„Frau König, gucken Sie mal?“

  • Flüchtlinge - 06.05.2016

Seit Februar besuchen 30 Flüchtlinge aus Afghanistan, dem Irak, Pakistan und Syrien die Berufsbildende Schule der Bergschule St. Elisabeth in Heiligenstadt. Überwiegend sind es junge Männer, die allein nach Deutschland kamen. Die Schulleiterin hoffte, dass es keine Probleme gibt. Tatsächlich ist die Lage ent­spannt. Und die Neuschüler, die alle kaum Deutsch konnten, sind hoch motiviert.

Mit dreien ihrer neuen afghanischen Schüler hat die Deutschlehrerin Clau­dia König eine Wette abgeschlossen: „Wenn Ihr unser Alphabet könnt, lerne ich auch Farsi.“ Was sie nicht ahnte: Die Flüchtlin­ge, die seit dem 9. Februar an der Ka­tholischen Berufsbildenden Bergschu­le St. Elisabeth in zwei Klassen für den Spracherwerb unterrichtet werden, sind ehrgeizig und lernwillig. Sie ha­ben das Alphabet schneller gelernt als ihre Lehrerin dachte. Und nun sieht sie sich den Schriftzeichen der persi­schen Sprache gegenüber, die sich oft nur durch winzige Punkte voneinan­der unterscheiden.

Die Flüchtlinge und die anderen Schüler der Bergschule kommen gut miteinander aus.

Bock/SMMP

Einige sind Analphabeten

Zugleich macht ihr diese Wette aber auch deutlich, welchen Heraus­forderungen die Flüchtlinge in den beiden Klassen ausgesetzt sind: „Eini­ge von ihnen sind Analphabeten. Und hier sollen sie eine völlig neue Sprache lernen, ohne sich die Vokabeln in ihrer Muttersprache daneben schreiben zu können. Das ist schon heftig.“

Genauso heftig ist das, was die 16- bis 20-jährigen Schüler bereits er­lebt und hinter sich gelassen haben, bevor sie in Deutschland ankamen. „Ich war drei Monate lang unterwegs. Von Afghanistan aus ging ich erst in den Iran, von da aus über die Türkei und Griechenland bis nach Deutsch­land“, berichtet Hussein fast schon in fließendem Deutsch. Er ist 16 Jahre alt und kam allein. Da sein Vater tot ist, musste er schon mit elf Jahren die Schule verlassen und als Mechaniker in einer Autowerkstatt Geld verdie­nen. Mindestens 60 Stunden in der Woche. „Jetzt meinte meine Mutter: Das ist keine Zukunft für Dich. Sieh zu, dass Du hier wegkommst.“

Schwe­ren Herzens machte er sich auf den Weg, wie er erklärt: teilweise zu Fuß, mitgenommen im Auto, mit dem Bus oder im Zug. Jetzt lebt er in der Villa Lampe, einer Jugendsozialeinrichtung der Salesianer Don Boscos in Nach­barschaft der Schule: „Da sind wir mit zwölf in einem Klassenraum. Alle sind aus Afghanistan. Uns geht es hier gut.“ Hussein möchte einmal studieren: Informatik oder Grafik-Design.

„Meine Mutter meinte: Das ist keine Zukunft für Dich. Sieh zu, dass Du hier wegkommst.“

— Hussein, 16-jähriger Flüchtling aus Afghanistan

„Viele dieser Flüchtlinge haben große Träu­me“, sagt Schulleiterin Gabriele Sach­se. Und sie weiß, dass sich die für viele nicht erfüllen werden. „Aber solange sie diese Ziele haben, sind sie übereif­rig und hoch motiviert. Und dann wer­den es auch einige schaffen.“ Voraus­gesetzt, sie dürfen bleiben. Das wissen bislang die wenigsten dieser Jugendli­chen, die alle allein nach Deutschland kamen.

Ausgestattet mit einem Starter-Pa­ket, das die Schule auch mit Hilfe von Spenden des Einzelhandels organisier­te, wurden die Schüler am 9. Februar in der Schule begrüßt. Und schon in den ersten Wochen haben sie erstaun­lich viel gelernt. In der Klasse mit den leistungs­stärkeren Schülern, die mehrere Jah­re lang eine Schule in ihrer Heimat besucht haben, nimmt Claudia König kurz vor den Osterferien bereits die Modalverben durch: Sätze mit kön­nen, dürfen, wollen, sollen, müssen oder mögen: „Das ist recht anspruchs­voll für die vierte Woche Deutschun­terricht“, weiß die 28-Jährige, die nach ihrer Erziehungszeit eigentlich erst im April an die Schule kommen wollte. Aber nachdem die Schulleiterin ihr ge­sagt hat, wofür sie sie braucht, ist sie bereits im Februar mit zwölf Stunden eingestiegen: „Und ich finde diese Auf­gabe spannend.“

Auf die Modalverben kamen sie im Unterricht, da die Lehrerin ihren Schülern beibrachte, dass zwei Verben im Satz nicht hintereinander stehen. „Dann aber sagte einer im Rahmen einer Übung, dass er hier sei, weil er Deutsch lernen möchte. Und ‚lernen möchte‘ sind zwei Verben in Folge. Also war ich in Erklärungsnot und ent­gegnete, dass Sätze mit Modalverben eine Ausnahme bilden. Da wollten sie sofort wissen, was Modalverben sind.“

Das ist es, was Claudia König an dieser außergewöhnlichen Form des Deutschunterrichts liebt. „Die Schü­ler sind ungeheuer motiviert. Sie for­dern mich immer wieder neu heraus. Und dabei werde ich selbst ganz neu für unsere Sprache sensibilisiert.“ Die Flüchtlinge dürfen eben nicht nur Deutsch lernen – sie wollen, mögen und können das auch.

