Experten fordern stärkere Vernetzung der Gesundheitssysteme

  • Entwicklung - 15.09.2015

Beim UN-Gipfel Ende September in New York wird die Staatengemeinschaft eine Agenda für nachhaltige Entwicklung verabschieden. Sie soll allen Menschen ein Leben in Gesundheit sichern. In Nürnberg diskutierten zum Abschluss der Tagung der Konferenz der Katholischen Missionierenden Orden (KMO) am Wochenende Experten aus Politik und Entwicklungszusammenarbeit unter anderem, was getan werden muss, um Gesundheitssysteme in Ländern des Südens zu stärken.

Mangelnder politischer Wille

Nach Ansicht des Parlamentariers Uwe Kekeritz (Bündnis 90/Die Grünen) mangelt es sowohl bei den reichen als auch den armen Nationen am politischen Willen, sich für Ziele der Nachhaltigkeit einzusetzen. Der Weg müsse weg von der Hilfe hin zu einer echten Entwicklungsagenda gehen. Arme Länder müssten in die Lage versetzt werden, Korruption zu bekämpfen und über Steuern eigene Mittel für die Versorgung ihrer Bürger zu generieren. Durch Handelsbeziehungen und Kooperation mit wenig demokratischen Regierungsverantwortlichen werde dies erschwert. Deshalb müsse politischer Druck ausgeübt werden, forderte Kekeritz. Die Bundestagsabgeordnete Gabriela Heinrich (SPD) kündigte an, sie werde sich in den Haushaltsverhandlungen dafür einsetzen, dass mehr Mittel für Gesundheit in Ländern des Südens bereitgestellt werden.

Für den Verband der forschenden Pharma-Unternehmen in Deutschland (vfa) hob Harald Zimmer den Beitrag der Pharmaindustrie zur Bekämpfung tropischer Armutserkrankungen hervor. Der vfa stelle entsprechende Medikamente auch kostenlos zur Verfügung, sagte Zimmer. Das bedeute aber nicht, dass sie auch tatsächlich die Patienten erreichten. Das liege an der oft schwachen Infrastruktur in den betroffenen Ländern. Die nationalen Gesundheitsdienste zu stärken, sei nicht Aufgabe der Industrie, sondern der Staaten und der Entwicklungszusammenarbeit.

Die Agenda zur nachhaltigen Entwicklung war Thema der Podiumsdiskussion mit Vertretern aus Politik und Entwicklungszusammenarbeit.

Missionsärztliches Institut Würzburg

Joachim Rüppel vom Missionsärztlichen Institut (MI) erklärte, der finanzielle Beitrag Deutschlands zur Entwicklungszusammenarbeit sei gemessen an der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Landes zu gering. Es gebe keine erkennbare Aussicht, dass das Ziel erreicht werde, 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens für Entwicklungshilfe auszugeben. Immer seltener gebe es echte staatliche Zuschüsse, sondern solidarische Geldmittel würden durch Kredite ersetzt, kritisierte Rüppel. Er forderte, Institutionen wie den Globalen Fonds stärker zu fördern. Korruption sei nicht das größte Problem, sondern vielmehr die Tatsache, dass internationale Partner viele Regierungen zu wenig einbinden würden in Programme zur Stärkung von Gesundheitsdiensten.

„Basisgesundheitsdienste mit einbeziehen“

Die Direktorin des Deutschen Instituts für Ärztliche Mission in Tübingen (Difäm), Dr. Gisela Schneider, äußerte sich kritisch zu globalen Programmen, die die Gemeinden an der Basis nicht erreichten. Die Gesundheitssituation der Menschen in Ländern des Südens lasse sich nur verbessern, wenn gemeindegetragene Dienste und Einrichtungen eingebunden würden. Die Kirchen müssten ihre Partner bestärken, sich zu vernetzen, um Erfahrungsaustausch und gemeinsame Lobbyarbeit zu ermöglichen. Ellen Schmidt (Misereor) berichtete, das katholische Hilfswerk fördere verstärkt basismedizinische Ansätze. Sie erachtet es als notwendig, sich neuen Themen wie etwa der mentalen Gesundheit zuzuwenden.

Bei der vorangegangenen Tagung der Katholischen Missionierenden Orden zog Dr. Klemens Ochel vom Missionsärztlichen Institut in Würzburg eine Bilanz seiner Ebola-Einsätze in Liberia. „Wenn wir wirklich aus dieser Krise lernen wollen, dann muss der Weg aus der Krise als Gelegenheit verstanden werden, die nächste Krise vorzubereiten“, sagte er. Die Ortskirche und ihre sozial-caritativen Einrichtungen litten derzeit unter den wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Ebola-Epidemie. Sie sind weit davon entfernt, auf einen weiteren Ausbruch oder eine weitere Katastrophe antworten zu können.

Laut Ochel soll aktiv daran gearbeitet werden, dass die kirchlichen Werke in Zukunft besser auf den Ausbruch von hochansteckenden Krankheiten vorbereitet sind. Das solle durch Schulungen und Notfallpläne gewährleistet werden. Die missionierenden Orden wollten mit Partnereinrichtungen in Kontakt treten, um mit dem Missionsärztlichen Institut solche Notfallpläne zu entwickeln.

Auf besonderes Interesse seitens der Orden stieß laut dem Mediziner das Thema „Mentale Gesundheit“. Traumata wie Naturkatastrophen oder Gewalt in der Familie, aber auch Armut seien Ursache von psychischen Erkrankungen wie Depressionen. Da die Kirchen und ihre Gesundheits- und Sozialeinrichtungen immer öfter damit konfrontiert seien, müsse man sie auf diesem Gebiet besser unterstützen, befanden die Tagungsteilnehmer.

Nach Angaben von MI-Referent Piet Reijer betreibt die katholische Kirche weltweit die meisten Gesundheitseinrichtungen. In Zukunft werde die Behandlung von Patienten immer schwieriger, da sie für immer kompliziertere Behandlungen immer weniger Geld hätten. Auf viele Missionskrankenhäuser sieht der Mediziner schwere Zeiten zukommen. Es sei dringend notwendig,  alternative Finanzierungsquellen zu erschließen. Eine Möglichkeit sei die engere Zusammenarbeit mit den Regierungen in Ländern des Südens oder der Aufbau von Krankenversicherungs-Systemen.

Die Tagung endete mit der Vorstellung der „Nürnberger „Erklärung“ für eine gesunde Zukunft der Menschheit.

Von Elke Blüml, Missionsärztliches Institut

© Missionsärztliches Institut Würzburg

 

Tagung der Orden - 11.09.2015

Ende September verabschiedet die Staatengemeinschaft eine neue Nachhaltigkeits- und Entwicklungsagenda. Welche Aufgaben diese an die weltweite Gesundheitsarbeit der missionierenden Orden stellt, diskutieren ab heute Ordensleute auf einer Tagung in Nürnberg. Im Interview sprechen die Organisatoren über globale Gesundheit, die für die Orden Menschenrecht und Heilsauftrag zugleich ist.

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