Hunger hautnah

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  • Buch-Tipp - 16.03.2016

Dieses Buch ist eine Zumutung. Wir kommen in Tuchfühlung mit dem unmittelbaren Erleben des Hungers, dem sich der argentinische Schriftsteller und Journalist Martin Caparros bei seinen Reisen in diverse Länder der Erde ausgesetzt hat. Seine Gespräche und Interviews, seine Schilderungen vom alltäglichen Darben, Leiden, Sterben und Überleben, seine Anekdoten und Geschichten konfrontieren uns unmittelbar. Dieses Buch erspart uns die Brutalität des Hungers nicht. Sein Thema ist die Banalität des Hungers, die Begegnung mit jenen, deren Lebenshorizont darauf fixiert ist, für morgen etwas zu essen zu bekommen.

Doch das Buch ist mehr als eine manchmal schwer erträgliche Aneinanderreihung von direkten Erfahrungen, die im Niger, in Indien und Bangladesch, den USA und Argentinien, dem Südsudan und Madagaskar gemacht wurden. Zu wesentlichen Teilen ist es auch eine Analyse des Hungers, seiner Ursachen und Erscheinungsformen – und der politischen Interessen, die für diesen Skandal nach Überzeugung des Autors verantwortlich sind. Caparros analysiert aus marxistischer Sicht, sieht in der kapitalistischen Ordnung und in den neoliberalen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte die wesentliche Dynamik des Hungers. „Nicht der Mangel, sondern Raub“ ist für ihn der entscheidende Faktor. Er will weg von einer Sicht, die den Hunger als „Handlung ohne Akteure“ begreift. Hunger wird gemacht.

Den Hunger zu beenden heißt: Das System zu verändern

Zahlreiche Ursachen des Hungers werden in dem Buch angesprochen: Fleischkonsum, Landgrabbing, Nahrungsmittelspekulation, Korruption und Kriege, Hungerlöhne oder der Ausbau sogenannter Bioenergien. Immer fragt der Autor nach den Besitz- und Machtverhältnissen. Die Modernisierung der Landwirtschaft, Gentechnik, auch Umverteilung von Land oder „grüne Revolution“ sind für ihn nicht per se schlecht oder gut, sondern werden daran gemessen, wem Veränderungen und Ertragssteigerungen zugutekommen. Den „Hunger zu beenden heißt: Das System zu verändern“, nicht einzelne Maßnahmen zurückzunehmen.

Caparros glaubt nicht an den Aufstand der Hungernden. Er glaubt, wie er formuliert, „an die Macht der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit“. Sich gegen den Hunger zu wenden, ist für ihn eine Frage der Kultur, der Selbstachtung. Wir können in „Scham, Schuldgefühlen oder Mutlosigkeit“ versinken oder aber wir handeln, selbst wenn wir nicht davon ausgehen können, etwas zu erreichen.

Das Buch, eine Mischung aus Essay und Analyse, aus Statistik-Report (mit hunderten von Zahlen im Fließtext) und Reisebericht. Es lässt die Leserinnen und Leser verstört und ein wenig ratlos zurück. Es gäbe Möglichkeiten, bestimmte Annahmen im Buch zu kritisieren: Die unzureichende Würdigung der Fortschritte bei der Reduktion des Hungers, unrichtige Behauptungen über die Getreide-Exporte Indiens, die übersehene Armutsverringerung in vielen Slums, Bariadas, Favelas oder Villas miserias, die nicht reflektierte Ambivalenz von höheren versus niedrigeren Getreide-Erzeugerpreisen oder den vergessenen Hinweis auf den mangelnden Willen eines Großteils der afrikanischen Regierungen, mindestens 10 Prozent des nationalen Budgets für die ländliche Entwicklung auszugeben. Vielleicht sollte man aber diesem Buch anders begegnen. Das Werk ist vor allem eine Anfrage an uns, „wie zum Teufel wir weiterleben können, obwohl wir wissen, dass diese Dinge geschehen“.

Von Georg Krämer, Welthaus Bielefeld

Aus: Infodienst der Arbeitsgemeinschaft der Eine-Welt-Gruppen im Bistum Münster und in der Evangelischen Kirche von Westfalen. Ausgabe März 2016. Mit freundlichem Dank für die Genehmigung.

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Information

Martin Capparos:
Der Hunger.
844 Seiten, Suhrkamp-Verlag, Berlin 2015.
29,95 Euro

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