„Wir beugen uns nicht der Gewalt“nicht der Gewalt“

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  • Flüchtlinge - 22.07.2015

Brände, Schüsse, Steinwürfe: Die Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte häufen sich. Der Hildesheimer katholische Bischof Norbert Trelle, Vorsitzender der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz, fordert von Politik und Gesellschaft, klar Position dagegen zu beziehen. Im Interview spricht er außerdem über Asylbewerber vom Westbalkan und die Verteilungsprobleme innerhalb der Europäischen Union.

Frage: Bischof Trelle, woran liegt es nach Ihrer Einschätzung, dass sich die Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte häufen?

Trelle: Augenblicklich erleben wir geradezu eine Welle von Angriffen auf Flüchtlingsheime. Das mag damit zusammenhängen, dass angesichts der Kriege und Bürgerkriege im Mittleren Osten und in Teilen Afrikas derzeit besonders viele Menschen bei uns Schutz suchen und bestimmte extremistische Kreise darauf hoffen, mit Gewalttaten Ängste in der Bevölkerung bedienen und zugleich schüren zu können.

Die Publizität der Ereignisse tut natürlich ein Übriges: Gewaltbereite Rechtsextremisten fühlen sich zu eigenem Handeln ermutigt, wenn sie die Nachrichten über Anschläge andernorts hören. In dieser Situation müssen Gesellschaft und Politik einhellige und unzweideutige Botschaften geben. Nämlich: „Wir beugen uns nicht der Gewalt“. Und: Wir anerkennen die Verpflichtung einer wohlhabenden Gesellschaft, Flüchtlingen zu helfen.

„Asyl ist ein individuelles Menschenrecht.“

— Bischof Norbert Trelle

Bischof Trelle spricht sich für eine Willkommenskultur für Flüchtlinge aus.

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Frage: Bayern will Flüchtlinge vom Westbalkan künftig schneller abschieben. Nachvollziehbar – oder werden Vorurteile mit Vokabeln wie „Asylzustrom“ noch verstärkt?

Trelle: Natürlich ist die Situation auf dem Balkan nicht vergleichbar mit der Lage in Syrien oder im Irak. Das schlägt sich auch in den Anerkennungsquoten bei Asylbewerbern nieder. Dennoch: Asyl ist ein individuelles Menschenrecht. Und ein kleinerer Teil der Asylbewerber vom Balkan wird in Deutschland auch anerkannt. Die immer weitergehende Ausweitung der Liste „sicherer Herkunftsländer“ ist deshalb nicht unproblematisch. Was die Sprache im öffentlichen Raum betrifft, so sollten wir alle derzeit um besonders große Sorgfalt bemüht sein. Rhetorische Dramatisierung kann leicht zu einer Verschärfung der gesellschaftlichen Lage beitragen und lässt sich am Ende oft nicht wieder einfangen.

Frage: Die EU ringt um die Verteilung von 60.000 Flüchtlingen – wenig im Vergleich etwa zum Libanon. Was hält die Kirche von dieser Debatte?

Trelle: Verglichen mit den Lasten, die Länder wie der Libanon oder Jordanien tragen, ist der europäische Anteil an der Bewältigung der Flüchtlingsströme tatsächlich beschämend. In der Debatte über die Verteilung einiger Zehntausend Flüchtlinge geht es letztlich aber wohl eher um die Architektur des gemeinsamen europäischen Asylsystems. Die Dublin-Verordnung sieht vor, dass Asylanträge dort zu bearbeiten sind, wo der Flüchtling erstmals den Boden der EU betreten hat. Hier müssen in der Tat bessere und gerechtere Lösungen gefunden werden. Man kann schon den Eindruck gewinnen, dass manche Staaten ein sehr eng gefasstes Selbstinteresse verfolgen und damit die europäische Integration beschädigen. Ohne Solidarität aber können weder Europa noch der Flüchtlingsschutz funktionieren.

Von Paula Konersmann (KNA)

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