Eine Lebensaufgabe

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  • Frauenhaus für Flüchtlinge - 29.09.2015

Die Stirn der Ordensschwester liegt in Falten, Lea Ackermann ist besorgt. Doch sie spricht mit klarer Stimme: „Wir werden widersprechen“, sagt sie und überlegt einen Moment, „vielleicht hilft ein psychotherapeutisches Gutachten.“ Helfen möchte Schwester Lea der 19-jährigen Ana*. Die Bosnierin, die vor ihrem prügelnden Ehemann und dessen Vater geflohen ist, sollte in das Fluchthaus einziehen, das Schwester Lea mit ihrer Hilfsorganisation Solwodi in Boppard erworben hat. Doch Bosnier haben in Deutschland derzeit kaum Chancen auf Asyl – und auch Ana soll nun abgeschoben werden.

Eine Ungerechtigkeit, findet Schwester Lea. „Es ist dramatisch, wenn eine junge Frau in ein rein patriarchales Land abgeschoben wird.“ Anas Ehemann dagegen frohlocke: „Er sagte mir, er freut sich, wenn sein Vater seine Frau nun weiter erziehen kann.“

Ana ist kein Einzelfall. Das Leben in Flüchtlingslagern und Notunterkünften ist für Frauen und Mädchen besonders schwierig, so die Einschätzung der Vereinten Nationen: Diese böten häufig nicht den nötigen Schutz. Sanitäre Anlagen seien teils abgelegen und nicht immer nach Geschlechtern getrennt, hinzu kämen schlechte Beleuchtung und lange Wege.

Besserer Schutz für Frauen in Flüchtlingsheimen gefordert

Auch in Deutschland gibt es Nachholbedarf. Etwa 30 Prozent der Asylanträge hierzulande werden von Frauen und Mädchen gestellt – laut Deutschem Institut für Menschenrechte (DIMR) bedeutet dies, dass die Unterkünfte von Männern dominiert werden. Den Frauen fehlten Rückzugsräume, abschließbare Duschen und Waschräume; zudem gebe es bei den Entscheidungsträgern kaum ein Problembewusstsein, kritisierte DIMR-Mitarbeiterin Heike Rabe unlängst gegenüber dem „Tagesspiegel“. Auch die Deutsche Polizeigewerkschaft forderte zu Wochenbeginn einen besseren Schutz für Frauen in Flüchtlingsheimen.

Für Schwester Lea ist die Unterstützung von Frauen eine Lebensaufgabe. Ihre Organisation Solwodi kümmert sich seit 30 Jahren in Kenia, Ruanda, Rumänien, Österreich und Deutschland um Frauen in Not. Als die Flüchtlingssituation im Sommer immer dramatischer wurde, mietete sie ein leerstehendes Haus in unmittelbarer Nähe zur Solwodi-Zentrale an. „Ich habe schon von vielen asylsuchenden Frauen gehört, dass sie Angst haben, nachts alleine über den Gang in ihrer Unterkunft zu gehen“, erklärt die 78-Jährige.

Schwester Lea Ackermann (Mitte) mit den kenianischen Solwodi-Mitarbeiterinnen Susan (l.) und Ruth. Die beiden jungen Frauen arbeiten in Eldoret in Kenia für ein Fußballprojekt von Solwodi und nehmen drei Wochen lang an einem internationalen DFB-Trainerlehrgang in Koblenz teil.

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In den Anfängen von Solwodi hat Schwester Lea kenianische Frauen in der Prostitution beraten, mit ihnen nach Auswegen gesucht. Auch jetzt versucht sie, unbürokratisch zu helfen: Sie hört zu, die Mitarbeiter helfen bei Anträgen für Sprachkurse, informieren über das Alltagsleben in Deutschland. „Vieles läuft zu bürokratisch“, kritisiert die Ordensschwester. „Die helfende Hand steht sich dadurch selbst im Weg.“

Auch für das Fluchthaus stehen noch ein paar Formalia aus, etwa was die langfristige Finanzierung betrifft. Renoviert und aufgeräumt ist es bereits, zwei Einzel- und ein Doppelzimmer plus Gemeinschaftsbad und Wohnzimmer stehen bereit. Derzeit wohnen dort Susan und Ruth aus Eldoret in Kenia. Sie sind nicht geflüchtet, sondern haben in Deutschland einen Fußball-Trainerschein gemacht. 40 Solwodi-Teams gibt es in ihrer Heimat inzwischen, fast alle Spielerinnen haben Gewalt oder Armutsprostitution erlebt.

Den beiden Kenianerinnen gefällt es im Mittelrheintal. „Everthing is nice in Germany“, sagen sie und lachen, alles sei schön in Deutschland. Dabei ist ihre vorübergehende Unterkunft schlicht eingerichtet, mit Lampen und Möbeln aus Wohnungsauflösungen: viel Eiche rustikal, Vorhänge mit dicken Quasten, ein zierliches Zuckerdöschen auf dem Wohnzimmertisch. „Aber im Vergleich zu vielen Flüchtlingsheimen ist es doch ein Glücksgriff“, sagt Solwodi-Pressereferentin Ruth Müller.

Einen festen Plan für die künftigen Bewohnerinnen gibt es nicht, sagt Schwester Lea. Sie will weiterhin mit jeder Einzelnen ihre Lage besprechen und ihren persönlichen Weg begleiten. Und weiter kämpfen gegen die Prostitution. „Deutschland ist zum Jahrmarkt Europas geworden“, sagt sie. Alleinstehende Frauen auf der Flucht könnten zu einer „leichten Beute“ für Menschenhändler werden. „Da müssten wir Frauen alle auf die Barrikaden gehen“, meint sie.

Von Paula Konersmann (KNA)

* Name geändert

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Solwodi

Solwodi steht für „SOLidarity with WOmen in DIstress“ – Solidarität mit Frauen in Not. Die Menschenrechtsorganisation wurde 1985 von Sr. Lea Ackermann in Kenia gegründet. Seit 1987 engagiert sich Solwodi auch in Deutschland mit inzwischen 17 Beratungsstellen, einer Kontaktstelle und sechs Schutzwohnungen für ausländische Frauen und Mädchen.

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