„Einen neuen Anfang setzen“

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  • Familiensynode - 22.10.2015

Als Vertreter Südafrikas nahm Erzbischof Stephen Brislin (59) von Kapstadt, Vorsitzender der nationalen Bischofskonferenz, an der Familiensynode im Vatikan teil. Im Interview schildert er seine Eindrücke und Erwartungen an den Ausgang des Treffens.

Frage: Herr Erzbischof, was erwarten Sie von dieser Synode?

Brislin: Unsere Arbeit ist noch nicht ganz beendet. Anschließend gehen die Empfehlungen an den Papst. Aber ich denke, dass Leute, die Änderungen hin zu einem Kommunionempfang für wiederverheiratete Geschiedene als unmittelbares Ergebnis erwarten, vermutlich enttäuscht sein werden. Die Synode ist dennoch sehr wichtig, weil sie Auswirkungen dafür hat, wie wir Kirche sehen, unsere Pfarreien; und wie unsere Pfarreien nach dem Willen Christi sein sollten. Wir sind alle Kinder Gottes, und Christus kam für alle, für die Sünder kam er gleichsam wie ein Arzt für Kranke, um sie zu retten. Daher hoffe ich, dass Pfarreien mehr offen und willkommensbereit sind, und in anderer Weise „Kirche“ repräsentieren. Die Synode soll hier einen neuen Anfang setzen.

Frage: Bedeutet das ein klares Nein zu einem Kommunionempfang für wiederverheiratete Geschiedene, oder sehen sie mehr Offenheit für besondere Einzelfälle?

Brislin: Ich erwarte und sehe hier mehr Offenheit, diese Fragen tiefer zu betrachten und gründlicher zu studieren. Menschen in besonderen Situationen – in stabilen, lang dauernden zweiten Verbindungen mit Familien – können diese zweiten Verbindungen nicht einfach im Stich lassen. Die Kirche muss sie mit Sympathie und Mitgefühl behandeln. Allerdings geht es dabei nicht so sehr um die Frage eines Kommunionempfangs, sondern vielmehr um ihre Einbindung in die Kirche. Sie müssen sich als Teil der Kirche fühlen.

Frage: Was war der Beitrag der afrikanischen Bischöfe in der Synode?

Brislin: Wie bereits bei der Synode 2014 haben die Bischöfe aus Afrika ihre Positionen klar vertreten und deutlich gemacht. Man sollte nicht vergessen, dass unsere Probleme, Erfahrungen und Herausforderungen nicht die gleichen sind wie im Westen. Für die Afrikaner sind Familien sehr wichtig. Im afrikanischen Verständnis wird die ganze Identität eines Menschen von der Zugehörigkeit zu seiner Familie geprägt – nicht von der Kernfamilie, sondern von der Großfamilie. Du bist, wer du bist, weil du zu dieser Familie gehörst.  Das Familienleben der Afrikaner ist auch geprägt von Migration, Auswirkungen von Konflikten, von Menschenhandel. Das sind die eigentlichen Probleme der Afrikaner.

„Im afrikanischen Verständnis wird die ganze Identität eines Menschen von der Zugehörigkeit zu seiner Familie geprägt – nicht von der Kernfamilie, sondern von der Großfamilie.“

Sicher haben Afrikaner Schwierigkeiten, manche Dinge generell zu akzeptieren, etwa Homosexualität. Aber das war bislang kein großes Thema in der Synode – denn es bestand Konsens, dass homosexuelle Verbindungen für die Kirche nicht mit der Ehe gleichgestellt werden können. Aber eine ständige Aufgabe ist und bleibt die pastorale Sorge für homosexuelle Menschen und die Tatsache, dass sie zur Kirche gehören.

Frage: Was erwarten die Familien in Südafrika von der Synode?

Brislin: In der Geschichte unseres Landes hat das Familienleben sehr unter der Apartheid-Politik gelitten. Menschen waren dadurch zur Trennung gezwungen. Wir leiden immer noch unter den Konsequenzen. Laut einer jüngsten Untersuchung gibt es in Südafrika nicht eine feste typische Familie. Es gibt viele Haushalte ohne Eltern, viele Alleinerziehende; die Scheidungsrate ist hoch. Gerade in schwierigen Zonen meiner Diözese, in Vierteln mit hoher Kriminalitätsrate und Drogenkriminalität ist aber die Bindung der Familie sehr wichtig für alle und wird sehr geschätzt. Die Menschen wollen von der Kirche daher eine Botschaft der Hoffnung und Ermutigung für die Familie hören. Was wir den Menschen stets zu sagen versuchen, ist: Haltet die Familien zusammen, tut dafür das Beste, was ihr könnt.

Frage: Welche Rolle spielt die deutsche Sprachgruppe?

Brislin: Wir wissen, dass es unterschiedliche Meinungen unter den deutschen Bischöfen gibt. Aber dennoch gab es stets in allen Interventionen große Herzlichkeit und nicht Konflikte. Die unterschiedlichen Positionen wurden präsentiert. Und das ist genau das, was Papst Franziskus will: Er will nicht, dass die Leute über Probleme schweigen, sondern sie sollen sie aussprechen. Das trägt zu Reichtum und Vielfalt der Debatte bei und das bringt uns alle vorwärts – zum Wohl der Familie. Die deutschen Bischöfe haben eine wichtige Rolle gespielt. Sie haben sehr gute Vorschläge eingebracht, in der vergangenen wie auch in dieser Synode. Und damit haben sie die Debatte bereichert.

Von Johannes Schidelko (KNA)

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