„Gesundheitslotsen“ für Flüchtlinge

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  • Gesundheit - 14.06.2016

Am Mittwoch startet in Würzburg der 13. Kongress für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin, das größte deutschsprachige Fachtreffen dieser Art. Im Vorfeld bemängelt der Leiter der Abteilung Tropenmedizin in der Missionsärztlichen Klinik Würzburg, August Stich, die Gesundheitsversorgung für Flüchtlinge in Deutschland. Im Interview äußert sich der 55-Jährige zudem über das vieldiskutierte Zika-Virus und weitere Tropenkrankheiten.

Frage: Herr Professor Stich, bei Tropenmedizin denken viele an das Zika-Virus, die asiatische Tigermücke oder Ebola. Wie stark spüren Sie in Ihrem Arbeitsbereich, dass die globalisierte Welt immer weiter zusammenrückt?

Stich: Das spüren wir ganz deutlich. Viele Deutsche reisen geschäftlich oder privat in tropische und subtropische Gebiete. Verbreitete Ängste, dass Tropenkrankheiten auch hier in Europa ausbrechen können, sind zwar meist unbegründet. Aber man muss sich damit auseinandersetzen.

Frage: Das Thema Flüchtlinge bedeutet auch für Sie eine besondere Herausforderung.

Stich: Ja, und zwar nicht, weil die Menschen Krankheiten mitbringen, sondern weil sie generell einen schwächeren Gesundheitsschutz haben. Die Flucht hat sie durch die Wüste oder über das Mittelmeer geführt, zudem ist ihr Impfstatus häufig unzureichend. Auch das Leben in den Notunterkünften fördert Krankheiten. Das Asylbewerberleistungsgesetz sieht nur einen eingeschränkten Zugang zu Gesundheitsleistungen vor. Wir fordern einen niederschwelligen Zugang. Flüchtlinge sollten zudem durch sogenannte Gesundheitslotsen beraten werden. In ihren Herkunftsländern ist die medizinische Versorgung ganz anders organisiert, oft gehen die Menschen schon mit Halsweh oder Schnupfen in eine Klinik. Wenn sie das hier in Deutschland machen, werden sie häufig abgewiesen.

Frage: Wie könnte ein solches Beratungssystem aussehen?

Stich: Gesundheitslotsen wären eine Aufgabe des Staates. In der Realität wird es so sein, dass man sie bei den Wohlfahrtsverbänden und ehrenamtlichen Gruppen ansiedelt. Von politischer Seite ist es nicht gewünscht, dass die Rechte von Flüchtlingen ausgeweitet werden. Die Frage, ob Asylsuchende eine besondere Zuwendung brauchen, wird oft verneint. Aber wir sehen da einen besonderen Handlungsbedarf.

Frage: Das für schwangere Frauen und ihre ungeborenen Kinder gefährliche Zika-Virus ist besonders in Brasilien verbreitet. Erste Stimmen verlangen die Absage der Olympischen Sommerspiele in Rio. Ihre Einschätzung?

Brasilien kämpft mit der Ausbreitung des Zika-Virus - eine Gefahr für die Olympischen Sommerspiele in Rio?

Escher/Adveniat

Stich: Man sollte relativ unaufgeregt an die Sache herangehen. Bei Zika mussten wir vieles dazulernen. Der Virus kann eine Schädigung des ungeborenen Kindes herbeiführen, alle wissenschaftlichen Ergebnisse sprechen dafür. Wir mussten auch lernen, dass Zika relativ lange in der männlichen Samenflüssigkeit verbleibt. Deshalb müssen wir uns vorsichtig verhalten. Schwangere sollten nicht in die betroffenen Regionen reisen, und wenn doch, dann nur mit intensivem Mückenschutz. Wenn Männer reisen, sollten sie ein halbes Jahr Kondome benutzen beziehungsweise auf Sex verzichten. Von der christlich-humanitären Seite her geht es uns jedoch nicht in erster Linie um die Olympiatouristen, sondern um die Bevölkerung vor Ort. Man sollte sich aber nicht zu heroischen Aktionen aufschwingen und Insektizide versprühen.

Frage: Sie sehen einen Zusammenhang zwischen der sozialen Situation in bestimmten Weltgegenden und dem Ausbruch von Krankheiten?

Stich: Ja, den gibt es natürlich. Strukturelle Probleme haben über Jahrzehnte hinweg zu einer immer größeren Schere von Arm und Reich geführt. Deshalb gibt es Krankheiten, die es vorher so und in dieser Zahl nicht gegeben hat. Es besteht ein Zusammenhang zwischen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten und dem Ausbruch von Krankheiten. Das kann man auch an Zika zeigen. Wir haben das lange vernachlässigt. Das müssen wir bearbeiten, auch mit Forschung. Ein wichtiges Thema ist auch die psychische Gesundheit von armen und unterprivilegierten Menschen, Stichwort „mental health“. Davon betroffen sind vor allem die Megacitys in Lateinamerika oder Asien. Das sind hoch komplizierte Dinge, die medial schwer zu vermitteln sind. Aus Zika kann man dagegen reißerisch etwas machen.

Frage: Ein Problemfall ist auch die Tigermücke, die in den vergangenen Jahren wiederholt in Deutschland aufgetaucht ist und bereits hierzulande überwinterte. Welche Gefahr geht von ihr aus?

Stich: Die Gefahr besteht. Die Tigermücke ist ein Überträger, der ursprünglich nicht hier heimisch war und sich ausbreitet. Sie profitiert von Klimaveränderung und globalen Wanderungen. Die Tigermücke ist über Altreifen nach Europa gekommen, ist jetzt auch in Deutschland aufgetaucht und wird sich ausbreiten. Es kann sein, dass verschiedene Tropenerkrankungen lokal ausbrechen. So etwas gab es schon, etwa im Jahr 2007 in Italien.

Frage: Weiteres Beispiel ist die Chagas-Krankheit, die in Lateinamerika durch eine blutsaugende Raubwanze übertragen wird. Allein in Spanien sind bereits 6.000 Menschen infiziert.

Stich: Das ist weder in der Öffentlichkeit noch in der Fachwelt groß bekannt. Wir haben ein eigenes Projekt erarbeitet, um Menschen aus Lateinamerika das Problem zu erklären und Perspektiven anzubieten. Vor allem Immigranten aus Bolivien bringen das Problem mit, die Krankheit verbreitet sich durch Bluttransfusionen und Organspenden. Wir haben eine endemische Transmission auch in Deutschland. Wie viele Fälle es gibt, wissen wir nicht. Wir schätzen, dass es 800 bis 1.000 Fälle gibt.

Frage: Welche Themen stehen beim Würzburger Kongress im Mittelpunkt?

Stich: Wir befassen uns mit dem breiten Spektrum von Infektionskrankheiten, angefangen von den Herausforderungen im eigenen Land, etwa hochresistenten Keimen auf den Intensivstationen – die Palette unserer Antibiotika dünnt sich langsam auf. Darüber hinaus werden natürlich die Tropenmedizin und globale Aspekte einen Rahmen finden.

Von Bernd Buchner (KNA)

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