Reden über Afrika

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  • Entwicklungszusammenarbeit - 18.03.2016

Der britisch-amerikanische Journalist Alex Perry schildert in seinem jüngst erschienenen Buch „In Afrika – Reise in die Zukunft“ eine auf den ersten Blick unscheinbare Szene. „Aus den Ferienfliegern steigen oft Hunderte Europäer und Amerikaner, Japaner und Chinesen; bereits in Safari-Kleidung, als glaubten sie, direkt im Busch zu landen.“ Die Botschaft dahinter: Das Afrikabild vieler Menschen aus den reichen Nationen steckt immer noch im 19. Jahrhundert fest.

Zu den Klischees passt nicht, dass es auf dem Kontinent inzwischen acht Raumfahrtprogramme gibt, wie Perry schreibt – oder ein Landwirt namens Yacouba Sawadogo aus Burkina Faso zusammen mit weiteren Mitstreitern dem Klimawandel trotzt, indem er mit Rückgriff auf traditionelle Methoden Bäume in der Wüste wachsen lässt. Ausgerechnet die Flüchtlingskrise scheint es nun mit sich zu bringen, dass sich Europas Meinungsführer verstärkt dem Nachbarkontinent zuwenden. Auch wenn manches Pflänzchen der Erkenntnis so zaghaft sprießt wie anfangs die Bäume Sawadogos in der Sahel-Zone.

Wirtschaftsexperte wirbt für Investitionen in Afrika

In der Wochenzeitung „Die Zeit“ (Donnerstag) rief der Vorsitzende des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft, Stefan Liebig, Firmen auf, ihr Glück verstärkt zwischen Algier und Kapstadt zu suchen. „Wenn in Afrika in einem Jahr 13 Solarparks entstehen, von denen nicht einer von einem deutschen Unternehmen entwickelt wurde, so muss uns das als Musterland der Energiewende nachdenklich stimmen.“ Um den Unternehmergeist von Ingenieuren und Maschinenbauern zu wecken, brauche es flankierende Maßnahmen aus der Politik und finanzielle Förderung. Letzten Endes zahlten sich solche Investitionen in beide Richtungen aus. Eine „neu justierte Zusammenarbeit mit Afrika“ mindere auch die Zahl der Wirtschaftsflüchtlinge.

Ähnliche Motive schimmern, ob Zufall oder nicht, auch in einem soeben vorgestellten Afrika-Papier der Unions-Bundestagsfraktion durch. Deutschland sei „im Verbund mit seinen europäischen Partnern zunehmend bereit, eine stärkere friedenssichernde Ordnungsrolle in Afrika einzunehmen und gemeinsam mit den afrikanischen Partnern auf Gefahren für Frieden und Wohlstand zu reagieren und sicherheitspolitische wie soziale und klimabedingte Fluchtursachen zu bekämpfen“, heißt es dort unter anderem.

Misereor-Referentin: Entwicklungszusammenarbeit nicht instrumentalisieren

Misereor-Referentin Ilona Auer-Frege: Stereotype Bilder von Afrika müssen überwunden werden.

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Entwicklungsexperten sehen solche Argumentation mit gemischten Gefühlen. „Natürlich finden wir es positiv, dass die Belange Afrikas stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden“, sagt Ilona Auer-Frege vom katholischen Hilfswerk Misereor. Aber es drohe die Gefahr, dass wieder nur Abziehbilder von Afrika produziert würden als einem Kontinent „der Krisen und des Weltuntergangs“. Trotzdem teilt die langjährige Leiterin des Ökumenischen Netzes Zentralafrika viele Punkte aus dem Papier von CDU und CSU; sie warnt aber davor, in der Debatte die Entwicklungszusammenarbeit für die in diesen Tagen oft zitierte „Fluchtursachenbekämpfung“ zu instrumentalisieren.

Ein anderer, der das tut, ist Altbundespräsident Horst Köhler. Schon allein das Wort könne er nicht leiden, bekannte Köhler am Mittwoch bei einem Kongress, bei dem das Unionspapier vorgestellt wurde. „Fluchtursachenbekämpfung“ suggeriere: „Unser Interesse an eurer Entwicklung dient nur dazu, uns eure Leute vom Hals zu halten.“ Das sei zu kurz gesprungen, so Köhler, der auch als erster Mann im Staate immer wieder Afrika auf die Agenda setzte. 2050 werde sich die Einwohnerzahl des Kontinents auf zwei Milliarden Menschen verdoppelt haben. Dann stelle Afrika 20 Prozent der Weltbevölkerung, Europa dagegen nur noch 5.

Dafür fehlten politische Konzepte, moniert Köhler, und vor allem: ein frischer Blick. „Wir brauchen ein neues Sprechen über Afrika.“ Ein Sprechen, dass die Defizite wie Misswirtschaft und „eine bedenkliche Autokratisierung“ in einigen Ländern ebenso wenig ausblende wie etwa die innovative Kraft der Afrikaner, deren Durchschnittsalter bei gerade mal 19 Jahren liegt. „Neue große Transformation“ lautet ein Schlagwort. Es gehe darum, allen Menschen auf diesem Planeten ein Leben in Würde zu ermöglichen, sagte Köhler. Für ihn sei das auch „ein Ausfluss christlicher Nächstenliebe“.

Von Joachim Heinz (KNA)

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