Freude über freigelassenen Priester

  • Vietnam - 24.05.2016

Es muss ein besonders bewegender Moment gewesen sein, als die Türen des weißen Transporters aufgingen und Nguyen Van Ly empfangen wurde: Erzbischof Francis Xavier Le Van Hong und ein altbekannter Kollege helfen dem in seinem großen weißen Hemd schmächtig wirkenden Priester aus dem Auto. Ly kniet sich hin, betet und empfängt den Segen des vietnamesischen Oberhirten.

Der 70-jährige Priester und Blogger Ly war seit Anfang 2007 wegen „Propaganda gegen die Sozialistische Republik Vietnam“ und „schwerer Verbrechen, die die nationale Sicherheit bedrohen“ im Gefängnis. Am Freitag wurde er von der kommunistischen Regierung vorzeitig entlassen – als Geste gegenüber den USA kurz vor dem Besuch von Präsident Barack Obama, der seinerseits wiederum das seit 50 Jahren bestehende Waffenembargo aufhob.

Die Freude über die Freilassung von Nguyen Van Ly ist auch in Deutschland groß: Das katholische Hilfswerk Missio und die Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) hatten sich seit Monaten für ihn eingesetzt – unter anderem mit der Social-Media-Kampagne #freeLy und einer Petition an die Bundesregierung. „Wir freuen uns mit Nguyen Van Ly und sehen das als Mit-Erfolg unserer Petition“, sagt Missio-Sprecher Johannes Seibel. Für Ly sei es eine Erlösung, sagt er mit Hinweis auf dessen Gesundheitszustand. Ly hatte 2009 mehrere Schlaganfälle. „Wir hoffen, dass sich sein gesundheitlicher Zustand bald wieder verbessern wird“, ergänzt Missio-Präsident Klaus Krämer.

Situation in Vietnam immer noch nicht befriedigend

Seibel verweist darauf, dass die Freilassung zwar ein guter Tag für die Menschenrechte war, aber dass die Situation in Vietnam noch nicht befriedigend sei. Kritik an einzelnen Politikern sei solange erlaubt, wie man nicht die kommunistische Partei und ihren Machtanspruch angreife. Aber Menschen, die wie Ly für die Demokratie eintreten, würden weiterhin bedrängt – wenn auch mit einer neuen Strategie: „Missliebige Personen werden nun nicht mehr inhaftiert, sondern von eigens beauftragten Banden verprügelt und damit eingeschüchtert“, so der Missio-Sprecher. Die vietnamesische Regierung sei dadurch weniger angreifbar als durch öffentlichkeitswirksame Inhaftierungen.

Auch der Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, Christian Mihr, warnt vor zu großer Euphorie. „Die Freilassung erfolgte nicht aus Einsicht, sondern wegen des Staatsbesuchs von Barack Obama“, so Mihr. Die Regierung schrecke wegen der internationalen Reaktionen zunehmend vor Verhaftungen zurück, sie schüchtere aber weiter auf andere Weise Blogger und Aktivisten ein, die sich für Menschenrechte einsetzen.

Nach Vatikanangaben sind in Vietnam 6,6 Millionen der knapp 90 Millionen Einwohner Katholiken. Ihre Zahl wächst. In der Szene der Bürgerjournalisten, Blogger und Online-Aktivisten sind christliche Akteure, darunter auch Katholiken wie Ly, überdurchschnittlich stark repräsentiert. Der Einsatz für Religionsfreiheit und für Meinungsfreiheit geht hier Hand in Hand. Ein Grund mehr, warum Missio und ROG die Bundesregierung auffordern,  gegenüber Vietnam die Streichung des Paragrafen 258 des Strafgesetzbuches zu fordern, der die Unterdrückung der Meinungs- und Informationsfreiheit ermöglicht.

Nguyen Van Ly, der nach seinem Taufnamen auch „Bruder Thaddeus“ genannt wird, engagiert sich seit Mitte der 1970er Jahre für Menschenrechte. Bereits 1977 und von 1983 bis 1992 saß er dafür im Gefängnis und setzte danach seine Arbeit fort. 2006 gründete und organisierte er den sogenannten Bloc 8406 mit, eine Online-Plattform, auf der Texte mit Kommentaren und Forderungen zur Demokratisierung in dem asiatischen Land eingestellt sind. Zusammen mit drei weiteren katholischen Priestern publizierte er die Zeitschrift „Freie Sprache“ – bis es 2007 zur erneuten Verhaftung kam.

Wille und Geist ungebrochen

Nach der Freilassung befinde sich der 70-Jährige zwar gesundheitlich in einem schlechten Zustand, aber sein Wille und sein Geist seien ungebrochen, teilte ein Sprecher des Erzbistums Hue mit. Auf die Mitteilung der Behörden, er habe seine Begnadigung dem Staatspräsidenten von Vietnam zu verdanken, habe Nguyen Van Ly geantwortet: „Das ist keine Begnadigung, sondern eine Geschenk an die USA vor dem Besuch des Präsidenten. Zudem bin ich nicht schuldig, also kann man mich auch nicht begnadigen. “ (luk mit Material von KNA und Missio)

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