Religionen als starke Partner

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  • Entwicklungspolitik - 17.02.2016

Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) fühlt sich dem „Weltethos“-Projekt des Theologen Hans Küng verbunden. Seine Entwicklungspolitik ist von Küngs Idee beeinflusst, einen Konsens der Religionen in Wertefragen zu erzielen. Eine neue Strategie seines Ministeriums sieht nun eine systematischere Zusammenarbeit mit Religionsgemeinschaften in den Partnerländern vor. Heute will Müller das Papier auf einer Konferenz in Berlin vorstellen.  „Kein Friede unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen. Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen“, zitiert Müller Küng in seiner Einleitung.

Das zweitägige Treffen steht unter dem Motto „Partner für den Wandel – Religionen und die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“. Hauptredner ist der Generalsekretär des Weltkirchenrats (ÖRK), Olav Fykse Tveit. Außer ihm haben auch der libanesische Großmufti, Scheich Abdul Latif Derian, und der pakistanische katholische Erzbischof Sebastian Francis Shaw, oder etwa der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, ihr Kommen angekündigt. Darüber hinaus sind zahlreiche Hilfswerke, darunter MisereorBrot für die Welt und Islamic Relief vertreten.

Müller: Potenzial der Religion zu lange vernachlässigt

Schon Ende März 2015 hatte das Entwicklungsministerium die Broschüre „Die Rolle von Religion in der deutschen Entwicklungspolitik“ veröffentlicht. Gleich auf der zweiten Seite wird Müller darin mit den Worten zitiert: „Religion kann Brücken bauen und Menschen motivieren, sich für Andere und die Umwelt einzusetzen. Dieses Potenzial haben wir viel zu lange vernachlässigt.“ Rund 80 Prozent der Weltbevölkerung fühle sich einer Religion zugehörig. Das werde im teils stark säkularisierten Europa oft vergessen.

Das Strategiepapier ist die gewünschte Fortsetzung dieses Ansatzes. Die deutsche Entwicklungspolitik sei „weltanschaulich neutral – sie ist allerdings nicht Werte-neutral“, schreibt Müller im Vorwort. Die Kraft der Religion könne Menschen zusammenführen, selbst wenn im Namen von Religionen auch viel Leid und Elend über Menschen gebracht worden sei.

Der evangelische Theologe Bernhard Felmberg ist im Entwicklungsministerium für den Bereich „Zivilgesellschaft, Kirchen und Wirtschaft in der Entwicklungszusammenarbeit“ zuständig.

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Ziel ist es, „moderate religiöse Akteure zu stärken“, wie der Leiter der zuständigen Unterabteilung im Ministerium, Bernhard Felmberg, vor der Konferenz erklärte. Dort, wo Religion Teil des Problems sei, solle sie Teil der Lösung werden. Der Kontakt mit religiösen Organisationen dürfe nicht allein dem Zufall überlassen werden, betonte Felmberg. Mitarbeiter in der deutschen Entwicklungspolitik und bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) sollen daher künftig im Umgang mit Religionsvertretern und verschiedenen Glaubensrichtungen geschult werden. In vielen Ländern genießen Religionsvertreter teils deutlich mehr Vertrauen als staatliche Institutionen, wie es im Strategiepapier heißt. Daher seien gerade in Notsituationen religiöse Einrichtungen die erste Anlaufstelle. Und die Netzwerke der Religionsgemeinschaften reichten oft weiter als öffentliche Strukturen.

Zusammenarbeit auf Augenhöhe

Zugleich benennt das Strategiepapier auch die Ambivalenzen von Religion. Religiöse Autoritäten könnten „Brandlöscher und Brandbeschleuniger“ sein. Auch könne Religion zu Radikalisierung und Intoleranz beitragen. Beide Seiten, die negative und positive, machten jedoch umso deutlicher, wie groß der Einfluss von Religion sei.

Das Ministerium will seine Kooperationspartner gezielt auswählen und die Zusammenarbeit regelmäßig evaluieren. Als Partner kommen laut Strategiepapier religiöse Akteure infrage, die grundsätzlich menschenrechtliche Standards achten und entwicklungsorientiert arbeiten. Zudem sollen sie Kompetenz und organisatorische Fähigkeiten vorweisen können. Auch sollten sie das Vertrauen der lokalen Bevölkerung genießen. Es könnten aber durchaus auch Kritiker „westlicher Werte“ sein, heißt es weiter.

Wichtig sei eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe, ohne eine bestimmte Religion zu bevorzugen. Auch nicht-religiöse Organisationen sollen weiterhin gleichermaßen einbezogen werden. „Wir führen kein ‚Religion-Mainstreaming‘ ein“, heißt es. Manchmal sei es auch zielführend, den „Faktor Religion“ bewusst außen vor zu lassen.

Von Anna Mertens (KNA)

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UN-Experte: Religionen sind keine Feinde der Menschenrechte

Der UN-Experte Heiner Bielefeldt sieht in den Religionen keine besondere Gefahr für die Menschenrechte. Zwar gebe es auch in deren Namen teilweise „enorme Widerstände“ gegen die Grundrechte, sagte er am Dienstagabend in Berlin. „Es sind aber gerade nicht die weitgehend religionsfreien Zonen in Ostdeutschland, wo die Menschenrechte in Blüte stehen“, betonte Bielefeldt bei einer Veranstaltung in der Katholischen Akademie.

Bielefeldt ist UN-Sonderberichterstatter über Religions- und Weltanschauungsfreiheit. Die Durchsetzung der Menschenrechte verlange jeder Gemeinschaft viel ab, sagte er. Erforderlich sei eine hohe Bereitschaft zu Selbstkritik und Konflikten. So habe die katholische Kirche die Forderung nach Religionsfreiheit noch bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–65) „scharf zurückgewiesen“. Auch seither habe sie nur eine „partielle Flurbereinigung“ ihrer Positionen zu den Menschenrechten vorgenommen. Als Defizite nannte Bielefeldt eine fehlende Zulassung von Frauen zum Priesteramt und die katholische Bewertung der Homosexualität.

Jüsten würdigt Verhältnis von Staat und Kirche in Deutschland

Der Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz in der Bundespolitik, Prälat Karl Jüsten, erklärte, auch in beiden umstrittenen Fragen nehme die Kirche das Recht auf Religionsfreiheit in Anspruch. Insgesamt bewertete Jüsten das Verhältnis von Staat und Kirche in Deutschland als beispielhaft geregelt. Dazu trage auch die maßvolle gesetzliche Regelung im Falle von Gotteslästerungen bei.

Der Geschäftsführer des Zentralrats der Juden, Daniel Botmann, forderte dagegen einen besseren rechtlichen Schutz vor religiös begründeten Beleidigungen. Solche Zuschriften erhalte der Zentralrat immer öfter. Zugleich „fallen sie durch alle Raster der Straftatbestände“, kritisierte Botmann. (KNA)

www.katholische-akademie-berlin.de

Strategiepapier

Das Strategiepapier „Religionen als Partner in der Entwicklungszusammenarbeit“ des Entwicklungsministeriums können Sie hier als PDF herunterladen.

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Broschüre

Die Broschüre „Die Rolle von Religion in der deutschen Entwicklungspolitik“ des Entwicklungsministeriums können Sie hier als PDF herunterladen.

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