„Hoffnungen sind enttäuscht worden“

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  • Brasilien - 18.08.2015

Am Mittwoch reist Bundeskanzlerin Merkel mit mehreren Ministern nach Brasilia. Dort wird sie zusammen mit der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff am Donnerstag die ersten deutsch-brasilianischen Regierungskonsultationen leiten. Rousseff steht derzeit unter enormem Druck. Am Wochenende demonstrierten Hundertausende gegen ihre Politik. Die Unzufriedenheit sei nachvollziehbar, erklärt Klemens Paffhausen, Referent beim Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat, im Interview mit dem Kölner Domradio.

Frage: Warum sind so viele Brasilianer so sauer auf ihre Staatschefin?

Paffhausen: Dilma Rousseff ist die Nachfolgerin von Lula da Silva, dem sehr populären Staatschef, der neue soziale Signale gesetzt hatte. Zum Beispiel hat er ein Kindergeld für Schulkinder eingeführt. Sehr viele Hoffnungen waren in Dilma Rousseffs Partei PT gesetzt worden. Nunmehr stellt die Bevölkerung fest, dass die Politik offensichtlich wieder zu ihren alten Regeln, zur Korruption und dem Gerangel der Mächtigen zurückkehrt.

Frage: Welche Rolle spielt der Wirtschaftseinbruch, mit dem Brasilien gerade zu kämpfen hat?

Paffhausen: Inflation und steigende Arbeitslosigkeit sind sicherlich ausreichende Gründe für eine unzufriedene Reaktion der Bevölkerung. Ich glaube aber, dass die Gründe sehr viel tiefer zu suchen sind. Brasilien hat nach der Fußball-Weltmeisterschaft einige Enttäuschungen zu verarbeiten gehabt. Dabei muss man nicht nur vordergründig an das verlorene Halbfinale gegen Deutschland denken, sondern vielmehr an das, was mit der WM in Verbindung steht. Dort wollte man Brasilien als führende Wirtschafts- und Fußballnation zeigen. Heute weiß man, dass das Erbe der WM in drei Stadien besteht, die kaum noch genutzt werden können und zu Millionengräbern und steuerlichen Belastungen der Allgemeinheit wurden.

Frage: Die Protestanten sagen: Präsidentin Rousseff muss weg und fordern Neuwahlen. Wie schätzen Sie das ein? Wie sehr wackelt Rousseffs Stuhl wirklich?

Klemens Paffhausen ist Brasilien-Referent beim katholischen Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat.

Adveniat

Paffhausen: Ich denke, man wird noch abwarten müssen, wie belastbar die Vorwürfe sind. Dann wird man gegebenenfalls einen Rücktritt fordern. Man muss zwei Dinge beachten: Es gibt natürlich die ganzen Korruptionsskandale, in die sie offensichtlich mit verwickelt ist. Es gibt aber auch eine ganze Menge Stimmungsmache. Politische Splittergruppen versuchen, daraus Kapital zu schlagen. Insofern ist die Faktenlage momentan noch sehr unübersichtlich. 

Frage: Wissen Sie etwas darüber, wie die Kirche zu diesen Protesten steht?

Paffhausen: Die Kirche versucht, hier zu differenzieren. Einerseits stehen die Fakten wie die Korruption im Raum. Andererseits wird geschaut, was nur einem politischen Agitieren geschuldet ist. Gleichfalls muss man aber sagen, dass auch breite Kreise der Kirche gerade in die Partei PT, in den ehemaligen Staatschef Lula da Silva und damit in dessen Nachfolgerin Dilma Rousseff große Hoffnungen gesetzt haben. Diese Hoffnungen scheinen durch die Bank enttäuscht worden zu sein. Gerade jetzt, wo offenbar wird, dass auch die PT letzten Endes nach den bekannten Regeln der Politik – sprich Korruption und Bestechung – gespielt hat. 

Frage: Am Mittwoch starten in Brasilia die ersten deutsch-brasilianischen Regierungskonsultationen. Da geht es auch um die Zusammenarbeit in Umwelt- und Klimafragen. Was wünschen Sie sich von der Kanzlerin? Was soll die dringend ansprechen? Stichwort: Menschenrechte.

Paffhausen: Menschenrechte sind nach wie vor ein Thema. Insbesondere geht es auch um gerechte Arbeitsbedingungen. Wir sehen immer wieder sowohl bei den Stadienbauten als auch in entlegenen Regionen des Amazonasgebietes Phänomene, die sich als Sklavenarbeit bezeichnen lassen. Dies wird auch immer wieder von der Kirche stark kritisiert. Als jemand, der bei Adveniat auch für das Amazonasgebiet zuständig ist, wünsche ich mir natürlich, dass konkrete Ergebnisse beim Klimafortschritt erzielt werden. Idealerweise so, dass eine Energiewende auch in Brasilien Erfolg haben könnte. Das wäre sicher ein wichtiges Thema, das die beiden Staatschefinnen ausdiskutieren sollten. 

Frage: Im kommenden Jahr werden in Rio de Janeiro die Olympischen Spiele ausgerichtet. Muss man da wieder befürchten, dass die Masse der Menschen nicht von diesem Megaevent profitiert? 

Paffhausen: Leider deutet alles darauf hin. Das sogenannte Olympische Dorf ist letzten Endes ein riesiges Luxus-Wohngebiet. Die Wohnungen werden jetzt schon für die nacholympische Zeit zu Höchstpreisen verkauft. Das ganze Olympische Dorf liegt in der Region Barra, das sich in den letzten Jahren ohnehin schon zu den Vierteln der Reichen entwickelt hat. Dort entsteht eigentlich ein Reichenviertel mit Golf- und Tennisplätzen, so dass die Masse der Bevölkerung besonders in den Randgebieten der Großstadt wohl kaum Nutznießer sein kann.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Mit freundlichem Dank für die Genehmigung an domradio.de.

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In einem Jahr steigen in Rio de Janeiro die Olympischen Sommerspiele. Das Aktionsbündnis „Rio bewegt. Uns.“ will die Verantwortlichen daran messen, ob sie gemäß ihrer Absichtserklärung auf Fairness achten – nicht nur im sportlichen Wettbewerb, sondern auch im Zusammenspiel mit der brasilianischen Gesellschaft. Zu dem Bündnis gehören u.a. Adveniat, Kolping International, die KAB, der DJK-Sportverband, Misereor, die Missionszentrale der Franziskaner und weitere Organisationen.

 

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