Von Gegnern zu Dialogpartnern

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  • Interreligiöser Dialog - 28.10.2015

Sie gilt als „Meilenstein“ in den Beziehungen der katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, als „Neuanfang“, „Magna Carta“, „Kopernikanische Wende“. Viele Superlative ranken sich um die Erklärung „Nostra Aetate“, die vor 50 Jahren, am 28. Oktober 1965, vom Zweiten Vatikanischen Konzil verabschiedet wurde. In dem Dokument unterstrich die Kirche ihre Wertschätzung gegenüber anderen Religionen und eröffnete mit ihnen Dialog und Zusammenarbeit. Schon damals hieß es, man werde das gesamte Konzil nach dieser Erklärung beurteilen.

Bei einer internationalen Konferenz mit 400 hochrangigen Vertretern verschiedener Religionen erinnert der Vatikan in dieser Woche an das Jubiläum. Heute nehmen sie an der Generalaudienz des Papstes auf dem Petersplatz teil, die ganz dem Konzilstext gewidmet sein wird.

„Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist“. Mit diesen Worten beendete „Nostra Aetate“ die lange Ära der Abgrenzungen und Feindschaft. Es ist eine der kürzesten und zugleich umstrittensten Erklärungen des Konzils. Um wenige Texte wurde so hart gerungen. Das Papier enthält positive Formulierungen zu Buddhismus und Hinduismus. In erster Linie aber ruft es die Katholiken zu gegenseitigem Verständnis mit den Religionen auf, die ihnen am nächsten stehen, weil sie den alleinigen Gott anerkennen: Islam und vor allem Judentum.

Papst Johannes XXIII. hatte ursprünglich nur eine Erklärung zum Judentum geplant. Sie war nach Einwänden von arabischer Seite jedoch nicht zustande gekommen, sondern wurde schließlich als ein Unterkapitel in die umfangreichere Endfassung aufgenommen.

Eine Erfolgsgeschichte des christlich-jüdischen Dialogs

Als eine „Erfolgsgeschichte“ würdigt Kurienkardinal Kurt Koch die Konzilserklärung „Nostra Aetate“.

Przybylski / weltkirche.katholisch.de

Was die Beziehungen zu den Juden anbelangt, entwickelte sich „Nostra Aetate“ zu einer „Erfolgsgeschichte“, wie der für die Ökumene zuständige Kurienkardinal Kurt Koch betont. Und Papst Johannes Paul II. sagte 1986 bei seinem historischen Synagogen-Besuch in Rom, die Kirche habe mit dem Judentum eine Verbindung wie mit keiner anderen Religion. Der amtierende Papst Franziskus brachte es in seiner ersten Audienz für jüdische Gäste auf den Punkt: Das Christentum habe seine Ursprünge im Judentum. Daher seien „aller Hass, alle Verurteilungen und antisemitische Ausdrucksformen entschieden zu verurteilen“, betonte er. „Ein Christ kann nicht Antisemit sein aufgrund unserer gemeinsamen Wurzeln.“

Derzeit führt der Vatikan in diesem Bereich mehrere Dialoge: mit den Großrabbinaten in Jerusalem und mit dem International Catholic-Jewish Liaison Committee (ILC). Die Kontakte sind gut, die Beziehungen durch gewachsene Freundschaften so stabil und belastbar, dass sie auch Herausforderungen und Krisen überstehen. Selbst heikle Themen wie die umstrittene Karfreitagsfürbitte oder die Bewertung der Rolle von Pius XII. im Zweiten Weltkrieg lösten keinen Bruch aus.

Turbulenzen im Dialog mit Muslimen

Schwieriger sind die Beziehungen zum Islam. Nach ersten aussichtsreichen Gesprächen kam es 1976 zu einem Eklat, als der libysche Machthaber Muammar al-Gaddafi bei einem christlich-islamischen Treffen in Tripolis seine ahnungslosen vatikanischen Gäste ein polemisches Dokument auf Arabisch unterschreiben ließ. Danach kühlten die Beziehungen ab und wurden nicht zuletzt wegen der Revolution im Iran immer schwieriger.

Die Päpste versuchten wiederholt Neuanfänge. Benedikt XVI. (2005–2013) sorgte mit seinem Regensburger Vortrag 2006 zunächst für Verwirrung. Mit seinem Besuch in der Blauen Moschee von Istanbul trug er kurz darauf aber zur Entkrampfung der angespannten Beziehungen bei.

Inzwischen pflegt der Heilige Stuhl Kontakte zu allen großen Glaubensrichtungen des Islam – zu Sunniten, Schiiten, Wahabiten. Teil dieses Austauschs ist auch das katholisch-islamische Forum, das der Vatikan – ebenfalls eine Konsequenz des Regensburger Vortrags – mit dialogoffenen Muslimvertretern leitet.

