Neue Chance nach Chaos-Jahren

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  • Papstreise nach Kenia - 25.11.2015

Unsere Gesellschaft steht unzähligen Problemen gegenüber. Obwohl der Papst nicht die Antwort auf sie alle hat, bringt er zumindest eine Botschaft der Hoffnung.“ Mit dieser Analyse spricht die Tageszeitung „Daily Nation“ rund 44 Millionen Kenianern aus der Seele. Von Mittwoch bis Freitag ist das ostafrikanische Land die erste Station auf Franziskus' Afrika-Reise. Hoffnung will der Papst nicht nur den 1,4 Millionen Pilgern vermitteln, die zu einem Gottesdienst an der Universität Nairobi erwartet werden, Franziskus besucht auch das Slumviertel Kangemi am Rande der Hauptstadt. Wie die 650.000 Bewohner hier, leben 42 Prozent der Kenianer in extremer Armut.

Der Papst wird sich jedoch nicht nur Kenias chronischer Probleme annehmen. Akut drängt es auch an politischer Front: In dem Land, das in den vergangenen Jahren immer wieder Schauplatz ethnischer Konflikte wurde, verschärfte sich die Rhetorik in den vergangenen Monaten. 2007 war es nach umstrittenen Wahlen zu heftigen Kämpfen zwischen der Kikuyu- und der Luo-Ethnie gekommen. Bei den blutigen Auseinandersetzungen starben mehr als 1.100 Menschen, 600.000 mussten fliehen. Unterschwellig spielt die ethnische Zugehörigkeit in Kenias Politik bis heute eine Rolle. Die Bischöfe des ostafrikanischen Landes verlangten mit Blick auf den Papstbesuch einen „ehrlichen Waffenstillstand“. Die Beleidigungen müssten aufhören, so Militärbischof Alfred Rotich.

Anschläge der Terrorgruppe Al-Shabaab

Ein Ziel von Übergriffen waren zuletzt vor allem die in Kenia lebenden Somalier, die hier Schutz vor dem Bürgerkrieg und der Terrorgruppe Al-Shabaab suchen. 350.000 Somalier leben heute in Kenias Dadaab-Camp, dem größten Flüchtlingslager der Welt. Doch der Terror macht an der Grenze nicht halt. Im April tötete die Al-Shabaab 148 Studenten an der Universität Garissa. Zwei Jahre zuvor starben bei einem Anschlag auf das Westgate-Einkaufszentrum in Nairobi 67 Menschen. Ethnische Somalis geraten seitdem immer wieder unter Generalverdacht.

Am Donnerstag trifft Papst Franziskus auf islamische und andere Religionsführer des Landes; die Hoffnung auf versöhnende Worte ist groß – auch bei Kenias Ex-Präsident Mwai Kibaki. Er spricht von einem Wendepunkt, einer „einmaligen Chance“ und einem „außergewöhnlichen Besuch“.

Kenias Politik täte ein Neuanfang gut. In den vergangenen Wochen gelangten gleich mehrere Korruptionsskandale ans Tageslicht. Von internationalen Banken borgte sich die Regierung in Nairobi jüngst 600 Millionen US-Dollar – ohne jedoch den Verbleib eines weiteren Kredits von zwei Milliarden Dollar erklären zu können. „Diese Art, mit Geld umzugehen, als ob es Altpapier wäre, ist ärgerlich“, sagte der Vorsitzende des parlamentarischen Aufsichtsrates, Nicholas Gumbo. Viele Kenianer forderten daraufhin die Auflösung des Kabinetts.

Präsident Kenyatta in der Kritik

Auch international geriet die Regierung von Präsident Uhuru Kenyatta zuletzt in die Kritik: Wegen angeblicher Mittäterschaft bei den ethnischen Massakern hatte der Internationale Strafgerichtshof (ICC) Anklage gegen den Präsident erhoben – aus Mangel an Beweisen jedoch wieder fallengelassen. Die Beziehungen zwischen Den Haag und Nairobi sind seitdem eisig.

Viele Kenianer hoffen mit Blick auf das Treffen zwischen Papst und Präsident im State House auf eine Gelbe Karte für Kenyatta. Der päpstliche Nuntius in Kenia, Erzbischof Charles Daniel Balvo, verweist zwar einerseits auf den großen Einfluss der katholischen Kirche in Afrika. Zugleich warnt er vor zu hohen Erwartungen. „Traditionsgemäß vermeidet der Papst, zu tief in die länderspezifischen Probleme involviert zu werden. Er wird allgemein über Regierungen sprechen, die den Menschen zu dienen haben – ohne aber ins Detail zu gehen.“ Allerdings hat Franziskus seit seinem Amtsantritt wiederholt bewiesen, dass er für Überraschungen gut ist. Etwa als er eine Einladung des kenianischen Parlaments ausschlug, um stattdessen im Fußballstadion zur Jugend des Landes sprechen zu können.

Von Markus Schönherr (KNA)

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