Selbst dann, als die Schüler zu zweit arbeiten, sich Fragen stellen und gegenseitig schriftlich beantworten sollen, rufen sie immer wieder nach ihrer Lehrerin: „Ist das so richtig?“ – „Frau König, gucken Sie mal.“ Eini­ge sagen auch Frau Claudia, weil der Umgang mit Vor- und Nachnamen in ihrer Heimat ein anderer ist. „In einer deutschen Klasse könnte ich während der Partnerarbeit selbst etwas lesen und hätte einige Minuten Ruhe. Hier müsste ich Kilometergeld bekommen, weil ich die ganze Zeit von einem Platz zum anderen gehe.“ Das findet sie zwar anstrengend – „aber es macht auch richtig viel Spaß.“

Auch für Claudia Großpietsch ist der Unterricht mit den Flüchtlingen nach 28 Jahren an der Bergschule eine neue Erfahrung.

Bock/SMMP

Es ist nicht nur die hohe Motivation der Flüchtlinge, die den Lehrern an der Berufsbildenden Bergschule im­poniert, sondern ebenso ihre Freund­lichkeit und Aufmerksamkeit. Das hat auch Claudia Großpietsch während ihrer 28-jährigen Tätigkeit seit 1988 an dieser Schule so noch nicht erlebt. Sie unterrichtet gerade in der A-Klasse, zu der die Analphabeten gehören. „Wenn ich hier gleich mit diesem Recorder und meiner dicken Tasche aus dem Raum gehe, kommt sofort jemand, der mir etwas abnimmt und tragen hilft.“ Sie verlässt den Raum – und tatsäch­lich wird sie angesprochen.

„Tut der ganzen Schule gut“

„Das ist eine Erfahrung, die der ganzen Schule guttut“, sagt Gabriele Sachse. Der Bedarf zur Einrichtung solcher Klassen für über 16-Jährige, die nicht mehr in eine Regelschule ge­hen, war im Landkreis Eichsfeld vor­handen. Die Bergschule verfügte über die entsprechenden Kapazitäten. „Und im Kollegium erklärten sich sofort 14 Kolleginnen und Kollegen bereit, in diesen Klassen, teilweise auch zusätz­lich, zu unterrichten.“ Dass es unter ihren 500 Schülerin­nen und Schülern ebenfalls so fried­lich bleibt, hätte sie nicht unbedingt erwartet: „Wir treffen hier nicht bei allen auf gleich viel Toleranz.“

Aber die ganze Schule wurde gut auf die Neuankömmlinge vorbereitet. „Unsere Auszubildenden, die Erzie­herin oder Erzieher werden, haben Patenschaften für die 30 Schüler über­nommen, so dass sie ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen, ihnen in den Pausen Gesellschaft leisten oder auch schon mal bei den Hausaufgaben auf die Sprünge helfen. Das klappt wun­derbar“, sagt Gabriele Sachse.

„Seit gestern habe ich einen neu­en Schüler: Als er erfuhr, dass er zur Schule darf, strahlte er über das gan­ze Gesicht. Er konnte es kaum fassen. Wo sieht man das sonst bei einem un­serer 16- oder 17-Jährigen?“, fragt sich Claudia König. Sie hat die Flüchtlinge inzwischen schätzen gelernt. Das zeigt sie unter anderem, indem sie versucht, Farsi zu lernen. Und sie weiß: „Auch da werden meine Schüler nicht locker lassen: Irgendwann muss ich die ers­ten Sätze in ihrer Heimatsprache mit ihnen reden.“ Aber die 28-Jährige will, kann und möchte das auch.

© Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel (SMMP)

30 Schüler in zwei Klassen

Die 30 Schülerinnen und Schüler in dem so genannten Berufsvorbereitungsjahr zum Spracherwerb stammen hauptsächlich aus Syrien, Afghanistan, Pakistan und dem Irak. Dabei handelt es sich um 27 junge Männer und drei junge Frauen im Alter von 16 bis 20 Jahren. Ein Teil von ihnen hat bereits im Heimatland eine Schule besucht, einige sind Analphabeten. Um dem Leistungsgefälle gerecht zu werden, wurden die Schüler in zwei Klassen unterteilt. Der Unterricht, der vom Land refinanziert wird, sieht vor allem Sprachunterricht vor, aber auch Sport und Religion. Der Freitag ist vor allem durch praktischen Unterricht geprägt – wie das gemeinsame Kochen oder das Gestalten des Klassenraums. „Dabei ist das Erlernen der Sprache und die Vermittlung unserer Kultur mindestens so wichtig wie die Tatsache, dass wir den Schülern hier Kontakte eröffnen und sie gesellschaftlich integrieren“, sagt Schulleiterin Gabriele Sachse.

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