Die Gespräche mit anderen Religionen finden eher im Hintergrund statt. Wie zum islamischen Fastenmonat Ramadan schickt der Vatikan jährlich auch Grüße zum Diwali-Fest der Hindus und zum buddhistischen Vesakh-Fest. Zu den großen Initiativen gehören freilich die großen interreligiösen Friedensgipfel in Assisi. Seit 1986 haben alle Päpste dazu eingeladen.

Von Johannes Schidelko (KNA)

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Erklärung „Nostra Aetate“ über die nichtchristlichen Religionen

„Nostra Aetate“ (In unserer Zeit) ist ein Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965). Es klärt das Verhältnis der römisch-katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen. „Nostra Aetate“ ist das erste offizielle Dokument der römisch-katholischen Kirche, in der die anderen Religionen positiv anerkannt werden. Es wurde von den Konzilsvätern am 28. Oktober 1965 mit 96-prozentiger Zustimmung angenommen (2.290 Ja-Stimmen, 35 Nein-Stimmen) und von Papst Paul VI. rechtskräftig verkündet.

Die Erklärung betont das Verbindende mit den anderen Religionen, ohne den eigenen Wahrheitsanspruch zu schmälern. Die katholische Kirche, so heißt es, lehne nichts von dem ab, was in den Religionen „wahr und heilig“ sei. Christen, Juden und Muslime werden ermuntert, Missverständnisse im Dialog auszuräumen.

Das Kapitel über das Judentum ist das umfangreichste der Erklärung. Mit einer klaren Absage an den traditionellen Antijudaismus beginnt eine umfassende Aussöhnung der Kirche mit dem Judentum. Zwei zentrale Anliegen beinhaltet „Nostra Aetate“: erstens eine Verurteilung des Antisemitismus, verbunden mit einem Schuldeingeständnis der Kirche als Mitverursacherin; zweitens die Notwendigkeit, dass die Kirche niemals die Wurzeln ihres Glaubens im Judentum vergessen darf.

Mit „Nostra Aetate“ wurde festgeschrieben, dass die jüdische Religion für Christen nicht etwas Äußerliches ist, sondern in gewisser Weise zum Inneren ihrer eigenen Religion gehört. Zum Judentum haben die Christen eine so enge Beziehung wie zu keiner anderen Religion.

Zum Islam heißt es in dem Dokument wörtlich: „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten.“ Die Synodenväter rufen Christen und Muslime auf, „sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen“.

Abschließend ruft „Nostra Aetate“ unter dem Titel „Universale Brüderlichkeit“ zur Achtung der Würde jedes Menschen auf. Wörtlich heißt es: „Deshalb verwirft die Kirche jede Diskriminierung eines Menschen oder jeden Gewaltakt gegen ihn um seiner Rasse oder Farbe, seines Standes oder seiner Religion willen, weil dies dem Geist Christi widerspricht.“ (KNA)

Zur Erklärung "Nostra Aetate"

Hans Maier: „Nostra aetate“ bleibt Herausforderung für Kirche

Der frühere Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Hans Maier, hat die Konzilserklärung „Nostra aetate“ als andauernde Herausforderung bezeichnet. Das Dokument über das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen, speziell zum Judentum, müsse vor allem in den Gemeinden rezipiert werden, sagte Maier am Montag bei einer Fachtagung in Würzburg.

So dürften in der Liturgie die Texte des Alten Testaments nicht verdrängt werden. Durch die Wahlmöglichkeit bei der Entscheidung für die Texte für die Lesung werde meist auf jene aus dem Alten Testament verzichtet, kritisierte er.

„Nostra aetate“ habe dazu beigetragen, dass im christlich-jüdischen Dialog Misstrauen abgebaut und viele Missverständnisse beseitigt werden konnten, erklärte der frühere bayerische Kultusminister weiter. „Wichtig war der neue Ton der wechselseitigen Anerkennung, wie er in ‚Nostra aetate‘ zu hören war.“ Dies manifestiere sich in der Neufassung der Karfreitagsfürbitten. Zu Recht erhalte da jene zum Judentum am meisten Aufmerksamkeit, so Maier. Dabei lobte er die 1974 im deutschsprachigen Raum eingeführte Formulierung.

Die zweitägige Tagung zum 50. Jahrestag der Verabschiedung von „Nostra aetate“ wurde vom Gesprächskreis Juden und Christen des ZdK, der Katholisch-Theologischen Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg sowie der Katholischen Akademie Domschule des Bistums Würzburg veranstaltet. (KNA)

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