Polygame und Unverheiratete in der Kirche halten

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  • Familiensynode - 02.10.2015

Die USA und Europa kreisen gern um sich selbst. So scheint es auch bei der anstehenden Weltbischofssynode zu Familienfragen. Was sonst könnte das Thema bedeuten als die Seelsorge für wiederverheiratete Geschiedene und Homosexuelle? Fast nur in diese Richtung wird im Westen diskutiert – schon lange und erst recht seit der vorbereitenden Synode im Oktober 2014. Doch Familie hat auch andere Facetten und Probleme. Ein theologisches Thesenpapier des Symposiums der katholischen Bischofskonferenzen von Afrika und Madagaskar (SECAM) lässt aufhorchen.

Das Dokument des gesamtafrikanischen Bischofsrates trägt die Ortsmarke Accra/Ghana und das Datum 14. September. Es soll in den kommenden Tagen jenen 50 afrikanischen Bischöfen an die Hand gegeben werden, die den Kontinent bei der Vatikan-Synode gegen westlichen „Neokolonialismus“ verteidigen sollen, wie es der aus Guinea stammende Präfekt der vatikanischen Gottesdienstkongregation, Kardinal Robert Sarah, kürzlich formulierte.

Sarah sagte dem französischen Magazin „Famille Chretienne“: „Warum sollten wir denken, dass nur die westliche Sicht des Menschen, der Welt, der Gesellschaft gut, richtig und universal ist?“ Und, mit Blick auf die Synode: „Ob man uns zuhört oder nicht, wir werden sprechen.“ Anders als die Schlusserklärung der jüngsten SECAM-Versammlung in Accra im Juni ist das theologische Thesenpapier allerdings nicht primär aggressiv antiwestlich, sondern konstruktiv und in seiner Binnensicht genuin afrikanisch.

Vielehe und „Ehe in Etappen“ im Fokus

Ein zentrales Thema ist etwa die afrikanische Herausforderung der Vielehe. Polygamie sei in vielen Ländern des Kontinents „verbreitet und toleriert“, so die Verfasser. Auch wenn die Kirche nicht den Anschein erwecken dürfe, die Vielehe in irgendeiner Form gutzuheißen, so müsse sie doch auch die Erwartungen polygam lebender Christen an die Kirche in Betracht ziehen. Diese erwarteten – angesichts ihres ehelichen Status – keineswegs eine volle Teilhabe an den Sakramenten, so die SECAM-Theologen. Sie suchten in der Kirche „spirituelle Kraft oder die Gnade Gottes“.

Als weiteres spezifisch afrikanisches Modell behandelt das Dokument die in vielen Ländern verbreitete „Ehe in Etappen“. Dabei geht einer standesamtlichen bzw. staatlichen und dann kirchlichen Eheschließung eine als „gewohnheitlich“ bezeichnete Ehe voraus – die man in Europa vielleicht „Ehe ohne Trauschein“ nennen würde. Tatsächlich geht damit in Afrika aber oft die Vorstellung einer „Verbindung zweier Familien“ einher.

Die Theologen des afrikanischen Bischofsrates weisen eine kirchliche Abqualifizierung von Paaren, die gemäß ihrer „traditionellen Kultur“ vorehelich zusammenleben, als „Konkubinat“ entschieden zurück. Vielmehr müsse die Kirche – ähnlich wie bei polygam lebenden Gläubigen – bemüht sein, mit ihrer Seelsorge „in allen Etappen der Ehe“ präsent zu sein – also auch in der „Ehe ohne Trauschein“. Die Paare und auch ihre Familien müssten volle Teilhabe am Gemeindeleben haben. So könne man der Angst vor Stigmatisierung begegnen, die oft überhaupt erst Hinderungsgrund für eine kirchliche Eheschließung sei.

Armut, Krankheit und Flucht als Zerreißprobe für Familien

Großen Raum räumt das Dokument dem wirtschaftlichen, politischen und auch ökologischen Druck ein, dem viele Familien in Afrika existenziell ausgesetzt sind. Wo die Lebensgrundlagen fehlten – sei es durch Umweltveränderung und -zerstörung oder durch Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Flucht und Migration –  stehe auch die Familie vor dem Zerreißen.

Zu den in Europa handlungsleitenden Faktoren wiederverheiratete Geschiedene und Homosexuelle hält das Papier fest, dass es diese zwar auch in Afrika gebe, dass sie aber keine allzu großen Themen darstellten. Das Argumentationsmuster auch hier: Es gebe seitens der Betroffenen gar nicht den Wunsch nach voller Teilhabe an den Sakramenten – wohl aber nach einer besseren Aufnahme und Integration in den Gemeinden.

Im Grundtenor freilich folgt das Thesenpapier vielfach dem Vorwurf afrikanischer Bischöfe, dass der Westen mit seinen maximal individualistischen Lebensweisen die afrikanischen Familien zerstöre. Allerdings räumen die Autoren umgekehrt ein: Auch afrikanische Familienmodelle hätten ihre Grenzen und Probleme – etwa wo es um die Misshandlung und Enteignung von Witwen und Waisen, um Flüche oder um andere Ausschlüsse aus der Gesellschaft gehe.

Von Alexander Brüggemann (KNA)

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