„Europa darf sich nicht abschotten“

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  • Karlspreis - 06.05.2016

Christen sollten angesichts gegenwärtiger Krisen in Europa dazu beitragen, „einen neuen ängstlichen Egoismus und enges Nationaldenken abzulegen“. Der Kontinent dürfe sich nicht zu einer Festung abschotten. Dies forderte der Apostolische Nuntius in Deutschland, Nikola Eterovic, gegenüber dem Hilfswerk Missio in Aachen aus Anlass der Verleihung des Karlspreises an Papst Franziskus am heutigen Freitag. Im Interview spricht Eterovic über die Verdienste von Franziskus und die europäische Identität.

Frage: Herr Erzbischof Eterovic, Papst Franziskus erhält den Karlspreis. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie diese Nachricht hörten?

Eterovic: Über die Nachricht, dass Papst Franziskus diese ehrenvolle Auszeichnung des Karlspreises erhält, habe ich mich sehr gefreut. Als erster Papst, der nicht aus Europa stammt, wird er für seinen Einsatz um die Achtung der Menschenrechte, besonders für das Lebensrecht und die Religionsfreiheit gewürdigt, wie auch dafür, den Frieden zu fördern und Solidarität unter den Völkern und Nationen anzumahnen. Seine Bemühungen um eine „ganzheitliche Ökologie“ und die Sorge um „das gemeinsame Haus“ der Schöpfung werden ebenso wahrgenommen, wie sein Wunsch, dass sich die Menschen in Europa an allen Werten orientieren, die diesen Kontinent im Innersten zusammenhalten. Der Heilige Vater hat seine Vision von Europa in seinen Ansprachen vor dem Europaparlament und dem Europarat am 25. November 2014 deutlich formuliert.

Frage: Für welche sogenannten europäischen Werte steht für Sie die katholische Kirche in Europa? Welchen Beitrag leisten dabei Päpstliche Missionswerke wie das Internationale Katholische Missionswerk Missio?

Eterovic: Die Katholische Kirche in Europa steht für den Wurzelgrund, auf den das gemeinsame europäische Haus weiter errichtet werden kann. Das jüdische Erbe und die christliche Botschaft kristallisieren sich im Konzept der menschlichen Person, die unabhängig von Rasse, Nationalität oder Religion eine Würde hat, die jedem Menschen zusteht und die niemand einem anderen absprechen oder wegnehmen kann. Die Wahrheit über die menschliche Natur, die sich in den Beziehungen zu anderen, in der Familie und den übrigen Gemeinschaften verwirklicht, wird offenbar in der Offenbarung Gottes im Alten und im Neuen Testament und kommt in den Reflektionen der griechischen Philosophie und in der römischen Rechtsauffassung zum Ausdruck. Diese Würde entspringt nicht zuletzt dem tiefen Bewusstsein, dass der Mensch – alle Menschen – nach dem Abbild Gottes geschaffen sind. Als Christen sind wir Brüder und Schwestern in dem einen Herrn Jesus Christus, der uns den Heiligen Geist schenkt und zum Frieden mahnt und zur Liebe zu Gott und dem Nächsten. Daraus speist sich das, was Solidarität genannt wird und für Europa ein Leitgedanke unter den Nationen ist. Hierzu leisten die Päpstlichen Missionswerke und Missio durch die Verkündigung des ganzen Evangeliums einen unverzichtbaren Beitrag, denn sie stehen ein für die Würde einer jeden menschlichen Person und zeigen, wieviel Gutes weltweit entsteht, wenn Menschen solidarisch sind und nicht nur die Globalisierung hinnehmen, sondern sich zur „globalen Solidarität“ aufmachen, wie es der Heilige Vater Franziskus in der Enzyklika „Laudato si‘“ ausdrückt.

Frage: Papst Franziskus sagte, als er auf den Karlspreis angesprochen wurde, ihm gefalle die Idee sehr gut, dass Europa neu gegründet werden muss. Er fragte wörtlich: „Wo ist da ein Schuman, ein Adenauer?“ Was bedarf es aus Ihrer Sicht angesichts von Flüchtlingskrise und europäischer Identitätskrise zu einer Erneuerung?

Eterovic: Jede Erneuerung fängt damit an, dass man sich an die Anfänge erinnert und sich des Fundamentes bewusst wird, auf dem etwas steht. In Europa, das nach wie vor mehrheitlich christlich geprägt ist, braucht es dazu die Männer und Frauen, die entschieden christlich sind. Das heißt, sie sollen auf die Fehler hinweisen, doch optimistisch bleiben, was die Gegenwart und Zukunft Europas angeht. Europa hat einen unverzichtbaren Beitrag an die Welt auf religiösem, kulturellem, wissenschaftlichem und sozialem Gebiet zu leisten. Diese Sendung soll unser Kontinent auch in der komplexer gewordenen Welt von heute fortsetzen. Es ist doch erstaunlich, dass nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges besonders Katholiken wie Adenauer, De Gasperi und Schuman daran gingen, aus den Trümmern, die aus Hass, Gewalt und Krieg entstanden, ein Europa zu errichten, in dem Versöhnung zum Frieden führte und Dialog sowie solidarische Hilfe statt Krieg herrschen. Das gemeinsame Haus, das aufgebaut wurde, kann Krisen meistern, wenn es sich nicht zu einer Festung abschottet, weil die Menschen Angst haben. Politik in Europa war nach 1945 mutig, nicht ängstlich, visionär und nicht kleinlich, hoffnungsfroh und nicht verzagt. Die Herausforderungen damals waren riesig. Wie sollte es nicht möglich sein, heutige Krisen zu meistern? Christen mögen dazu helfen, einen neuen ängstlichen Egoismus abzulegen und enges Nationaldenken aufzubrechen, damit Europa als Kontinent auch weiterhin allen Menschen guten Willens ein Raum der Freiheit, der Demokratie und des Rechts bleibt, der Einfluss nimmt auf der ganzen Welt und für alle Menschen. Um diese Aufgabe zu erfüllen, die über jene eines gemeinsamen Marktes hinausgeht, muss Europa seine geistliche Einheit als Fundament einer erneuerten Kraft wiederentdecken und an die neue Generation weitergeben. 

© Missio Aachen

Der Karlspreis

Der Internationale Karlspreis wurde erstmals 1950 vergeben. Er zeichnet Persönlichkeiten oder Institutionen aus, die sich um Europa und die europäische Einigung verdient gemacht haben. Der Preis wird traditionell an Christi Himmelfahrt im Krönungssaal des Aachener Rathauses verliehen. Mit Rücksicht auf den Papst wurde die Zeremonie in diesem Jahr auf den Tag nach dem kirchlichen Hochfest sowie nach Rom verlegt. Nach Johannes Paul II. im Jahr 2004 erhält mit Franziskus zum zweiten Mal ein Papst den Karlspreis.

www.karlspreis.de

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