Wachsame „Bürgerbesen“

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  • Burkina Faso - 11.08.2015

Sie fallen auf, die jungen Menschen, die durch Karpala, einen Stadtteil von Ouagadougou, ziehen und kleine Pflänzchen vor sich hertragen. Aus den zarten Gewächsen sollen später mal große Moringa-Bäume werden. Der Baum mit den so charakteristischen runden Blättern ist auf dem ganzen Kontinent beliebt, werden ihm doch große Heilkräfte nachgesagt. Ob die Neuanpflanzungen aber ausgerechnet hier im trockenen Sandboden wachsen, auf den die meiste Zeit des Jahres die Sonne brennt, bleibt abzuwarten. Immerhin wird jede neue Pflanze von einem Drahtgestell geschützt, damit zumindest nicht die Ziegen die grünen Blättchen abfressen.

So oder so haben die Aktivisten ihr Ziel erreicht. Sie haben sich in Erinnerung gerufen und erhalten von den Bewohnern viel Anerkennung. Auch Guillaume Patinde strahlt über so viel Engagement der jungen Leute. Als er vor seine Haustür tritt und den Minibaum begutachtet, nickt er zufrieden. „Eine gute Aktion“, sagt er. „Früher stand in jedem Hof ein Baum. Doch das ist lange her, weil so viele gefällt wurden.“ Er macht das Tor einen Spalt weiter auf und erlaubt einen Blick in seinen Hof. Auch dort gibt es keinen Baum mehr.

Im ersten Moment wirkt das Pflanzen wie eine unpolitische Verschönerungsaktion. Doch Politik ist zentral für die Aktivisten der Bewegung „Balai Citoyen“, was übersetzt so viel bedeutet wie „Bürgerbesen“. Vorbild war „Y'en a marre“ (Es reicht) aus dem Senegal. Vor allem in der Hauptstadt Dakar machten die Anhänger gegen den alten Präsidenten Abdoulaye Wade mobil, der bei der Stichwahl im März 2012 schließlich seine Niederlage eingestehen musste.

Ex-Präsident Compaore nach 27 Jahren gestürzt

Auch die „Bürgerbesen“ haben in ihrer Heimat viel erreicht. Ihre Proteste führten im Oktober 2014 zum Sturz von Dauerherrscher Blaise Compaore, der Burkina Faso 27 Jahre lang regierte. In all seinen Jahren an der Staatsspitze galt das Sahelland mit seinen 18 Millionen Menschen stets als eines der ärmsten überhaupt.

Auch die 23-jährige Leila Sessima Pare kennt ihr Heimatland nur unter „Blaise“, wie der Ex-Präsident, der nach seinem Sturz in die Elfenbeinküste flüchtete, häufig genannt wird. Die junge Frau ist an diesem Morgen die einzige Aktivistin unter lauter Männern – was sie aber nicht stört: „Wir, das sind die Frauen und die jungen Leute, müssen einfach auf die Straßen gehen und für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung kämpfen“, fordert die Studentin der Wirtschaftswissenschaften.

Eric Kinda gehört zu den bekanntesten Aktivisten von Balai Citoyen.

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Möglich machen sollen das die Präsidentschaftswahlen am 11. Oktober. „Alles wird sich ändern“, sagt Leila. Sie blickt optimistisch in die Zukunft, ohne konkret zu werden. Eins dürfte jedoch nicht gelingen: einen so charismatischen Kandidaten zu finden wie ihr großes Vorbild Thomas Sankara (1949–1987). Viele der „Bürgerbesen“ sind gleichzeitig Anhänger des Offiziers, der nach einem Putsch 1984 an die Macht kam und drei Jahre später vom einstigen Weggefährten Compaore gestürzt und von Militärs ermordet wurde.

„Die Revolution ist für euch“

Bis heute wird Sankara in vielen Ländern als „Che Guevara Afrikas“ gefeiert. Auch Eric Kinda, einer der führenden Aktivisten der „Bürgerbesen“, ist begeistert und schwärmt während der Pflanzaktion immer wieder von ihm. „Die Revolution ist für euch, hat er [Sankara] gesagt“, erklärt Kinda begeistert und beschreibt seinen Helden als offen und kritisch. Dass Sankara selbst zum Militär gehörte und putschte, stört Kinda wenig. „Er war intellektuell gut ausbildet.“

Auf weitaus weniger Begeisterung stößt der Held der Jungen im Moment jedoch bei der älteren Generation, die ihn noch selbst als Machthaber erlebte. Und auch Guillaume Patinde aus Karpala winkt ab; er will sich von der allzu hoffnungsvollen Stimmung nicht anstecken lassen. „Den großen Wandel wird es nach dem 11. Oktober nicht geben“, sagt er skeptisch und schaut noch einmal nach dem winzigen Moringa-Baum vor seinem Haus. Dann erst nickt er noch einmal zufrieden. Dass die „Bürgerbesen“ ausgerechnet Pflanzaktionen organisieren, ist kein Zufall. Schon ihr Idol Sankara forderte, etwas gegen die Verschlechterung des Bodens zu unternehmen.

Von Katrin Gänsler (KNA)

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