„Die Menschen spüren, wie zerbrechlich die Situation noch ist“

  • Zentralafrika - 01.09.2015

Burchard Schlömer, Länderreferent des Internationalen Katholischen Missionswerks Missio Aachen mit Schwerpunkt auf der Zentralafrikanischen Republik, war im Sommer in dem Bürgerkriegsland im Herzen Afrikas unterwegs. Auf Einladung der dortigen Bischofskonferenz nahm er an ihrer Vollversammlung teil, gemeinsam mit Annette Funke vom Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ sowie Nadim Ammann und Sonja Preiss von der Erzdiözese Köln. Im Interview berichtet Burchard Schlömer von seinen Eindrücken.

Frage: Herr Schlömer, Sie waren  jetzt im Sommer drei Wochen in der Zentralafrikanischen Republik, um mit Missio-Partnern über die schwierige Lage nach den politischen Unruhen 2013 und 2014 zu sprechen. Wie können Sie die Stimmung angesichts von zwei Jahren Bürgerkrieg, Vertreibung und Gewalt unter der Bevölkerung beschreiben?

Schlömer: Im Vergleich zu meiner Reise im August 2014 ist die Stimmung heute deutlich entspannter. In Bangui sind die Straßen und Märkte voll mit Menschen und es ist viel Alltag wieder eingekehrt. 2014 begegneten wir großen, gepanzerten Fahrzeugen der internationalen Truppen auf sonst fast leeren Straßen. Heute drängeln sich unzählige Taxis, Minibusse oder Lastwagen über die Hauptverkehrsachsen. Die Universität hat wieder geöffnet und unter den jungen Leuten auf dem Campus herrscht buntes Treiben. Wer aber genauer nachfragt und gut zuhört, erfährt von dem täglichen Ringen ums wirtschaftliche Auskommen. Viele Flüchtlinge wissen nicht, ob und wann sie nach Hause können. Die Milizen sind noch immer bewaffnet. Die Gewalterfahrungen der vergangenen zwei Jahre sind weitestgehend unbearbeitet. Die Menschen spüren, wie zerbrechlich die Situation noch ist.

Frage: Wie haben Sie die Vertreter der Religionen, der katholischen und protestantischen Kirche, der Muslime erlebt? Wie gehen diese damit um, dass Religion für politische Interessen missbraucht wird? Was imponiert Ihnen an diesen Kirchenvertretern?

Schlömer: Ich war tief berührt, wie offen und herzlich wir als katholische Besucher von den evangelischen und muslimischen Gesprächspartnern aufgenommen wurden. Das hat sehr gut getan! Sie wehren sich gegen den Missbrauch ihres Glaubens und verweisen bei den Situationsanalysen klar auf die wirtschaftlichen und Machtinteressen der bewaffneten Gruppen, der korrupten Politik und Wirtschaft. Die Interessen afrikanischer Nachbarn und europäischer Staaten und Unternehmen spielen hier ebenfalls hinein. Zugleich kennen unsere Partner die tiefen Gräben, die durch die Gewalt zwischen den Glaubensgemeinschaften aufgerissen wurden, und auch zwischen deren Leitern. Mich beeindruckt, wie aus verschiedenen Glaubenstraditionen die gleiche Sorge um die Menschen erwächst.  Nicht als abstrakte Theorie, sondern ganz persönlich als gemeinsamer Einsatz für die Schwächsten, als Fähigkeit, aufeinander zuzugehen und einen gemeinsamen Weg zu finden.

Frage: Können Sie beschreiben, wie religiöse Praxis, wie der Alltag des Glaubens den Menschen hilft – und wie die katholische Kirche den Menschen dabei an der Seite steht?

Schlömer: Unsere Unterkunft in Bangui lag neben der Kathedrale und jeden Morgen kamen viele Menschen vor Beginn des Arbeitstages zur Messe. Das gemeinsame Singen und Beten verbindet die Menschen miteinander und diese Verbundenheit gibt Kraft. Die Worte der Bibel sprechen viele ganz unmittelbar in ihrer Lebenssituation an. Sie finden darin Trost, Ausdruck ihrer Nöte oder neue Orientierung. Darüber hinaus brauchen die Menschen geschützte Räume, wo sie ihre belastenden Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre benennen und im Licht des Glaubens deuten können. Nur so können Heilung und Versöhnung langsam wachsen. Unsere Partner baten dringend um Unterstützung, damit genug Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für solch einen Dienst qualifiziert und eingesetzt werden können.   

Frage: Was war Ihr eindrücklichstes Erlebnis von dieser Reise?

Schlömer: Es gab viele eindrückliche Ereignisse. Weil eines für mich so neu war, fällt es mir ein. Nadim Ammann und ich trafen uns mit zwei hohen Mitarbeitern von Imam Omar Kobine Layama in den Geschäftsräumen des Islamischen Rates. Die beiden Imame hatten in Khartoum beziehungsweise in Medina ihre theologischen Studien absolviert. Wir trafen nicht auf Geistliche in langen Gewändern, wie unsere Klischees es zeichnen, sondern auf zwei Männer in Jeans und mit Baseballkappe gegen die brennende Sonne. Einer machte Notizen in Französisch, der andere in Arabisch. Wir führten ein sehr intensives Gespräch darüber, wie schwierig die Situation der muslimischen Minderheit heute in der Zentralafrikanischen Republik ist, wie dringend sie Unterstützung suchen für einen gemeinsamen Weg mit den Christen in die Zukunft. Unterstützung aus den westlichen und aus den arabischen Ländern, Unterstützung von christlicher und muslimischer Seite. Nadim Ammann und mir wurde klar, dass die ökumenische und interreligiöse Vernetzung unserer Solidaritätsarbeit in Deutschland ganz wichtig ist.

Das Interview führte Johannes Seibel, Missio Aachen.

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