„Das grenzt an Sklaverei“

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  • Landgrabbing - 08.10.2015

In vielen Teilen der Welt werden Menschen von ihrem Land verjagt, etwa in Südostasien und Afrika. Lebensmittelkonzerne kaufen den Regierungen begehrtes fruchtbares Land ab, um dort Plantagen zu errichten. Die Enteigneten arbeiten dann dort oft unter schlechten Bedingungen. Der österreichische Regisseur Kurt Langbein hat nun einen Film über das Thema gemacht: „Landraub“ läuft ab Donnerstag in Kinos an. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erläutert der 61-Jährige, was ihn zu seiner Arbeit bewegt.

KNA: Herr Langbein, wie kam die Idee zu dem Film?

Langbein: Ich habe an einem Samstag vor drei Jahren ein Radiofeature von Christian Brüser gehört. Es ging um Kambodscha und ich war entsetzt, in welcher Brutalität und in welchem Ausmaß den Bauern dort der Boden unter den Füßen geraubt wird. Zugleich war ich erstaunt, wie wenig ich davon wusste. Ich habe dann Christian Brüser angerufen und gesagt: „Wir müssen da was Größeres draus machen.“ Er hat glücklicherweise „Ja“ gesagt. Das war der Beginn unserer gemeinsamen Arbeit an dem Filmprojekt.

KNA: Ihnen ging es darum, aufzudecken und zu informieren?

Langbein: Ja. Meine Kraft versuche ich da einzusetzen, wo es mir möglich erscheint, mich für ein bisschen mehr Gerechtigkeit einzusetzen. Mich hat einfach diese Information, was weltweit mit den Ackerflächen passiert und dass wir Europäer eigentlich die Täter und die Nutznießer sind, dermaßen gepackt, dass ich meine, da muss etwas geschehen.

KNA: Reicht ein Film aus?

Langbein: Nein, es gibt auch ein gleichnamiges Buch dazu und wir brauchen eine ganz massive Auseinandersetzung mit dem Thema. So kann es nicht weitergehen.

KNA: Aber ist es nicht auch so, dass die Großkonzerne, die in Asien oder andernorts unterwegs sind, auch zur Nahrungsmittelsicherheit für viele Menschen beitragen?

Langbein: So, wie es jetzt läuft, wird es auf uns zurückfallen, weil die Leute, denen jetzt das Land weggenommen wird und die dadurch ihre wirtschaftliche Perspektive verlieren, sich in Bewegung setzen werden. Da wird das, was jetzt schon Flüchtlingswelle heißt, uns wie ein zarter Anfang vorkommen.

KNA: Sie zeichnen apokalyptische Zustände.

Langbein: Wenn das, was da an sozialen Umwälzungen durch den Landraub, durch das massive Investment der Agrargroßindustrie passiert, so weitergeht, ist das eine millionenfache Dezivilisierung und ein Raub an Perspektiven für viele Millionen Menschen. Dem steht gegenüber die Möglichkeit einer bäuerlichen Entwicklung der Landwirtschaft, die ja nach wie vor machbar wäre und ich glaube, diese Auseinandersetzung muss jetzt einfach geführt werden.

KNA: Die Kirchen sprechen gern von der Verantwortung für die Schöpfung. Sagt Ihnen dieser Begriff etwas?

Langbein: Ich bin Agnostiker, fühle mich aber mit dieser Welt und mit den Menschen verbunden. Ich möchte Sinnhaftes tun, insofern gibt es da Berührungspunkte. Ich möchte etwas tun, um die Verhältnisse zu verbessern. Ein kleiner Beitrag kann da in der Arbeit liegen, eine Öffentlichkeit für das Problem zu schaffen.

KNA: Für Ihren Film waren Sie nicht nur in Kambodscha unterwegs, sondern auch in vielen anderen Teilen der Welt. Wo ist die Situation am schlimmsten?

Langbein: Es ist in Kambodscha furchtbar schlimm, weil Hunderttausende mit Gewalt vertrieben werden. Es ist in Afrika katastrophal, weil zum Teil auch mit subtileren Methoden gearbeitet wird. Und es ist in Ostasien auf eine gewisse Art schmerzvoll und tragisch, weil man dort auch sieht, in welcher Form die Menschen in die Plantagenwirtschaft gezwungen und diszipliniert werden. Das grenzt an Sklaverei.

KNA: Das sehen die Konzerne anders.

Langbein: Auch sie kommen in dem Film vor. Die Einschätzungen könnten allerdings nicht unterschiedlicher klingen. Das Problem in Afrika beispielsweise ist vor allem, dass in vielen Regionen keine Rechtstitel für Grund und Boden existieren. Stattdessen gibt es dort Kollektiveigentum. Da haben die Konzerne im Zusammenspiel mit korrupten Regimes oft ein leichtes Spiel.

KNA: Was kann Europa dagegen tun?

Langbein: Rund 44 Prozent von dem, was weltweit in die Agrarindustrie investiert wird, kommt von europäischen Finanzinstitutionen. Da wären die Verantwortlichen hier bei uns gefragt, Menschenrechte nicht nur in den Mund zu nehmen, wenn es um Sonntagsreden geht, und wenn man nach China fährt, sondern eben auch, wenn es um die eigenen Konzerne geht. Meine Ansicht nach wäre es ohne weiteres möglich, Regeln zu verabschieden, um Menschenrechtsverletzungen zu verhindern.

KNA: Würden Sie Landraub als eine moderne Form von Kolonialismus bezeichnen?

Langbein: Ja. Früher sind die Staaten mit Militär einmarschiert, heute machen sie es mit den Mitteln des Finanzkapitals. Es ist in den Auswirkungen ähnlich schlimm: Die Menschen verlieren ihre Perspektive, verlieren ihr Land, verlieren ihre Möglichkeiten und wir stehen tatsächlich vor einer Weichenstellung. Wenn diese Entwicklung so weitergeht, wie sie 2008 begonnen hat, dann gibt es große soziale Verwerfungen, dann gibt es große ökologische Verwerfungen und dann wird die Welt in 10, 15 Jahren nicht mehr so aussehen wie heute.

KNA: Gibt es gar keine Hoffnung?

Langbein: Wir zeigen an ganz konkreten Beispielen und Modellen, dass die bäuerliche Landwirtschaft viel eher in der Lage ist, die Welt vor dem Hunger zu retten als die Agrarindustrie. Die Agrarindustrie verbraucht viel mehr Energie, als sie tatsächlich produziert. Die bäuerliche Landwirtschaft kann Hunderte Millionen beschäftigen und lässt den Menschen eine soziale und eine wirtschaftliche Perspektive. Das kann die Agrarindustrie nicht.

Das Interview führte Sabine Just (KNA)

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Filmkritik: Landraub

Profitgierige Finanzberater und maßloses Gewinnstreben sind die Themen des neuen Dokumentarfilms "Landraub" von Kurt Langbein. Anhand von Beispielen rund um den Globus wird erzählt, wie sich das sogenannte "Landgrabbing" zu einer neuen Form des Kolonialismus entwickelt hat.

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