„Brutaler Kampf um Macht und Ressourcen“

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  • Südsudan - 25.02.2016

Wenn Hiob heute noch Bedarf an neuen Botschaften hätte, würde er sein Unglück vermutlich im Südsudan suchen. Seit der staatlichen Unabhängigkeit vom Sudan 2011 hat die „jüngste Republik der Welt“ hauptsächlich dunkle Stunden erlebt.

Ende 2013 begann ein blutiger Machtkampf zwischen Präsident Salva Kiir und seinem Herausforderer Riek Machar. Rund 2,5 Millionen der 12 Millionen Einwohner sind auf der Flucht. Immer wieder kommt es zu Gewaltausbrüchen. Jetzt droht auch noch eine Hungerkatastrophe. Misereor-Länderreferentin Barbara Schirmel hat sich im Bistum Wau im Nordwesten des Landes einen Überblick über die aktuelle Lage verschafft. Im Interview fasst sie ihre Eindrücke zusammen.

Frage: Frau Schirmel, vor wenigen Tagen kam es im Südsudan zu Ausschreitungen im UN-Camp Malakal. Dabei sollen 18 Menschen ums Leben gekommen sein. Sind die Menschen jetzt noch nicht mal mehr in den Flüchtlingslagern sicher?

Schirmel: Über die Vorfälle der vergangenen Woche kursieren unterschiedliche Versionen. Es gibt Berichte, wonach Waffen von außen ins Lager geschmuggelt wurden, um dort einen Zwischenfall zu provozieren. Laut Darstellung der UN-Friedensmission im Südsudan UNMISS handelte es sich um einen rein internen Streit unter den Bewohnern, der plötzlich eskalierte.

Frage: Sie scheinen Zweifel an dieser Darstellung zu haben.

Schirmel: Kritiker werfen der UNMISS schon länger Defizite im Kampf gegen die Missstände im Land vor. Ich vermute, die Verantwortlichen wollten nicht auch noch den Eindruck erwecken, als hätten sie in der eigenen Schutzzone die Lage nicht unter Kontrolle. Am Montag haben sich Missionsvertreter dann entschuldigt, dass sie die Angriffe nicht rechtzeitig unterbinden konnten.

Frage: Ein düsteres Bild gibt die politische Elite im Südsudan ab. Präsident Salva Kiir ringt seit Jahren mit Riek Machar um die Macht; unterhalb der Staatsspitze sieht es nicht besser aus. Sehen Sie irgendeinen Vertreter, der die verfeindeten Gruppen an einem Tisch versammeln könnte, um einen echten Friedensprozess einzuleiten?

Schirmel: Leider nein. Stattdessen staut sich immer mehr Hass auf, da die Verletzungen und Verbrechen auf beiden Seiten groß sind. Das habe ich in Wau erlebt, wo es während meines Aufenthalts zu Gewalt zwischen Jugendlichen verschiedener Volksgruppen kam und sich die Sicherheitskräfte nicht neutral verhielten. Es kam zu Plünderungen, Schusswechseln. Eigentlich müsste man dringend die Ursachen all dieser Spannungen aufarbeiten. Aber die Spielräume für Friedensarbeit, unter anderem von unserem Partner Justitia et Pax, sind in einem von Gewalt und Willkür geprägten Umfeld sehr klein.

Frage: Kiir gehört der Ethnie der Dinka an, Machar ist Nuer. Oft ist von einem ethnischen Konflikt die Rede.

Schirmel: Da ist sicher etwas dran. Die Dinka sind mit einem Anteil von rund 35 Prozent die größte Bevölkerungsgruppe im Südsudan – und betrachten sich offenbar als naturgegebene Herren des Landes. „We are born to rule“ – „Wir sind geboren, um zu herrschen“, lautet eine oft zitierte Losung. Ethnische Zugehörigkeit wird instrumentalisiert von der militärischen und politischen Elite. Das ist in einem Kontext von extremer Armut und fehlendem Gewaltmonopol sehr einfach. Aber das ist nicht das einzige Problem.

Durch den blutigen Machtkampf zwischen Salva Kiir und Riek Machar sind rund 2,5 Millionen der 12 Millionen Einwohner des Südsudans auf der Flucht.

KNA

Frage: Sondern?

Schirmel: Das Spektrum reicht von traditionellen Auseinandersetzungen zwischen Ackerbauern und umherziehenden Viehzüchtern, deren Ziegen und Rinder die Ernte der sesshaften Bevölkerung zertrampeln, über Grenzstreitigkeiten zwischen Landkreisen bis hin zu einem brutalen Kampf um Macht und Ressourcen. Alle Konflikte sind auf engste miteinander verwoben.

