Als Pfarrer in Beira

  • Mosambik - 29.03.2016

Mehrere Jahrzehnte war der Jesuit Heribert Ferdinand Müller in Simbabwe tätig bis der 54-jährige Ordensmann im vergangenen Jahr schließlich zum Pfarrer im mosambikanischen Beira ernannt wurde. Mit dem neuen Land kam auch ein neuer Name: Aus Father Heribert ist jetzt Padre Fernando geworden. In einem Gastbeitrag beschreibt er seinen Alltag als Missionar in der Küstenstadt Beira, die ihn vor viele Herausforderungen stellt.

Ein alter Simbabwe-Missionar sagte mir einmal: „Als neuer Pfarrer musst du dir deine Gemeinde erlaufen.“ In Begleitung von drei oder vier Verantwortlichen einer Basisgemeinde besuche ich Häuser und Hütten unserer Christen.

Hitze, Schlamm und Regen

Die Küstenstadt Beira, das afrikanische Venedig, liegt an vielen Stellen tiefer als der Meeresspiegel. In der Regenzeit verwandeln sich große Teile der dicht besiedelten Armutsviertel in riesige Schlammlöcher. Das Wasser dringt überall ein, von unten und von oben. Der ganze Unrat von alten Plastikflaschen, Tüten, Essensresten und verschlissenen Kleidungsteilen wird hin und her geschwemmt. Doch erfahrene Slumbewohner wissen, wo die besseren Fußwege sind. Hitze und Feuchtigkeit bieten ideale Brutstätten für Moskitos, die hier in großen Schwärmen auftreten. Dann füllt sich das große Zentralkrankenhaus der Stadt mit Malariapatienten und viele von ihnen überleben nicht. Fast jedes Jahr bricht auch in irgendeinem Slum die Cholera aus.

Großmutter Migolo lächelt

Als wir die Hütte von Mbuya Migolo (Mbuya heißt Großmutter) erreichen, kommt uns zur Begrüßung schon froher Gesang entgegen. Als Witwe lebt sie allein, ist geh- und sehbehindert. Vier der fünf Kinder sind verstorben und der einzige Sohn lebt im 200 Kilometer entfernten Chimoyo. Ich begrüße sie auf Portugiesisch und merke gleich, dass sie dies nicht versteht. So probiere ich den Gruß auf Sena und schon zeigt sich ein frohes Lächeln auf ihrem Gesicht, das ohne Worte so viel mitteilt. Sie sitzt auf einer alten Strohmatte, durch die Ritzen in der Wand dringt ein wenig Licht in den kleinen vollgepackten Raum, zahllose Fliegen schwirren umher und lassen sich immer wieder auf den Resten des gebratenen Fisches nieder. Mitglieder der Basisgemeinde kümmern sich um Mbuya Migolo. Sie reinigen das Haus, versorgen sie mit Nahrungsmitteln und Medikamenten und bringen ihr jeden Sonntag die heilige Kommunion.

In der Regenzeit verwandeln sich die Slums in Beira in riesige Schlammlöcher. Das Unrat wird hin und her geschwemmt. So bricht fast jedes Jahr in irgendeinem Slum die Cholera aus. Jesuitenmission

Am richtigen Platz

Seit mehr als einem halben Jahr lebe ich nun schon in Beira. Nach so vielen Jahren in Simbabwe ist es schön, noch einmal etwas ganz Neues anzufangen. Die Pfarrei hat mich liebevoll aufgenommen und ist sehr geduldig mit dem neuen Pfarrer, der noch etwas holprig ihre Sprachen spricht. Zur Pfarrei gehören drei große Slumviertel, wo wir kleine Kapellen und Gemeindeschulen betreiben. Viele Gebäude sind in einem erbärmlichen Zustand und haben schon seit Jahrzehnten keinen Maurer gesehen. Im hiesigen Gemeindezentrum, das auch als Schule dient, waren alle Toiletten verstopft. Was das für empfindliche Nasen bei dieser Hitze bedeutet, ist leicht vorstellbar. Und so war es meine erste Aufgabe, die Kläranlage zu erneuern und die Rohre tiefer zu legen. Die Herausforderungen sind groß, aber ich fühle mich hier am richtigen Platz. Wir sind eine bunte Pfarrei voller Leben.

Eine bunte Pfarrei

Draußen vor der Tür des Pfarrbüros üben Pfadfinder Lieder für ihr Sommerlager ein, im Pfarrsaal nebenan probt der Ndau-Chor mit kräftigen Batuken (Trommeln), aus der Nachbarschaft dröhnt es full-blast aus einer Musikbox, immer wieder der gleiche Schlager, und von der Moschee im Munhava-Viertel lässt der Muezzin seine Stimme erschallen. Ich schließe für einen Moment die Augen und kann es kaum glauben, wie viel Leben mich hier umgibt. Besonders rund geht es von 17 bis 21 Uhr. Um 18 Uhr feiern wir jeden Abend die heilige Messe, die von verschiedenen Gruppen gestaltet wird. Die Jesuitenpfarrei Sankt Johannes der Täufer ist schon über 50 Jahre alt und meine Vorgänger, die meisten aus Portugal und Brasilien, haben mir eine lebendige Gemeinde mit vielen Aktivitäten und Bewegungen hinterlassen.

