Problemlöser gesucht

  • Wahlen in Tansania - 22.10.2015

Tumefika“ – „Wir packen das!“ So lautet frei übersetzt der Slogan, mit dem ein großer Mobilfunkanbieter in Tansania für seine Dienste wirbt. Wie in den meisten Nachbarstaaten gehört das Handy für die Mehrheit der rund 45 Millionen Einwohner zum Alltag. Mobiltelefone helfen, die Distanzen in dem ostafrikanischen Land zu überbrücken, das etwa zweieinhalb Mal so groß ist wie Deutschland. Tiefer gehen die sozialen Gräben: Tansania, reich an fruchtbarem Ackerland und Bodenschätzen, ist zugleich einer der ärmsten Staaten der Region. Die Politiker haben in der Vergangenheit oft angekündigt, die Dinge zu ändern – aber den Worten selten Taten folgen lassen.

Ob sich daran nach den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen am Sonntag etwas ändert? Im Internet warnt ein Kommentator der Zeitung „The Citizen“ die Leser vorsorglich vor Enttäuschungen. Die Sieger würden sicher nicht all ihre Wahlkampfversprechen in die Tat umsetzen. Trotzdem gilt der Urnengang schon jetzt als Wendepunkt in der Geschichte Tansanias  – mit Signalwirkung nach außen. Erstmals könnten die seit der Unabhängigkeit regierenden Sozialisten eine Schlappe erleiden. Und anders als etwa im Kongo oder in Burundi machte das bisherige Staatsoberhaupt Jakaya Kikwete keine Anstalten, über die zwei in der Verfassung vorgesehen Amtszeiten hinaus seine Präsidentschaft zu verlängern.

Misereor-Studie thematisiert Landraub in Tansania

Kikwetes Nachfolger steht vor großen Herausforderungen. Eine davon hat das katholische Hilfswerk Misereor unlängst in einer Studie öffentlich gemacht: die langfristige Pacht oder der Ankauf großer Agrarflächen durch internationale Unternehmen. „Landgrabbing“ setzt die betroffenen Dorfbewohner oftmals unter Druck und könnte in der Zukunft für massive Konflikte sorgen, befürchtet der Soziologe und Mitautor der Studie, Benedict Mongula von der Universität Daressalam. „Angesichts der Tatsache, dass die Bevölkerung weiter wächst, wird es langfristig einen Landmangel geben“, so Mongula. „Wenn dann Hirten und Kleinbauern um die wenigen Ackerflächen kämpfen, die von den Investoren noch übrig gelassen wurden, werden wir ein Problem bekommen.“

„Wenn dann Hirten und Kleinbauern um die wenigen Ackerflächen kämpfen, die von den Investoren noch übrig gelassen wurden, werden wir ein Problem bekommen“, warnt der Soziologe und Misereor-Partner Benedict Mongula.

Ressel/Misereor

Schon jetzt suchen viele junge Menschen ihr Heil in den Städten. Die sind auf die Zuwanderung nur unzureichend vorbereitet. Selbst in der Hafenmetropole Daressalam sind beispielsweise die Wege abseits der Hauptachsen kaum geteert. Dafür sammeln sich Abend für Abend die gestrandeten Existenzen auf den Verkehrsinseln der großen Straßen, um dort ihr Lager für die Nacht aufzuschlagen. Beides, der Kampf gegen Armut und der Ausbau der Infrastruktur, gehört einer Umfrage von Ende September zufolge zu den drängendsten Problemen ihres Landes.

Aber auch die Konflikte in den umliegenden Staaten machen vor Tansanias Grenzen nicht halt. Mehr als 160.000 Flüchtlinge aus Burundi und dem Kongo ließen das Camp von Nyarugusu im Westen des Landes zu einem der überfülltesten Auffanglager weltweit werden. Vor wenigen Tagen erst startete das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR nach Verhandlungen mit der Regierung die Umsiedlung von 50.000 Burundiern in zwei andere Lager.

Missio besorgt über wachsenden Islamismus

Dass die politische Lage angesichts dieser Belastungen und trotz der mehr als 100 Ethnien bislang vergleichsweise stabil geblieben ist, kommt fast einem Wunder gleich. Dem Präsidenten des katholischen Hilfswerks Missio, Klaus Krämer, bereitet allerdings ein wachsender Einfluss von islamistischen Strömungen Sorge. Ein mögliches Indiz dafür: In den Städten sind immer mehr komplett verschleierte Frauen unterwegs.

Ein anderes Phänomen hat mit Verschleierung in übertragenem Sinn zu tun. „Politiker kaufen Journalisten, um ihre Kampagne wohlwollend zu begleiten“, umschreibt der Journalist Denis Mpagaze ungute Verflechtungen zwischen Politik und Medien. Als Dozent an der katholischen Universität St. Augustine, die in Tansania verschiedene Ableger hat, setzt sich der 35-Jährige für die Ausbildung unabhängiger Journalisten ein. Es sind Menschen wie Mpagaze, die den Slogan des Mobilfunkanbieters auf ganz eigene Weise mit Leben füllen: „Tumefika“ – „Wir packen das!“

Von Joachim Heinz (KNA)

© KNA

Im Oktober 2015, dem Monat der Weltmission, stellt Missio die Kirche in Tansania vor. „Verkündet sein Heil von Tag zu Tag“ (Psalm 96,2) lautet dabei das Leitwort der diesjährigen Missio-Aktion.

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