Frage: Könnten aber diese Ressourcen nicht den Weg weisen, um dem krisengeschüttelten Staat wenigstens wirtschaftlich wieder auf die Beine zu helfen? Im Boden des Südsudans sollen immerhin 80 Prozent der Erdölvorräte des gesamten Sudans lagern.

Schirmel: Derzeit sind die Preise im Keller. Und um das Öl auf den Weltmarkt zu bringen, muss es durch den Sudan geleitet werden. Dafür fallen Gebühren an. Im Moment ist die Produktion nicht wirtschaftlich. Ohnehin bliebe nur ein Bruchteil der Gewinne im Land.

Frage: Im Südsudan gibt es auch andere Bodenschätze.

Schirmel: Ja, aber bisher wird nur Gold von Kleinschürfern gefördert, und dies seit einigen Jahrzehnten. Den Kleinschürfern hilft dies beim Kampf ums Überleben. Aber Gewinne machen vor allem die Händler, die das Gold außer Landes schmuggeln. Auch in diesen Handel ist die militärische und politische Elite involviert.

Frage: Stehen Hilfsorganisationen angesichts dieser Zustände nicht auf verlorenem Posten?

Schirmel: Die Lage ist ohne Zweifel dramatisch. Die Devisenreserven sind aufgebraucht. Das hat zur Folge, dass die Umsetzung vieler internationaler Großprojekte massiv ins Stocken geraten ist, da sie über Dollarzahlungen abgewickelt werden.

Frage: Was ist mit dem südsudanesischen Pfund?

Schirmel: Fehlanzeige bei einem Wertverlust von 600 Prozent allein im vergangenen Jahr. Dieser Trend dürfte sich fortsetzen. Ich habe noch nie so viele neue Scheine in Händen gehalten wie jetzt im Südsudan. Weil die Dollarreserven aufgebraucht sind, lässt die Regierung neues Geld drucken.

Frage: Was also können Sie tun?

Schirmel: Graswurzelarbeit leisten und die wundersamerweise immer noch vorhandenen Strukturen der Selbstversorgung stärken. Als kirchliches Hilfswerk profitieren wir dabei auch von dem Ansehen der Kirchen in dem christlich geprägten Land. Diese sind zwar auch von den vielen Konflikten im Südsudan gezeichnet. Aber sie gelten als einer der wenigen verlässlichen Ansprechpartner und haben enge Verbindung zur Basisbevölkerung. Vielleicht brauchen wir einfach einen noch längeren Atem als andernorts.

Frage: Inwieweit sind Sie auf eine bevorstehende Hungerkatastrophe vorbereitet? Die UN warnten bereits davor, dass aufgrund des Klimaphänomens El Nino jeder vierte Südsudanese auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen ist.

Schirmel: Es ist derzeit extrem trocken und heiß im Südsudan. Aber noch lässt sich schwer abschätzen, ob daraus eine Hungerkatastrophe wird. Sicher ist nur: Wenn es auch noch dazu kommt, wäre das ein Desaster.

Von Joachim Heinz (KNA)

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Hintergrund

Das Netzwerk Afrika Deutschland (NAD) beleuchtet in einem Hintergrundpapier die Ursachen des Machtkampfs im Südsudan. Das Dokument können Sie hier herunterladen:

 

Südsudan

Der Südsudan erlangte im Sommer 2011 seine Unabhängigkeit vom Sudan und wird deswegen auch als „jüngster Staat der Erde“ bezeichnet. Auf einer Fläche von der ungefähren Größe Frankreichs leben rund 12 Millionen Menschen. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung liegt bei gerade einmal 17 Jahren.

Die Einwohner gehören einer Vielzahl unterschiedlicher Ethnien an. Die größte Gruppe stellen mit 35 Prozent die Dinka. Anders als im muslimisch geprägten Sudan überwiegen im Südsudan die Christen.

Trotz seiner Bodenschätze – vor allem Erdöl – ist die Armut im Südsudan groß. Hinzu kommt eine Vielzahl an sozialen und politischen Konflikten. Seit 2013 liefert sich Präsident Salva Kiir einen blutigen Machtkampf mit seinem Herausforderer Riek Machar. Rund 2,5 Millionen Menschen wurden dadurch bereits in die Flucht getrieben. (KNA)