Verweilen im Schatten

Der Platz vor der Kirche lädt Jung und Alt zum Verweilen ein: Im Schatten von zwei großen Bäumen, auf einer alten Steinbank sind Jugendliche ganz in ihre Handys vertieft. Andere planen Aktivitäten fürs Wochenende, diskutieren laut und lachen oft. Erwachsene melden ihre Kinder zur Taufe oder zur Katechese an oder möchten für ihre Verstorbenen eine Messe feiern lassen. Es geht zu wie im Taubenschlag, ein ständiges Kommen und Gehen.

Der Platz vor der Kirche lädt Jung und Alt zum Verweilen ein.

Jesuitenmission

Diskussion um Miniröcke

Bei der ganzen Geräuschkulisse halte ich mit dem Empfangskomitee der Pfarrei eine abendliche Fortbildung. Die 20 Personen starke Gruppe ist für den Empfang bei den großen Sonntagsmessen zuständig und kümmert sich um einen geordneten Verlauf der Liturgie. Wenn die Kirche sehr voll ist, helfen sie den Nachzüglern, noch einen Platz zu finden. Wenn die geistig behinderte Mudiwa wieder einmal aggressiv wird und die Kinder mit ihrem Stock bedroht, begleiten sie sie behutsam, aber unnachgiebig zum Ausgang. Heute Abend tauschen wir unsere Erfahrungen aus. Eine heftige Diskussion entsteht bei der Frage: Was tun, wenn eine Frau im Mini, super-eng und super-kurz, zur Kirche kommt? Da stoßen die Meinungen verschiedener Generationen und Kulturen aufeinander und als Pfarrer stehe ich wieder einmal mittendrin.

Die Vielfalt der Sprachen

Die größte Herausforderung bleiben die Sprachen. Alle möchten die Lieder in ihrer Muttersprache singen und auch das Evangelium und die Predigt in der eigenen Sprache hören. Die Kolonialsprache Portugiesisch vereint zwar alle, wird aber von der Mehrheit nicht gut oder gar nicht verstanden oder gesprochen. Schon am Anfang teilte man mir mit, dass die Frage der Sprachen in unserer Pfarrei ziemlich delikat sei. In den 1970er Jahren sei deswegen schon einmal ein nicht sehr einfühlsamer Priester, der das weitverbreitete Sena unterdrücken wollte, beinahe verprügelt worden. In der Pfarrei wird vor allem Ndau, Sena, Shwabu und Shitswa gesprochen und gesungen. Jeden Sonntag feiern wir den Gottesdienst in Ndau um 7 Uhr, in Sena um 8.30, in Portugiesisch um 10 Uhr und gleichzeitig für die kleine nigerianische Gemeinde in Englisch im Pfarrsaal. Ndau fällt mir leicht, weil es eng mit dem in Simbabwe gesprochenen Shona verwandt ist. Auf das Lernen von Sena verwende ich noch viel Zeit. Der Glaube kommt vom Hören und gehört wird das gesprochene Wort.

Lebendige Basisgemeinden

Olympio wartet schon etwas ungeduldig auf mich. In seiner Comunidade wird heute ein Familienfest gefeiert und dieses soll mit einer Messfeier beginnen. In schnellem Schritt und mit Mess-Rucksack über der Schulter machen wir uns auf den Weg zur kleinen Basisgemeinde mit dem Namen São Charles Lwanga, einer der ugandischen Märtyrer aus dem 19. Jahrhundert. Unsere große Pfarrei ist in 13 kleine Basisgemeinden (Comunidades) aufgeteilt, die erstaunlich gut organisiert sind. Sie sind wie die Lunge, durch die die Pfarrei atmet. Fragt man jemanden, woher er oder sie kommt, dann lautet die Antwort: aus der Comunidade São Francisco oder Santa Teresinha oder São Miguel oder eine der anderen Zellen der Pfarrei. Dort kennt man sich mit Namen, weiß, wo die anderen wohnen und wie es um die Familie steht. Innerhalb der Comunidades gibt es nochmals kleinere Nucleos, die nach Sprachgruppen geordnet sind. São Charles hat zum Beispiel vier Nucleos in den Sprachen Schitswa, Schwabu, Ndau und Sena.

