Der „Franziskus-Effekt“

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  • USA - 26.08.2015

US-Präsidenten können von solchen Umfragewerten nur träumen. Vor der Reise von Papst Franziskus in die USA Ende September sagten zwei von drei Befragten den Demoskopen des „Public Religion Research Instituts“ (PRRI), sie hätten eine positive Meinung von dem Kirchenoberhaupt. Bei den US-amerikanischen Katholiken sind es sogar 90 Prozent.

Danach gefragt, welche Attribute sie mit dem Papst verbinden, assoziieren die 1.331 repräsentativ ausgewählten Teilnehmer der PRRI-Studie frei Begriffe wie „bescheiden“, „fürsorgend“ und „mitfühlend“. Mehrheitlich stimmen die US-Amerikaner auch mit Franziskus‘ Top-Prioritäten überein: Vom Einsatz für die Armen über den Abbau der wirtschaftlichen Ungleichheit bis hin zur Sorge um die Schöpfung.

Praktizierende Katholiken heben hervor, wie sehr sie sich von Franziskus „verstanden“" fühlen. 80 Prozent der Gläubigen sagen, der Papst könne sich gut in ihre Bedürfnisse einfühlen. Das geht sogar denen so, die der Kirche den Rücken gekehrt haben. Zwei von drei sehen Franziskus in einem positiven Licht. Und immerhin sechs von zehn fühlen sich von ihm verstanden.

Aus Sicht der katholischen Kirche lässt das hoffen. Von dem etwas mehr als einem Drittel an US-Amerikanern, die angeben, aus einem katholischen Haushalt zu stammen (35 Prozent), haben sich 15 Prozent von der Kirche abgewandt. Wenn nur ein Teil der Enttäuschten zurückkehrte, manifestierte sich darin, was auch in anderen westlichen Gesellschaften als „Franziskus-Effekt“ bezeichnet wird.

Zahlen geben Anlass zur Hoffnung

Bisher lässt sich das mit den empirischen Befunden der Meinungsforscher in den USA bei aller Popularität des Papstes jedoch nicht belegen. PRRI-Chef Robert P. Jones vergleicht die Einstellung der US-Amerikaner zu Franziskus mit der zum Dalai Lama. „Sie haben warme Gefühle für ihn, was aber nicht heißt, dass sie den buddhistischen Meditationszentren die Türen einrennen.“

Doch die Zahlen der PRRI-Erhebung geben Anlass zur Hoffnung, dass die Gläubigen in den USA der Kirche nicht mehr davonlaufen. Praktizierende Katholiken sagen, ihre Sicht der Kirche habe sich in den vergangenen Jahren verbessert, und zwei Drittel glauben, Franziskus werde Menschen zurückgewinnen. Ehemalige Katholiken sind da weniger optimistisch. Nur knapp über die Hälfte (51 Prozent) meint, der Papst könne Leute motivieren, wieder in die Kirche zu gehen.

Der Grund könnte mit der Kirchenführung in den USA zu tun haben, die in der PRRI-Umfrage deutlich negativere Ergebnisse erzielt. Die tendenziell eher traditionell orientierte katholische Bischofskonferenz (USCCB) schneidet bei der Frage nach der gefühlten Nähe zu den Gläubigen um 20 Prozentpunkte schlechter ab als der Papst.

Schlechte Ergebnisse für US-Kirchenführung

Bei den offenen Assoziationsfragen zur US-Kirche tauchen verstärkt Begriffe wie „dogmatisch“, „scheinheilig“ oder „geldgierig“ auf. Besonders kritisch sind dabei die Einstellungen der nichtweißen Katholiken und der Gläubigen unter 30 Jahre.

Auf die Frage, worauf sich die Kirche eher konzentrieren sollte, gesellschaftspolitische Themen wie Abtreibung, Verhütung, Homosexualität oder soziale Gerechtigkeit, fällt die Antwort eindeutig aus: 57 Prozent halten die Gerechtigkeitsfrage für wichtiger. Die Mahnung des Papstes an die Kirche, in ihrer pastoralen Praxis nicht „obsessiv“ auf Fragen der Sexualmoral herumzureiten, trifft in den USA den Nerv der Gläubigen.

PRRI-Chef Jones erklärte bei Vorstellung der Studie zum „Franziskus-Effekt“, wenn Außerirdische in die USA kämen, fänden sie dort zwei deutlich unterscheidbare Gemeinden vor. Die Daten offenbarten eine Zweiteilung der katholischen Kirche in den USA.

„Eine ist vornehmlich weiß, älter, konzentriert im Nordosten und neigt dazu, republikanische Kandidaten zu unterstützen.“ In diesem Teil der Kirche lasse sich keine Differenz zwischen der Einstellung zur Institution und zu Franziskus feststellen. „Die andere ist überwiegend hispanisch, jünger, im Südwesten angesiedelt und unterstützt demokratische Kandidaten.“ In diesem Segment sei der Unterschied zwischen Einstellung zur Kirche und der Wahrnehmung des Papstes gravierend.

Von Thomas Spang (KNA)

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