„Christen aus Nahost können Chance für Europa sein“

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  • Iran - 19.02.2016

Der chaldäisch-katholische Erzbischof von Teheran, Ramzi Garmou (71), besucht derzeit Deutschland. Im Interview spricht er über die Lage der Christen im Iran, die Flüchtlingskrise und die Rolle der katholischen Kirche im Nahen Osten.

Frage: Herr Erzbischof, wie ist die Situation für die Christen in Ihrem Land? 

Garmou: Man muss sich bewusst sein, dass bereits seit fast 2.000 Jahren Christen im Iran leben. Wir hatten eine sehr dynamische Kirche. Nun sinkt die Anzahl stetig. Zudem wandern viele Christen in die USA oder Europa aus. Die Katholiken sind in der Region rund um Teheran zu einer kleinen Herde mit 5.000 Gläubigen geworden.

Frage: Wie wird sich das Leben im Iran verändern, nachdem im Januar die Wirtschaftssanktionen aufgehoben wurden?

Garmou: Wir hoffen, dass sich die wirtschaftliche Lage verbessert und Arbeitsplätze geschaffen werden, damit die Menschen Arbeit finden. Außerdem hoffen wir, dass die politische Lage im Nahen Osten besser wird als vorher. Der Iran könnte eine wichtige Rolle für die Stabilisierung der Region einnehmen. Im Moment gibt es viele Konflikte in Syrien, im Jemen und im Irak. Die Lage in der Region ist instabil. Viele Christen haben ihre Dörfer aufgrund der Konflikte verlassen.

Frage: Was denken Sie über die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung?

Ramzi Garmou, chaldäisch-katholischer Erzbischof von Teheran

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Garmou: Ich würde mir wünschen, dass die Regierung in Berlin den Flüchtlingen Hoffnung auf Leben schenkt. Sie haben alles in ihren Heimatländern verloren. Zudem kann die Präsenz der Christen aus dem Nahen Osten auch eine Chance für Europa sein. Denn auf diese Weise kann der Westen die christlichen Wurzeln seiner Kultur neu entdecken. Wir hoffen indes, dass die Flüchtlinge bald wieder in ihre Heimat zurückkehren können.

Frage: Welche Rolle kann die katholische Kirche in der Politik im Iran spielen?

Garmou: Unsere Kirche ist keine politische Institution. Wir sind darauf reduziert, dass wir unsere Religion frei ausüben können. Von der iranischen Verfassung sind wir als religiöse Minderheit anerkannt.

Frage: Wie soll die Kirche auf die Konflikte im Nahen Osten reagieren?

Garmou: Es muss einen interreligiösen Dialog geben. Die verschiedenen Religionsgruppen sollten kooperieren, um Lösungen zu finden. Allerdings muss man darauf achten, dass Religion nicht politisiert wird.

Frage: Wie steht es um die Menschenrechte im Iran? 

Garmou: Die Menschenrechte werden in keinem Land zu 100 Prozent respektiert. Das ist immer relativ. Natürlich haben wir das Recht zu leben. Das Regime im Iran ist allerdings zugleich politisch und religiös – nicht laizistisch wie in europäischen Ländern.

Frage: Welche Unterstützung erwarten Sie von den Christen in Europa?

Garmou: Die Kirchen im Westen unterstützen uns durch das Gebet. Es ist eine Quelle für Hoffnung und Mut, um den Herausforderungen im Alltag zu begegnen. Auf der anderen Seite können Geistliche aus dem Westen selbst in den Iran kommen und sich ein Bild von der Situation vor Ort machen.

Von Franziska Broich (KNA)

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