Provisorische Zeltkirche

Schon hundert Meter vor der kleinen Kapelle begrüßt uns eine Abteilung liturgischer Tänzerinnen. Mit Gesang und Tanz begleiten sie uns zum Ort, wo alle versammelt sind. Heute ist die Kapelle zu klein und die Männer haben mit viel Geschick eine provisorische Zeltkirche hergerichtet. So haben alle genügend Platz und Luft zum Atmen. Besuche in den Comunidades sind immer eine gute Gelegenheit, das Sakrament der Beichte anzubieten. Doch es ist gewagt, weil die meisten am liebsten in ihrer eigenen Sprache beichten und der arme Beichtvater dann nur die Hälfte oder weniger versteht. Doch Buße und Absolution werden niemals verweigert.

Gruppen und Dienste                                     

In den Comunidades gibt es viele Aufgaben und Dienste. Um die Kranken und Sterbenden der Basisgemeinde kümmert sich die Gruppe Saude e Esperança (Gesundheit und Hoffnung). Eine andere Gruppe bemüht sich um die Katechese der ganz Kleinen, die noch nicht zur Pfarrkirche gehen können. Mit Liedern, Bildern und Geschichten werden sie in den Glauben eingeführt. Für die gemeinsamen Wortgottesdienste in der Kapelle ist die Liturgiegruppe zuständig. Für Paare, die sich nach einer kirchlichen Trauung sehnen, aber nicht die Mittel für eine große Feier haben, halten wir in der Kapelle auch Hochzeiten in kleinerem Rahmen, wobei die Comunidade die anschließende Feier übernimmt.

Das Schulsystem in Mosambik ist noch sehr schwach entwickelt und der Bedarf an neuen Schulen ist groß.

Jesuitenmission

Abgabe des Dízimo

Eine weitere Gruppe kümmert sich um den Dízimo, den Zehnten, eine freiwillige Abgabe zur Unterstützung der Gemeinde. 10% gehen an die Diözese, 70% an die Pfarrei und 20% bleiben in der Comunidade. Jede Familie hat eine Dízimo-Karte, auf der die monatlichen Beiträge notiert werden. Diese Verwaltung funktioniert und hält Pfarrei und Comunidade finanziell am Laufen.

Kleine Schulen

Drei der kleinen Gemeinden nutzen ihre Kapelle und anliegende Gebäude auch als Schule. 940 Kinder und Erwachsene gehen in unserer Pfarrei zur Schule und als Pfarrer bin ich automatisch Schuldirektor. Ich bewundere die 28, meist jungen Lehrer, die sich für weniger als 50 Euro pro Monat für die Schulbildung der Kinder einsetzen. Eine der Schulen bietet für Erwachsene einen Alphabetisierungskurs an. Jeder Schüler zahlt umgerechnet 3 Euro Schulgeld pro Monat. Das Schulsystem in Mosambik ist noch sehr schwach entwickelt und der Bedarf an neuen Schulen ist groß. Deshalb drängen die anderen Comunidades darauf, auch ihre kleine Gemeindeschule anzufangen.

Tanz und Gesang

Einmal im Jahr feiert jede der kleinen Gemeinden ihr Patronatsfest, zu dem auch die Leiter der anderen Basisgemeinden eingeladen werden. Nach der feierlichen Messe gibt es ein großes Festmahl und frohes Beisammensein mit Tanz und Gesang. Als neuer Pfarrer erlebe ich, wie froh die Gemeinden über meinen Besuch sind. Für mich ist es ein großes Privileg, an Freud und Leid der Gemeinden teilzuhaben.

Gemeinsame Eucharistie

Der Gottesdienst in São Charles Lwanga ist zu Ende. Wieder einmal durfte ich Zeuge sein, wie die gemeinsame Eucharistiefeier Mittelpunkt der Comunidade ist und die kleine Gemeinde belebt. Schon wird es dunkel und Olympio und zwei der Ministranten begleiten mich nach Hause. Die feuchte Hitze ist noch immer so stark, dass der Schweiß aus allen Poren rinnt. Aber ich fühle mich trotzdem leicht und unbeschwert. Denn trotz aller Widrigkeiten bin ich schon dabei, hier Wurzeln zu schlagen.

Von Heribert Fernando Müller SJ

Aus: Jesuiten weltweit. Ausgabe Ostern 2016. Mit freundlichem Dank für die Abdruckgenehmigung.

© Jesuitenmission

Jesuiten in Mosambik

In Mosambik gibt es 17 Jesuitenpatres, 5 Jesuitenbrüder und 20 junge Jesuiten in der Ausbildung.

Maputo: Jesuitenresidenz, Exerzitienapostolat, Dozenten in zwei Seminarien
Matola: Pfarrei
Beira: Jesuitenresidenz, Pfarrei, Exerzitienhaus, Jugend- und Kulturzentrum, Noviziat
Tete: Pfarrei der Kathedrale
Fonte Boa: Pfarrei und neue Internatsschule
Satemwa: Landwirtschaftszentrum, Exerzitienhaus
Lifidzi: Pfarreien Franz Xaver, Domwe, Chabwalo