde allerdings von den Patriarchen von Antiochien und Georgien nicht unterzeichnet.

Die beiden weiteren Texte dürften außerhalb der Orthodoxie auf größeres Interesse stoßen, geht es doch um „Die Mission der Orthodoxen Kirche in der modernen Welt“ und um die „Beziehungen der Orthodoxen Kirche zur übrigen christlichen Welt“. Die Dokumente liegen in den offiziellen Konzilssprachen Griechisch, Russisch, Englisch und Französisch sowie der „Arbeitssprache“ Arabisch vor. Noch keinen Entwurf gibt es für eine „Botschaft“ des Konzils, die auf Kreta selbst verfasst werden soll.

Moskauer Patriarch: Missions-Papier ist „Schlüsseldokument“ des Konzils

Der Moskauer Patriarch Kyrill I. wertete den Text über die „Mission“ der Orthodoxie in der Gegenwart als „Schlüsseldokument“ des Konzils. Mit mehr als sieben Textseiten ist er auch der umfangreichste. Konkreter lautet der Untertitel: „Der Beitrag der orthodoxen Kirche zum Erreichen von Frieden, Gerechtigkeit, Freiheit, Brüderlichkeit und Liebe zwischen den Völkern und zum Abbau von rassischer und andersartiger Diskriminierung“.

Gewisse Anklänge an die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) der katholischen Kirche über die „Kirche in der Welt von heute“ sind dabei unüberhörbar, doch der Entwurf erreicht nach Einschätzung von Theologen nicht deren Reflexionsniveau. Der Text besteht aus fünf kurzen Abschnitten über „Die Würde der menschlichen Person“, „Freiheit und Verantwortung“, „Frieden und Gerechtigkeit“, „Frieden und Ablehnung des Krieges“ sowie „Die Haltung der Kirche gegenüber Diskriminierung“.

Ein abschließender sechster Teil enthält 15 Konkretisierungen zur Sendung als „Zeuge der Liebe im Dienen“. Karitative Themen werden ebenso angesprochen wie Ungerechtigkeiten des Wirtschaftssystems, Hunger und Armut, Umweltzerstörung und Schöpfungsbewahrung, der Schutz des Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod oder ethische Fragen in den Biowissenschaften.

Diskussion um Ökumene-Papier

Heiße Diskussionen erregt das „Ökumene-Papier“. Der vierseitige Text vermeidet es, die anderen Kirchen namentlich zu nennen, bekräftigt aber mehrfach das Ziel der Einheit der Christen. Gegen innerorthodoxe Vorbehalte bekennt sich das Dokument ausdrücklich zur Mitarbeit in der ökumenischen Bewegung – in nationalen, regionalen und internationalen zwischenchristlichen Organisationen. Zugleich spricht es von einer „ernsten Krise der ökumenischen Bewegung“, ohne diese näher zu qualifizieren.

Ausführlich geht der Entwurf auf den Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) ein, zu dessen Gründungsmitgliedern einige orthodoxe Kirchen gehörten – von dem sich aber die georgische und die bulgarische Orthodoxie 1997 und 1998 ausdrücklich abwandten. Hier heißt es, die orthodoxe Kirche akzeptiere nicht „die Idee der ‚Gleichheit der Konfessionen‘“ und könne die Einheit der Kirche „nicht als interkonfessionellen Kompromiss akzeptieren“. Trotz dieser insgesamt zurückhaltenden Formulierungen geht der Text dem antiökumenischen Flügel der Orthodoxen viel zu weit. Er kennt für alle Nichtorthodoxen nur die Einordnung als „Häretiker“.

Segen für Ehen zwischen orthodoxen und nichtorthodoxen Christen

Von ökumenischer Relevanz ist auch das Dokument über das Ehesakrament und die Ehehindernisse, laut dem die Ehe zwischen orthodoxen und nichtorthodoxen Christen zwar „verboten“ ist, aber „aus Barmherzigkeit und Menschenliebe“ gesegnet werden kann – im Unterschied zur „kategorisch verbotenen“ Ehe mit Nichtchristen. Weiter heißt es: „Die Orthodoxe Kirche erklärt die heilige Natur der Ehe als ihre fundamentale und unumstrittene Glaubenslehre. Der freie Bund von Mann und Frau ist eine unverzichtbare Bedingung für die Ehe.“ Beklagt wird ein organisierter Druck auf die Kirche, neue Formen des Zusammenlebens anzuerkennen.

Das Papier zur orthodoxen Diaspora enthält zur offiziellen Festschreibung die bereits 2009 getroffene Regelung, die unter anderem (wie etwa in Deutschland) regionale orthodoxe Bischofskonferenzen einrichtete. Sie hatte zunächst nur vorläufigen Charakter, hat sich aber nach verbreiteter Einschätzung bewährt.

Von Norbert Zonker (KNA)

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Orthodoxes Konzil

Unter dem Leitwort „Er rief alle zur Einheit“ sollen von 19. bis 26. Juni mehrere hundert Bischöfe der griechisch-orthodoxen Kirchenfamilie aus aller Welt auf Kreta zu ihrer „Großen und Heiligen Synode“ zusammenkommen. Es sollte die erste derartige Zusammenkunft der heute 14 selbstständigen („autokephalen“) Kirchen in der Neuzeit werden; die Panorthodoxen Synoden früherer Jahrhunderte waren deutlich kleiner und regional begrenzter. Allerdings haben in den vergangenen Tagen vier National- bzw. Regionalkirchen ihre Teilnahme abgesagt.

Geleitet wird das Konzil vom Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I. (76), dem traditionell die Rolle des Ehrenoberhauptes der Weltorthodoxie zukommt. Die einzelnen Kirchen sind durch Delegationen von maximal 24 Bischöfen sowie ihrem Vorsteher vertreten; die kleineren Patriarchate erreichen diese Zahl nicht. Abgestimmt wird nicht nach dem Mehrheitsprinzip; jede Kirche hat eine Stimme. Für Entscheidungen ist Einstimmigkeit vorgeschrieben.

Dem Konzil ging ein jahrzehntelanger Vorbereitungsprozess voraus. Die ersten Beschlussentwürfe stammen aus den 1970er Jahren; sie wurden erst in den vergangenen Monaten überarbeitet und aktualisiert. Während bis zum Ende der Sowjetunion 1991 politische Gründe das Zustandekommen eines Konzils verhinderten, brachen anschließend innerorthodoxe Konflikte auf. Anlass war das Bestreben einzelner Kirchen in den verselbstständigten Staaten, sich auch kirchlich von Moskau zu lösen.

Die Autonomie für eine Ortskirche und die Methoden ihrer Erklärung soll nun auch eines der Themen des Konzils sein. Autonomie meint die „relative oder teilweise Unabhängigkeit“ von der Kirche, zu der sie gehört – im Unterschied zur sogenannten Autokephalie, also vollständiger Unabhängigkeit.

Zudem soll es auf Kreta um die Ordnung der orthodoxen Diaspora, um Fastenvorschriften, Ehe und Ehehindernisse, aber auch um die Beziehungen zur „übrigen christlichen Welt“ sowie die „Mission der orthodoxen Kirche in der modernen Welt“ gehen. (KNA)