„Wir haben uns nie mit dem Rassismus auseinandergesetzt“

  • © Bild: KNA
  • USA - 28.08.2015

Zu Jahresbeginn hat Papst Franziskus den Ordensmann Fernand „Ferd“ Cheri III. (63) zum Weihbischof in New Orleans ernannt. Zum zehnten Jahrestag von Hurrikan „Katrina“ am Samstag fordert der Franziskaner im Interview zu einer Auseinandersetzung mit Armut und Rassismus auf.

Frage: Herr Bischof, Sie haben sich unweit von Ferguson als Franziskaner für die Armen in East St. Louis stark gemacht. Als jemand, der aus New Orleans stammt, verstehen Sie, was der Hurrikan „Katrina“ für die Stadt bedeutete. Wollte Papst Franziskus mit Ihrer Berufung zum Weihbischof ein Zeichen setzen?

Cheri: Ich war überrascht, als der päpstliche Nuntius in den USA an einem Samstagmorgen kurz vor Weihnachten bei mir anrief. Zuerst dachte ich, jemand wolle mich auf den Arm nehmen. Aber dann realisierte ich, mit wem ich da sprach. Als der Nuntius mir das Amt antrug, fiel mir die Entscheidung nicht schwer. Ich habe mich im Herzen immer in New Orleans zu Hause gefühlt. Meine Mutter lebt hier, und ich habe überall in der Stadt Familie.

Frage: New Orleans ist die Heimat von 80.000 schwarzen Katholiken und ist damit eine der US-Diözesen mit dem höchsten Anteil an Afroamerikanern. Was bedeutet das für Ihre Seelsorge?

Cheri: Ich bin nun einer von acht schwarzen Bischöfen in der US-Bischofskonferenz. Meine Berufung war ein Signal an die schwarze Gemeinde, dass sie eine Rolle bei der Verherrlichung Gottes spielt. Wenn ich Zeit dazu finde, möchte ich mich in die Wurzeln des schwarzen Katholizismus in New Orleans vertiefen. Es ist kein Zufall, dass hier etwa mit den „Sisters of the Holy Family“ (Schwestern der Heiligen Familie) einer der größten schwarzen Frauenorden seine Heimat hat.

Frage: Sie beschäftigen sich auch mit dem musikalischen Erbe?

Cheri: Ich habe zeitlebens Gospel-Musik gesammelt, vermittelt und in den Gottesdienst eingebracht. Leider habe ich während „Katrina“ einen Teil meiner Sammlung verloren, die mein Bruder für mich aufbewahrt hatte.

Frage: Wie haben Sie „Katrina“ erlebt?

Cheri: Ich war zu dieser Zeit in East St. Louis tätig. Ich konnte nicht vor Anfang Oktober zurück nach New Orleans kommen. Das Haus meiner Mutter war in einem halben Jahrhundert nicht ein einziges Mal überflutet worden. Diesmal stand es unter Wasser, weil ein Deich unweit von hier brach.

Frage: Inwieweit illustriert „Katrina“, was Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato si“ aufgezeigt hat?

Cheri: Die Ärmsten waren von dem Sturm und der Flut am härtesten betroffen. Sie hatten keine Chance, die Stadt zu verlassen. Einige saßen in ihren Dachböden fest, weil sie nicht mal eine Axt hatten, um sich nach draußen zu retten. Und sie waren die Letzten, die beim Wiederaufbau Hilfe erhielten. Leute wie meine Mutter wussten gar nicht, was sie machen sollten.

Der Hurrikan „Katrina“, der Ende August 2005 in den südöstlichen Teilen der USA wütete, hinterließ in New Orleans eine breite Schneise der Zerstörung.

 

KNA

Frage: Wie ist die Erzdiözese mit der Katastrophe umgegangen?

Cheri: Wir mussten überlegen, wie es weitergeht; welche Gemeinde wir aufrechterhalten können, welche nicht. Da standen viele schwere Entscheidungen an. Wir mussten 27 Pfarreien schließen. Aber wir haben auch einiges erreicht, worauf wir stolz sein können: zum Beispiel, wie wir die traditionsreiche Corpus-Christi-Gemeinde erhalten haben. Das ist ein Schatz des schwarzen Katholizismus, den die Priester und Brüder der „Josephites“ erhalten haben. Schon zu Zeiten, als Diskriminierung auch in der Kirche ein Problem war.

Frage: Welche Konsequenzen haben Sie aus der Erfahrung mit „Katrina“ gezogen?

Cheri: Ich möchte, dass wir uns wieder mehr auf unser Engagement in der Bildung konzentrieren. Das war der einzige Weg heraus aus der Sklaverei, und es bleibt der einzige Weg aus Armut, Abhängigkeit und Rassismus. Wir müssen das Bewusstsein dafür wiedererwecken.

Frage: Zum Stichwort Rassismus: Die US-Bischofskonferenz hat sich im Juni unweit von Ferguson zu ihrer Frühjahrstagung getroffen, um ein Zeichen zu setzen. Wie haben Sie das Treffen erlebt?

Cheri: Der Papst wirbelt ein paar Dinge auf. Ich war einer von zwölf neuen Bischöfen seit dem Treffen im Herbst. Innerhalb der Hierarchie stehe ich auf Rang 438 von insgesamt 441 aktiven und emeritierten Bischöfen. Mehr als 250 waren da. Das war beeindruckend. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Joseph Kurtz, gab ein deutliches Statement zu Ferguson ab.

Frage: Besteht aus Ihrer Sicht ein Zusammenhang zwischen dem, was in Ferguson passierte, und „Katrina“?

Cheri: Rassismus! Das ist überall ein Problem in den USA. In der Geschichte dieses Landes haben wir uns niemals richtig damit auseinandergesetzt. Es geht nicht nur um Polizeigewalt. Das Problem ist struktureller Rassismus. Nehmen sie mal „Katrina“. Ich habe zwei Bilder in der Lokalzeitung gesehen. Eines zeigt, wie Schwarze ein Geschäft ausräumen. Darunter steht „plündern“. Ein anderes Bild zeigt Weiße, die dasselbe tun. Die Bildunterschrift: „Sie nehmen sich etwas, um zu überleben.“ Unsere Sprache spiegelt unsere Vorurteile in der Wahrnehmung wider.

Frage: Wo sehen Sie die Aufgabe der Kirche?

Cheri: Wir müssen mit der gleichen Intensität über Rassismus sprechen wie über Abtreibung oder Sterbehilfe. Die Schwarzen sind in die Armut gedrängt worden und haben keinen Weg, da herauszukommen. Von Anfang an. Erst waren es Gesetze, dann andere Dinge, die sie zurückgehalten haben. Die Kirche kann einen Dialog darüber in Gang setzen. Es geht darum, die Würde eines jeden Menschen zu verteidigen.

Von Thomas Spang (KNA)

© KNA