Ebola-frei nach 20 Monaten?

  • Sierra Leone - 05.11.2015

Am 8. November endet der Countdown in Sierra Leone. Wenn bis dahin kein neuer Fall von Ebola auftritt, wäre das Land seit Ausbruch der Ebola-Epidemie im März 2014 erstmals Ebola-frei. Allein in Sierra Leone sind über 3.500 Menschen an dem Virus gestorben, über 8.700 Ebola-Fälle wurden registriert, mehr als 4.000 Infizierte haben die Epidemie überlebt. Gesine Henrichmann, Länderreferentin für Sierra Leone beim Kindermissionswerk „Die Sternsinger“, ist im Oktober im Land unterwegs gewesen. Im Interview spricht sie über die Atmosphäre in Sierra Leone, Hilfen für Ebola-Waisen und die langsame Rückkehr zur Normalität.

Frage: Kurz vor Ablauf des Null-Countdowns waren Sie in Sierra Leone. Wie haben Sie das Land erlebt?

Henrichmann: Man merkt einfach an ganz vielen Stellen, dass die Ebola-Epidemie noch nicht überwunden ist. Ich selbst habe das auch zu spüren bekommen, denn unterwegs gab es viele Kontrollstationen, wo die Temperatur gemessen wurde, überall wurden wir aufgefordert, unsere Hände zu desinfizieren, und auf die Begrüßungsgeste des Händegebens wurde ganz verzichtet. Ebola war noch sehr präsent.

Sehr überrascht war ich über die positive Grundstimmung im Land, es war fast ein bisschen so, als ob die Menschen einen Neuanfang herbeisehnen. Das ist auch nachvollziehbar, denn nach dem erst im Jahr 2002 beendeten Bürgerkrieg, der jetzt überstandenen Ebola-Epidemie und der jüngsten Überschwemmung hoffen die Menschen, dass jetzt alles besser wird. Ein Stück Normalität wird herbeigesehnt, das fängt damit an, dass Menschen wieder einander die Hand geben, sich umarmen usw. Alles das war ja strengstens verboten.

Frage: Wo lagen die Schwerpunkte der Projektförderung vor der Ebola-Epidemie? Was hat sich verändert?

Beim Spiel erleben die misshandelten Mädchen wieder Freude. Mittendrin: Länderreferentin Gesine Henrichmann vom Kindermissionswerk.

Kersting/Kindermissionswerk

Henrichmann: In den letzten Jahren haben wir in Sierra Leone vor allem in den Bildungsbereich investiert, Zugang zu Grund- und Sekundarschulen geschaffen, und das wird sicherlich auch ein Schwerpunkt bleiben. Aber die Betreuung von Mädchen und Jungen, die ihre Eltern durch Ebola verloren haben, wird ein neuer Aspekt unserer Arbeit werden. Dabei gilt es, die stark stigmatisierten Kinder zu betreuen und sie längerfristig in Familien einzugliedern. Ein weiterer Schwerpunkt wird die Unterstützung von jungen Mädchen und Frauen sein, die vergewaltigt wurden, schwanger sind oder nun selber Kinder haben. Das sind ganz erschreckende Rückmeldungen von unseren Partnern, denn während der Epidemie waren die Schulen ja monatelang geschlossen, und viele Kinder haben diese Zeit auf der Straße verbracht. Vor allem Mädchen wurden in dieser Zeit Opfer von gewaltsamen Übergriffen und Vergewaltigungen. Eine sehr traurige Bilanz, in einer ohnehin schon furchtbaren Zeit.

Frage: Ein wichtiges Projekt in Sierra Leone war und ist die „Child Line 116“ Ihres Projektpartners Don Bosco Fambul. Warum war sie besonders während der Ebola-Epidemie so wichtig?

Henrichmann: Zunächst war sie als Telefonberatung für Opfer von Gewalt gedacht. Seit dem Ausbruch der Epidemie ging es vor allem um die Beratung und Aufklärungsarbeit rund um Ebola. Der große Vorteil war, dass die „Child Line“ bereits bekannt war, Kinder aus dem ganzen Land konnten sie nutzen – rund um die Uhr, vertraulich und kostenlos. Während der Epidemie gingen mehr als 200 Anrufe täglich ein und schnell war klar, eine zweite kostenlose Hotline musste eingerichtet werden. Über das ganze Land verteilt haben wir die Plakate gesehen, die über die Hotline informieren und dazu aufrufen, sie zu nutzen. Auch nach Ebola ist die Nummer stark frequentiert.

Frage: Welche gesellschaftlichen Veränderungen hat die Epidemie nach sich gezogen?

Henrichmann: Die Veränderungen halten noch an. So haben wir zum Beispiel viele Aufrufe gesehen wie „Grenzt die Ebola-Waisen nicht aus“ oder „Nehmt die Ebola-Überlebenden in Eure Mitte“. Die Reintegration von Menschen die mit Ebola infiziert waren, aber überlebt haben, die Wiedereingliederung von Ebola-Waisen, alles das wird eine große Herausforderung für die Gesellschaft sein.

Sierra Leone ist aber auch wirtschaftlich massiv zurückgeworfen worden. Viele internationale Unternehmen haben sich während der Epidemie zurückgezogen oder ihre Firmen ganz geschlossen. Natürlich hoffen nun viele, dass diese Investoren und Arbeitgeber ins Land zurückkommen und die Wirtschaft wieder ankurbeln.

Frage: Was bedeutet das für die künftige Zusammenarbeit mit den Partnern vor Ort?

Henrichmann: Laufende Projekte werden wir natürlich auch weiterhin unterstützen. Aber es gibt auch für uns neue Herausforderungen, so fördern wir zum Beispiel ein großes Programm, das die Rechtsberatung für Ebola-Waisen im Auge hat. Zum Beispiel soll diesen Mädchen und Jungen geholfen werden, ihren Erbanspruch geltend zu machen.

Ein großer Schwerpunkt bleibt für uns jedoch die Förderung des Bildungssektors. Neben der Vermittlung von Wissen steht der Besuch der Schule auch für Alltag und Normalität, und das ist genau das, was viele Kinder in Sierra Leone im Moment dringend brauchen: Eine Rückkehr zur Normalität.

Von Urte Podszuweit

© Kindermissionswerk „Die Sternsinger“